„Night of Light“ an Dom und Stadthalle / Veranstaltungswirtschaft kämpft ums Überleben

Eine Branche sieht rot

Sie bangen um die Zukunft der Veranstaltungswirtschaft: Max Arlt (Max Music), Silvia Voige (Stadthalle) und Daniel Brettschneider (Team Selfmade). Gemeinsam mit anderen Vertretern der Branche werden sie am Montag Dom und Stadthalle in Rot erstrahlen lassen. 
Foto: Preuß
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Sie bangen um die Zukunft der Veranstaltungswirtschaft: Max Arlt (Max Music), Silvia Voige (Stadthalle) und Daniel Brettschneider (Team Selfmade). Gemeinsam mit anderen Vertretern der Branche werden sie am Montag Dom und Stadthalle in Rot erstrahlen lassen. Foto: Preuß

Verden – „Night of Light“, das klingt nach einem ganz besonderen Event, irgendwie festlich, stimmungsvoll, sehenswert. Und all das wird es auch sicher sein, wenn am Montag. 22 Juni, von 22 bis 1 Uhr, in Verden der Dom und die Stadthalle und bundesweit knapp 3 800 Gebäude leuchtend rot erstrahlen.

Der Hintergrund dieser Illumination ist allerdings ein ernster: Mit der Aktion wollen rund 4 000 Veranstaltungstechniker in ganz Deutschland auf ihre Situation aufmerksam machen. Die ist schnell umrissen: Alarmstufe Rot, die Branche ist vom Aussterben bedroht. Und die ist nicht unbedeutend: Eine Studie des Vereins R.I.F.L.E. mit Vertretern der Technischen Universität Chemnitz ergab, dass die Veranstaltungswirtschaft insgesamt einer der größten Sektoren der deutschen Wirtschaft ist und rund eine Million direkte Beschäftigte zählt, mit einem Jahresumsatz von rund 130 Milliarden Euro.

Nils Kamermann aus Holtebüttel mit seiner Firma SLK, Daniel Brettschneider und Marian Rohlfing vom Team Selfmade in Armsen sowie der Verdener Max Arlt (Max Music) sind es, die in Verden am Montag mit mehr als 70 Spots und Scheinwerfern ein Zeichen setzen wollen. Verbunden mit der Aufforderung an die Politik, endlich ein Konzept vorzulegen, das neben finanziellen Hilfen, die nicht an Kredite gekoppelt sind, eine gewisse Planungssicherheit gibt. „Wie kann man Veranstaltungen mit möglichst vielen Menschen machen?“, formuliert Silvia Voige, Veranstaltungsleiterin der Stadthalle, die Frage, deren Beantwortung jetzt drängt. Zur Einhaltung aller Hygiene- und Abstandsregeln könnten in der Stadthalle mit ihren sonst 617 Sitzplätzen nur noch 76 bis maximal 140 Zuschauer untergebracht werden, hat sie ausgerechnet. „Dann ist keine Veranstaltung kostendeckend möglich“, unterstreicht Silvia Voige, wie wichtig es ist, dass Berlin und Hannover jetzt reagieren.

Gemeinsam mit Daniel Brettschneider und Max Arlt steht Voige, nach eigenem Bekunden zurzeit eher Verlegungs- als Veranstaltungsmanagerin, der Presse Rede und Antwort. Arlt und Brettschneider haben sich für das Gespräch vor der Stadthalle in ihre Arbeitsklamotten geschmissen. Die hängen sonst seit Mitte März im Schrank. Die beiden und ihre Kollegen waren die ersten, die wegen der Corona-Pandemie ihre Arbeit einstellen mussten. Und sie werden, so befürchten sie, die Letzten sein, die wieder durchstarten können. Nicht nur, weil Großveranstaltungen bis Ende Oktober verboten bleiben sollen. Selbst bei der Aufhebung aller Beschränkungen rechnet Arlt mit etwa einem Jahr, „bis es wieder halbwegs läuft“. Denn dann müsse erst einmal die Angst aus den Köpfen der Menschen verschwunden sein.

„90 Prozent Einbußen“, fasst Brettschneider, der vor allem bei privaten Feiern für den guten Ton sorgt, die daraus resultierende (Not-)Lage zusammen. „90?“, fragt Arlt und schnaubt: „100 Prozent!“ Der 53-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren im Geschäft, stattete bereits unzählige Konzerte des Vereins Verdener Jazz- und Blues-Tage, das „Holtebüttel rockt“-Festival, die Domfestspiele und diverse Veranstaltungen in der Stadthalle mit Licht und Ton aus.

„Normalerweise ist diese Branche relativ sicher“, sagt Daniel Brettschneider. „Gefeiert wird ja immer.“ Doch jetzt sind er und seine Kollegen für keine Bank mehr kreditwürdig. Es sei „eine tote Branche“, habe man ihm gesagt, berichtet Max Arlt.

Er befürchtet, dass 80 Prozent der Unternehmen die Corona-Krise nicht überleben werden. Das heißt für ihn im Umkehrschluss: Wenn wieder alle Veranstaltungen erlaubt sind, gibt es niemanden mehr, der sie technisch ausstatten kann.

„Die Politik hat es nicht so richtig im Kopf, dass sie uns auch braucht“, sagt Daniel Brettschneider. Ohne Menschen wie ihn bliebe es auf den nächsten Parteitagen ganz still. Und zappenduster.

Von Katrin Preuss

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