50 Jahre am Plattenberg und Jahrhunderte im Verdener Zentrum: Projekt von Campus-Schülerinnen

Die Nikolaikirche wird wieder sichtbar

Ein Gemälde des Heiligen Nikolaus lehnt an dem Tisch, auf dem das Modell der Kirche steht. Drumherum die Akteure imGemeindezentrum
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Den Heiligen Nikolaus, der Kirche und Gemeinde ihren Namen gegeben hat, lieferten die Schülerinnen gleich auf einem Gemälde dazu: Lehrerin Ursula Fisser-Blömer präsentierte mit Leona Jukovic und Xenia Maier, Heinrich Wessel und Pastor Holger Hermann (v.l.) im Gemeindezentrum die Ergebnisse der Projektarbeit.

Verden – Angefangen hatte alles damit, dass die Nikolaigemeinde zum 50. Geburtstag des Gemeindezentrums am Plattenberg den Blick auf eine lebendige Gegenwart werfen wollte. Dann aber öffnete sich ein Pfad, der tief in die Vergangenheit der Kirchengemeinde und der Stadt Verden führen sollte. Als sichtbares Zeugnis und ein Stück Geschichte zum Anfassen ließen Schülerinnen der Campus-Oberschule die nur noch in wenigen Resten vorhandene Nikolaikirche im Sandbergviertel in einem Modell neu erstehen.

Am ersten Advent 1971 feierte das Gemeindezentrum St. Nikolai seine Einweihung. Zum vollendeten halben Jahrhundert wollte Pastor Holger Herrmann auf die Arbeit im Verdener Stadtteil rund um den Plattenberg hinweisen. Das lebendige Geschehen mit dem Gemeindezentrum im Mittelpunkt, das sich nicht auf die kirchliche Arbeit beschränkt, war auch der Punkt, bei dem die Campus-Lehrerin Ursula Fisser-Blömer ins Spiel kommt. „Das Jubiläum sollte die Entwicklung des Stadtteils in den Mittelpunkt stellen“, berichtete sie beim Pressetermin.

Gemeinsam mit einem Wahlpflichtkurs des zehnten Jahrgangs begann sie Pädagogin die Entwicklung des Stadtteils seit 1960 aufzuarbeiten. „Die Schüler wollten die Bauphasen in Modellen sichtbar machen“, berichtete Fisser-Blömer. Drei von ihnen, Xenia Maier, Leona Jukovic und Sofia Wagner, hatten sich für ein Vorprojekt gemeldet, nach der Nikolaikirche zu forschen, von der noch kaum erkennbare Reste am Sandberg zu finden sein sollten. „Dann wurde eines der spannendsten Teilprojekte daraus“, bekannte die Lehrerin.

Spannendes Teilprojekt zum Jubiläum

Wie aber anfangen? Sieht man von dem nach der Kirche benannten Wallabschnitt ab, der wie bei Andreas- und Johanniskirche in deren Höhe benannt ist, drängen sich die Informationen über die verschwundene Kirche nicht gerade auf. Aber den engagierten Geschichtsforscherinnen kam das Glück zu Hilfe. Da war einmal der Besitzer der Immobilien am Sandberg, Carl Christian Hesse aus Hönisch, der sie mit Unterlagen und historischen Zeugnissen aus der Familiengeschichte versorgen konnte. Und da war Heinrich Wessel, der als Architekt mit bauhistorischem Sachverstand helfen konnte, einige Lücken der Überlieferung zu füllen.

Die drei Schülerinnen konnten so nicht nur die wechselvolle Geschichte der Kapelle nachvollziehen, sondern auch mit dem Verdener Baufachmann eine Rekonstruktion vorstellen. Damit verfügt die Nikolaigemeinde jetzt über ein Modell des Gotteshauses, in dem die Gemeinde ihren Anfang hatte.

„So oder zumindest etwa so könnte sie ausgesehen haben, als sie im 13. Jahrhundert gebaut wurde“, erläuterte Heinrich Wessel. Um das Jahr 1254, so haben die Schülerinnen den Quellen entnommen, sei die Nikolaikirche gebaut worden. Den 30-Jährigen Krieg hat sie erlebt und war auch in späteren Kriegswirren nicht geschont worden. Als Lazarett musste sie herhalten und wurde offenbar auch anderweitig zweckentfremdet.

Vom Gotteshaus zur Schnapsbrennerei

Bis ins frühe 19. Jahrhundert hat das Gotteshaus, im 17. Jahrhundert der Domgemeinde zugeschlagen, offenbar aber immer wieder seinen geistlichen Auftrag erfüllt. Auch als Garnisonskirche. Dann beschloss der Rat der Stadt Verden, die kleine Kirche am Sandberg zu verkaufen. „Am 2. August 1814 war das“, berichteten Xenia und Leona. Die Kapelle wurde weltlich und musste eine Kornbrennerei und eine Brauerei beherbergen.

Die Besitzer wechselten und immer wieder wurde das alte Bauwerk den jeweiligen Bedürfnissen angepasst. In neuerer Zeit sei sogar eine Diskothek und ein Fitness-Center im geschichtsträchtigen Gemäuer betrieben worden.

Nur ein Stückchen des Turmes

Dass schließlich nicht mehr viel von dem Kirchenbau zu erkennen war, lässt sich denken. Genaue Pläne oder gar Abmessungen gibt es nicht mehr, als Heinrich Wessel sich mit den Schülerinnen daran macht, die alte Kapelle im Model wieder sichtbar zu machen. Nur ein Stückchen des Turmes kann der Besucher des Sandbergviertels finden. Aber genau der konnte dem Verdener Architekten die entscheidenden Informationen liefern und so die Rekonstruktion des kompletten Baues ermöglichten. „Er misst in halber Höhe vier mal fünf Meter“, hat Wessel nachgemessen.

Verdener Künstler Erich Wessel

Ein altes Foto, das Reste des Chorraums vor dessen Abriss zeigt, half ebenfalls weiter. Daran waren noch deutlich die gotischen Spitzbögen und deren Anordnung zu erkennen. Und dann existiert noch ein Stich des Verdener Künstlers Erich Wessel aus dem Jahr 1927. Auch der bekannte Maler hatte sich offenbar Gedanken über das ursprüngliche Aussehen der Kapelle gemacht. „Die Proportionen sind teilweise aber nicht richtig“, hat sein Namensvetter festgestellt. So hoch wie in dem Druck sei der Turm sicher nie gewesen.

Die Rekonstruktion, die Heinrich Wessel aus dem kargen Material entwickelte, zeigt jedenfalls einen typischen gotischen Sakralbau, der etwa der Größe der Andreaskirche entspricht. „Die Gestaltung der Fenster, auch im Turm, sind natürlich pure Annahmen“, gibt Wessel zu.

Glanzstück einer Ausstellung

Eigentlich war der Plan gewesen, das Modell mit den Schülerinnen zusammen zu bauen. Die Arbeiten hatte auch schon hoffnungsvoll angefangen, aber dann hatte die Corona-Pandemie die Pläne durchkreuzt. Wessel musste es allein fertigstellen. Gemeinsam mit dem Bildmaterial und historischen Dokumenten, so stellt sich Gemeindepastor Holger Hermann vor, könnte das Modell aber das Glanzstück einer Ausstellung werden, die die Jubiläumsfeierlichkeiten der Nikolai-Gemeinde einfügt.

Von Ronald Klee

Die Rekonstruktion der alten Nikolaikirche hat Heinrich Wessel mit den Schülerinnen als Modell angefertigt.
Diesen Grundriss konnte Heinrich Wessel aus den vorliegenden Daten entwickeln.

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