Domweih sehr frühzeitig beerdigt

Alle Jahre wieder: Die Beerdigungsgemeinschaft Domweih zieht über die Festmeile. Dieses Jahr nicht. 
Foto: röttjer
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Alle Jahre wieder: Die Beerdigungsgemeinschaft Domweih zieht über die Festmeile. Dieses Jahr nicht. Foto: röttjer

Verden – Keine Domweih, die fünfte Jahreszeit wurde mit Beginn der Pandemie beerdigt. Eine Tradition, die auf seltsame Weise dennoch erfüllt wurde. Da hilft nur Gelassenheit und in Erinnerungen zu schwelgen.

Verden – „Es gibt auch noch ein Leben neben der Domweih“. Rein äußerlich nimmt das Ehepaar Renate und Franz-Josef Jurdzik die Absage gelassen, zu dem sie eine recht enge Verbindung haben. Seit über 30 Jahren machte sich das Ehepaar den letzten Abend einer jeden Domweih in Trauerkleidung auf den Weg zum Akzent-Hotel Höltje. Denn in den letzten Stunden prägt seit 1976 ein Trauerzug zur „Beerdigung“ der sechs tollen Tage die Szenerie auf dem Festplatz. Gestern hingegen nicht. „Aber wir stehen hinter der Entscheidung, die Domweih abzusagen, denn Gesundheit geht über alles“, betont Jurdzik. Zuletzt war die Domweih in den Jahren 1943 bis 1945 und davor im 17. Jahrhundert ausgefallen. Der Trauerzug wurde seit Gründung in 1976 nur einmal abgeblasen.

Knapp 30 Mitglieder zählt die Gemeinschaft, unter anderem aus Verden, Bendingbostel und weiteren Orten aus der Region. In Trauerkleidung finden sie sich bei Höltjes ein und sammeln sich nach einem ausgiebigen Büfett hinter dem geschmücktem Sarg. Gegen 20 Uhr folgt der Aufbruch in Richtung des Festplatzes. Vom Pöttjermarkt wird die Festmeile mit „einem Pastor“ an der Spitze von hinten „aufgerollt“. Direkt dahinter die Blasmusik-Gruppe, die mit getragener Musik und Märschen bis zum Schluss den Trauerzug begleitet.

„Diesmal bleiben die blank geputzten Schuhe staubfrei und auch die weitere Kleidung sowie Zylinder, weiße Handschuhe und Gesangbuch werden nicht gebraucht“, so Jurdziks. „Mal sehen, vielleicht sitzen wir heute Abend doch etwas wehmütig auf dem Sofa und rufen anhand von vielen Fotos und den Presseartikeln die Erinnerungen ab.“

Geprägt sind ihre Erinnerungen an die Erlebnisse bei dem vierstündigen Marsch über die Festmeile und den Begegnungen mit vielen netten Menschen. Dazu zählen zum Beispiel die Karussellfahrten mit dem Sarg, in früheren Zeiten auch schon mal im Kettenkarussell oder in der Hau-Ruck-Schaukel, jetzt nur noch im Rio-Express. „Als der Ranger das erste Mal in Verden war, gab es ein ganz besonderes Erlebnis“, so Jurdzik. Die Fahrgastzelle sei überkopf stehen geblieben und erst als die Musiker die Nationalhymne gespielt hätten, sei es weitergegangen: „Aber einige Musiker krabbelten danach auf dem Boden unter dem Ranger auf der Suche nach Mundstücken.“

Langsam bewegt sich der Trauerzug über die Domweih, wobei es unterwegs immer wieder Stopps an verschiedenen Ständen gibt. Vor einigen Jahren ist es eine Gruppe irischer Männer, die dieses Volksfest beim Besuch einer Firma kennenlernt und den Zug stoppt. Den wohl weitesten Weg legt in 2019 ein Ehepaar aus Perth/Australien zurück. Die aus Verden stammende und 1990 nach Australien ausgewanderte 62-jährige Bärbel Quigley (Niemeyer) wollte ihren Mann zeigen, wie dieses Fest gefeiert wird. Auch sie staunen über den Sarg mit dem gläsernen Deckel, der seit 2001 alle zwei Jahre im Einsatz ist. Unter der Abdeckung mit Plexiglas ist der Aufbau einer Domweih im Miniformat zu sehen. Dieser Katafalk wird allerdings nicht gegen Mitternacht an der Südbrücke in die Fluten herabgelassen. Unter den tragenden Klängen der begleitenden Musiker landet vielmehr ein älterer Holzsarg in der Aller, der anschließend von der Feuerwehr geborgen wird. Hunderte Besucher verfolgen auf der Südbrücke und am Allerufer das Schauspiel und freuen sich auf ein Feuerwerk.

Kurzfristig abgesagt werden müssen Trauerzug und Beerdigung im Jahr 1999. Die für eine notwendige Absicherung der Veranstaltung zuständige Verdener Feuerwehr ist zu einem Großbrand im Industriegebiet alarmiert worden und steht dem kleinen Umzug nicht zur Verfügung. Gefrustet davon wird eine Kneipe an der Südbrücke aufgesucht und der Sarg im Vorraum deponiert.

Als kurz nach Mitternacht die Trauergemeinde den Heimweg antreten will und der Sarg im Lagerraum verfrachtet werden soll, wird der Frust noch größer, das Requisit ist verschwunden. „Spaßvögel“ und „kriminell“ sind nur einige der Schimpfwörter. Erst einige Wochen später taucht er wieder auf. Daraus wird der Slogan: „Wer den Sarg klaut, bezahlt die Domweih.“

Von Harald Röttjer

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