Der eigene Tod ist oft ein Tabuthema

Eröffnung der Bibelgesprächsabende: Eberhard Walther (3.v.r) sprach mit Pastor Marko Stenzel, Stefanie Gebers, Wolfhard König, Axel Hartge und Claudia Ahrens (v.l.) über den Wandel in der Bestattungskultur. Foto: Haubrock

Tod und Trauer – ein Spiegel der heutigen Gesellschaft? Wie auch immer Betroffene sich entscheiden, mit dem Tod und der Bestattung ihrer Angehörigen umzugehen: im Vordergrund sollte immer die Würde des Menschen stehen. Aber auch Zeit und vielleicht auch Mut, zu Lebzeiten über die Art und Weise der Bestattung zu sprechen.

Verden – Die ökumenischen Bibelgesprächsabende sind am Donnerstag im Gemeindehaus St. Josef mit einer gut besuchten Podiumsdiskussion eröffnet worden. „Bestattungskultur im Wandel – Bleibt die Würde des Menschen gewahrt?“, lautete die zentrale Frage, zu der Eberhard Walther von der Gemeinde St. Josef Menschen mit verschiedenem Hintergrund befragte. Eingeladen waren Pastor Marko Stenzel, St. Johannisgemeinde, Beerdigungsleiter Wolfhard König, Claudia Ahrens vom Friedhofsamt, Axel Hartge vom Ruheforst Kirchlinteln sowie Stefanie Gebers vom Verein Sterneneltern Achim.

Claudia Ahrens sprach als Leiterin der Verwaltung der kirchlichen Friedhöfe über die verschiedenen dort möglichen Bestattungsformen. Grundlegend müsse man sich zwischen einer Erd- oder Feuerbestattung entscheiden. Viele möchten heute kein großes Grab mehr“, sagte sie. Bei einer Urnenbestattung könne man zwischen individuellen oder gemeinschaftlichen Gräbern wählen. Im Wald der Stille seien nur Urnenbeisetzungen möglich. Bedenken müsse man hier allerdings, dass Grabschmuck nur an den Obelisken abgelegt werden kann. „Viele wollen ihren Kindern nicht zur Last fallen und ihnen die Grabpflege aufbürden“, nennt Ahrens einen Grund für den Wandel in der Bestattungskultur. Oft würden sie mit ihren Kindern aber gar nicht über dieses Thema sprechen. „Eine Grabstätte kann heilend wirken“, weiß sie.

Axel Hartge, Förster von Beruf, stellte die Bestattung im Ruheforst Kirchlinteln vor. „Der Wald ist ein gleichbleibendes System und hat etwas Ruhendes“, beschrieb er. An einem Baum gibt es zwölf Bestattungsplätze für Urnen. Sie können einzeln erworben werden, es kann aber auch ein ganzer Baum als Familienbaum gekauft werden. Die Grabstelle kann auch bereits zu Lebzeiten erworben werden. Die Trauerfeier können die Angehörigen frei gestalten. „Für die christliche Trauerfeier gibt es auch einen Andachtsplatz mit einem Kreuz“, so Hartge. Als Vorteil dieser Bestattungsform nannte er die entfallende Grabpflege. Allerdings müsse man sich auch darüber im Klaren sein, dass kein Grabschmuck im Wald abgelegt werden darf. Auch seien die Ruhebiotope mit Rollstuhl oder Rollator manchmal nur schwer zu erreichen.

Aus einer anderen Perspektive sprach Wolfhard König. Er wurde vom Bistum Hildesheim als ehrenamtlicher Beerdigungsleiter ausgebildet. Die Beisetzung sei keine Aufgabe, die zwingend ein Pfarrer übernehmen müsse, erklärte er. „Ihnen fehlt die Zeit. Wir Ehrenamtliche haben diese Zeit und sitzen oft mehrere Stunden mit den Angehörigen zusammen.“ Nach seiner Beobachtung habe sich das Thema Sterben und Tod in den letzten Jahren gewandelt. „Die Menschen tabuisieren ihren eigenen Tod auch vor sich selbst, das halte ich für problematisch“, so König. Tod und Trauer sei ein Spiegel der heutigen Gesellschaft, individueller und ökonomischer.

Stefanie Gebers, erste Vorsitzende des Vereins Sterneneltern Achim hat ihr zweites Kind 2013 in der 17. Schwangerschaftswoche still geboren. „Ich wurde damals nicht begleitet, bekam keinerlei Information. So ist der Wunsch entstanden, anderen Familien in einer ähnlichen Situation Hilfe und Unterstützung anzubieten“, erzählte sie. Es begann mit einer Selbsthilfegruppe, die auch heute noch das Herzstück des Vereins ist. Ein wichtiges Anliegen der Sterneneltern sei es auch, still geborene Kinder würdig zu bestatten. Bis 1994 lag in Niedersachsen die Bestattungsgrenze bei 1000 Gramm, leichtere Kinder wurden als Klinikmüll entsorgt. Seit 1994 liegt diese Grenze bei 500 Gramm, aber die Eltern haben das Recht, auch leichtere Kinder bestatten zu lassen. „Viele Kliniken bieten zweimal im Jahr eine Gemeinschaftsbestattung an“, informierte Gebers. Auch auf dem Waldfriedhof gibt es ein Gräberfeld für still geborene Kinder, der Ruheforst Kirchlinteln verfügt über ein „Regenbogenfeld“.

Der Verein Sterneneltern Achim vermittelt auch Fotografen, die die still Geborenen fotografieren. „Wir haben wenig Zeit, Erinnerungen zu schaffen, diese muss man so gut wie möglich füllen“, weiß Gebers.

Pastor Stenzel berichtete von seinen Besuchen bei trauernden Angehörigen. „Ich möchte verstehen, was der Verstorbene für ein Mensch gewesen ist, dann kann ich die richtigen Worte des Trostes finden.“ Grundsätzlich sei jede Bestattungsform würdevoll, wenn sie die Menschen abholt und begleitet. Er wünscht sich, dass sich die Menschen Zeit nehmen, mit ihren Angehörigen darüber zu sprechen, wie sie bestattet werden möchten.  ahk

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