Eindrucksvolle Vorstellung von „Woyzeck“

Theater AG des Domgymnasiums: „Woyzeck“ und die Hoffnungslosigkeit eines Außenseiters

Woyzeck in seiner totalen Hilflosigkeit auf der Bühne
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Woyzeck im Abseits der Gesellschaft ist in seiner totalen Hilflosigkeit den Experimenten der Medizin ausgeliefert.

Verden – „Das war ein sehr beindruckender Abend.“ „Da hat man noch länger was zum Nachdenken.“ „Eine überzeugende Leistung der jungen Darsteller. Ich bin wirklich bewegt.“ Das sind nur einige wenige der begeisterten Reaktionen, auf die rundum sehenswerte Premiere von „Woyzeck“, die die Theater AG des Domgymnasiums Verden unter Leitung der Lehrkräfte Vanessa Galli und Christian Bode am Dienstagabend als zeitgemäßes Lehrstück auf die Bühne der Schulaula brachte.

Verdener Publikum in der Schulaula: Begeisterte Reaktionen auf die rundum sehenswerte Premiere

Mobbing, Zynismus, Macht, Hierarchien, Gewalt und letztlich Mord stehen im Fokus der deutlich verjüngten Inszenierung des Stücks, das wegen des frühen Todes von Büchner 1879 nur als Dramenfragment vorhanden ist. Von der Theater AG wurde der vermeintlich alte „Woyzeck“ zwar in neuzeitliche Wirtschaftsstrukturen katapultiert, was Büchners Intention jedoch keineswegs schadet, da die von ihm parabelhaft gestellte Fragen nach der Suche nach dem Sinn des Lebens, wie Fanatismus und Abhängigkeiten entstehen oder was einen guten Menschen ausmacht, zeitlos wirken.

Theater als Spiegel der Gesellschaft damals wie heute

Am Beispiel von Franz Woyzeck wird gestochen scharf skizziert, wie Gesellschaft (damals wie heute) mit Außenseitern umspringt und sie sich für eigene Ziele und zum eigenen Nutzen zu Eigen macht. Wie der unter Zwangsvorstellungen leidende, einfache Mensch, sich für Geld für seltsame medizinische Versuche zur Verfügung stellt und nur noch Präparate zu sich nimmt, um seine Geliebte Marie und den unehelichen Buben durchzubringen. Wie er zunehmend dem Wahn verfällt, wie er katzbuckelt, gedemütigt und missbraucht wird, wie er argwöhnisch, wie ein wildes Tier seine Umgebung beobachtet und am Ende Marie, die ihn mit einem Tambourmajor betrügt, ersticht, weil er ohne jede Hoffnung ist.

Am Beispiel von Franz Woyzeck wird gestochen scharf skizziert, wie mit Außenseitern umgegangen wird

Bemerkenswert, wie sich die insgesamt acht Darsteller – überwiegend Abiturienten – in ihre Rollen hineinschmeißen, wie sie mit Sprachmelodie arbeiten und mit Mimik agieren, und so ihren jeweiligen Figuren klare Struktur geben und in Anlehnung an die literarische Vorlage hohen Wiedererkennungswert verleihen. Erstaunlich auch, wie präzise das Zusammenspiel angesichts erschwerter Probenbedingungen wegen Corona klappt, wie jede der Figuren ihren eigenen Raum hat, bis hinein in die kleinste Rolle auch wenn der Fokus unverkennbar auf Woyzeck und Marie liegt.

Präzises Zusammenspiel klappt trotz erschwerter Probenbedingungen wegen Corona

Einige Szenen sind besonders beeindruckend: Etwa, wenn Nils Ewert als Woyzeck umgeben von sämtlichen Mitspielern mitten auf der Bühne steht, so, als wäre er dort tatsächlich allein und laut sein ganzes Elend hinausschreit. Wie er dabei teils maßlos übertreibt, unentwegt seinen fliehenden Körper kratzend, den Blick fest auf das Publikum gerichtet, um dann wieder leise, klar und wahrhaftig zu werden. Eine weitere bedrückende Sequenz ist, wie er sich das Messer kauft, mit dem er Marie ersticht. Eine Szene, die das Publikum jedoch nur zu hören, nicht aber zu sehen bekommt. Im Übrigen eines von vielen Details, das die Qualität der Regie-Zugriffe unterstreicht.

Das Publikum – 60 Gäste waren zugelassen – zeigte sich von der Vorstellung tief beeindruckt.

Büchners „Woyzeck“ hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren

Dass Büchners „Woyzeck“ bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat, wurde eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Eine Tatsache, der am Ende der Premiere auch Schulleiterin Dr. Dorothea Blume großen Respekt zollte. Die Inszenierung spiegelt die Zeitlosigkeit von Büchners Werk, denn Fragen danach, warum jemand das tut, was er tut, warum der eine gewalttätig oder verrückt wird und der andere nicht, warum der eine stark ist oder einer wie Woyzeck das personifizierte Opfer ist, vermutlich auf ewig gesellschaftlich relevant bleiben. Und nicht zuletzt zeigt dieser Woyzeck, dass auch unter erschwerten Bedingungen durch Können und großes Engagement niveauvolles Theater durchaus machbar ist.

60 Personen-Premierenpublikum bedankt sich mit lange anhaltendem Beifall

Das wegen Corona auf nur 60 Personen reduzierte Premierenpublikum bedankte sich jedenfalls mit lange anhaltendem Beifall für diesen ersten von insgesamt drei Theaterabenden, der von Livemusik und Gesang perfekt flankiert wurde.

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