Stippvisite auf der heiß diskutieren Pedalritter-Trasse über die Aller

Ein Radweg ins Niemandsland? Jein!

Kurze Pause am schönsten Punkt des Allerradweges: „Ich bin häufiger hier. Manchmal mehrmals pro Woche“, sagt Lars Pfaff.
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Kurze Pause am schönsten Punkt des Allerradweges: „Ich bin häufiger hier. Manchmal mehrmals pro Woche“, sagt Lars Pfaff.

Verden – Irgendwann standen sie am Scheideweg. Standen in Wahnebergen. Die beiden Tourenradler mit der professionellen Ausstattung. Jetzt geradeaus? Oder doch lieber abbiegen? „Wir sind ins Gespräch mit einer Passantin gekommen“, verrät Ursula Hammacher. Aus Richtung Hülsen radelten sie heran. Jetzt geradeaus und dann entlang der Bundesstraße nach Verden? Oder doch lieber abbiegen und auf den Allerradweg und dann in die Reiterstadt, die ja irgendwie auch eine Domstadt ist? Zwei Fragen. Für Pedalritter, die erstmals den Turn wagen, Schicksalsfragen. Ursula und Jörg Hammacher, Hammacher bitte mit zwei M, die Eheleute Hammacher also, sie leben in Pirmasens. Sie befinden sich auf Fahrradurlaub im Norden. Sie entscheiden sich für die kommunikative Lösung ihres Problems. Sie fragen nach. Und sie erhalten eine eindeutige Antwort. „Die Passantin hat uns den Allerradweg empfohlen.“

Einen Großteil des Weges haben sie an jenem Freitag bereits zurückgelegt. Kurz vor der Eisenbahnbrücke sind sie angekommen. Zur Rechten zwar die Züge, die gelegentlich vorbeidonnern. Aber zur linken schon die unendliche Weite, Romantik pur, die Allerwiesen, der Fluss, der in Sichtweite kommt, das Boot, das einsam seine Bahn zieht, der Angler, der die Ruhe genießt. Und dann die Hammachers. „Doch“, sagt er, „doch, dieser Weg war eine gute Entscheidung.“

Für Urlauber also eine gute Entscheidung. Die Hammachers dürften kein Einzelfall sein. Aber wie ist es mit den Pendlern? Mit den Radpendlern? Mit jenen, die nicht unbedingt Zeit zu verschenken haben. Sie wollen einfach nur schnell ankommen. Sie hatten in den vergangenen Wochen schon kräftige Kritik geäußert. Schlagzeilenträchtige Kritik. Der Allerradweg münde von Verden aus ins Niemandsland, sagte einer. Was natürlich gleich Gegenreaktionen auslöste. Wahnebergen, das sei doch kein Niemandsland, hieß es sogar aus berufenem Munde. Und wie ist es wirklich? Nachfrage bei denen, die es wissen müssen. Bei den Nutzern dieses Radweges.

Niemandsland? Der Verdener Gerhard Scharnhorst hat eine klare Antwort. „Jein!“, sagt er. Häufig sei er auf dem Allerradweg unterwegs, dessen Name politische Debatten ausgelöst hatte. Auch die Bezeichnung „Wahneberger Weg“ stand lange zur Diskussion. Aber ein Weg, den die Stadt Verden zu großen Teilen bezahlte, und dann Wahneberger Weg – passt irgendwie nicht. Also läuft alles auf den Allerradweg hinaus. Der Stadtrat will am Dienstag entscheiden. Gerhard Scharnhorst also auf der komfortablen Pedalritter-Trasse. Und das nicht zum ersten Male. Häufig sei er hier unterwegs. Und als solcher hat sein Urteil Gewicht. „Also, wer der Ausschilderung folgt, der landet im Niemandsland“, sagt er. Und damit sei diesmal nicht Wahnebergen gemeint. Wer von Verden komme und die Brücken überwunden habe und den grünen Schildern folge, tja, der lande im Nirgendwo zwischen Wahnebergen und der Bundesstraße. Dort jedenfalls, wohin Pendler nicht wollen. Sie wollen in Richtung Dörverden weiterfahren, und müssen dann nach Wahnebergen zurück. Oder sie haben das Ziel Westen und müssen dann nicht nur durch Wahnebergen, sondern auch noch durch den Bahntunnel. Beides also Umwege.

Aber der Herr Scharnhorst weiß, wie es läuft. „Habe ich oft genug beobachtet“, sagt er. Es hätte nur eines kurzen Stopps bedurft, dann hätte er‘s auch an jenem Freitag erleben können. Radler, die eben nicht den großen Schlenker fahren. Sie steuern nicht an den Wahneberger Sportplätzen vorbei. Sie schauen einfach nur, ob keiner guckt. Und dann eine 180-Grad-Kurve, eine abschüssige Piste, ein nächster kurzer Schlenker, und schon haben sie den ganzen Umweg über Wahnebergen gespart. Sie haben in Richtung Westen sogar schon die Bahnlinie hinter sich gelassen. „Super Abkürzung“, sagt einer.

Darf Schnellverbindung genutzt werden?

Die Frage eben nur, ob dieser Weg überhaupt genutzt werden darf. Diese Schnellverbindung. Ein mächtiges Verkehrsschild hat der Landkreis Verden aufstellen lassen. Durchfahrt verboten! Naturschutzgebiet! Und eine Erklärung wird gleich mitgeliefert. „Das Gebiet darf nur auf öffentlichen Wegen betreten werden.“ Betreten? Und was ist mit Radfahrern? Eine ganze Reihe Radler haben einsame Entscheidungen für sich selbst getroffen. Sie radeln hier lang. Und damit machen sie den Weg zu dem, wofür er gedacht ist, zur Abkürzung. Ob diese Passage tatsächlich auch offiziell durchfahren werden darf, kann vor Ort nicht geklärt werden. Achselzucken bei den Vorbeifahrenden.

Ob nun auf dem offiziellen oder dem Schleichweg, der Allerradweg hat jedenfalls Karriere gemacht. Ein Monitoring führte die Stadtverwaltung durch. Mehr als 15 000 Nutzer allein im April. Mehr als 14 000 im Mai. Und an Sonntagen sei die Frequenz am höchsten. Wahrscheinlich hat diese Verbindung längst den bisherigen Süd-Radweg entlang der Bundesstraße in Richtung Dörverden abgelöst. An jenem Freitag sind zwar auch am Rande der B 215 einige Radtouristen unterwegs, allerdings nur einige wenige. Die meisten zieht es bereits über die neue Allerbrücke.

Und wo sind jetzt die Radler aus Pirmasens geblieben? Die beiden M? Sie haben inzwischen die lange Brückenpassage zur Alten Burg in Verden erreicht. „Wir schauen uns jetzt die Stadt an“, sagt Jörg Hammacher. Was sie bei ihrer Reiseplanung besonders an Verden interessiere? „Nichts“, sagt er. Aber das wolle er nicht missverstanden wissen. Verden sei ein idealer Wegpunkt auf ihrer Radwanderkarte. „Wir lassen uns überraschen.“

Von Heinrich Kracke

Gern auf dieser Rundtour unterwegs: Dirk und Barbara Finke.
Abkürzung oder Weiterfahrt ins Niemandsland: An diesem Punkt scheiden sich die Geister.
„Eine gute Empfehlung“: Die Eheleute Hammacher kurz vor der Stadteinfahrt nach Verden.

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