„Die Lage ist ernst, sehr ernst“

Noch ein Idyll, aber schnell auch ein Hotspot: Die Familie hat sich kreisweit zum größten Gefahrenherd in der Pandemie entwickelt.
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Noch ein Idyll, aber schnell auch ein Hotspot: Die Familie hat sich kreisweit zum größten Gefahrenherd in der Pandemie entwickelt.

Corona kommt schleichend. Hinter den Hausfassaden breitet sich die Pandemie aus, in den Familien. Sie greift zunehmend auf ältere Semester über und sie ist in einem Risikogebiet wie dem Landkreis Verden nicht mehr aufzuhalten, jedenfalls kurzfristig nicht. „Die Lage ist ernst“, sagt Amtsärztin Jutta Dreyer, „sehr ernst.“

Verden/Achim – Die Inzidenzzahl 50 ein zufällig gewählter Grenzwert? Es hätte auch 181,6 sein können? Jener Wert also, der gegenwärtig für den Landkreis Verden gilt. „Ist es nicht“, sagt die Chefin des Gesundheitsamtes Verden, „bis zu 50 Neuinfektionen können wir nachverfolgen. Steigt das Infektionsgeschehen darüber hinaus, dann ist es nicht mehr möglich, innerhalb von 48 Stunden jede Infektionskette zu klären und sie zu isolieren.“ Klartext: Dann ist dem Virus Tür und Tor geöffnet. Ein Szenario, das gegenwärtig für die Region zwischen Otterstedt und Otersen gilt. Und das alles andere denn erfreuliche Entwicklungen nach sich zieht. Dreyer: „Nicht unwahrscheinlich, dass auch wir ähnliche Infektionszahlen erreichen wie die großen Hotspots Niedersachsens.“ Die Landkreise Cloppenburg und Vechta sowie die Stadt Delmenhorst melden gegenwärtig Inzidenzen nahe der 300er-Marke.

Und selbst wenn die Gesundheitsämter die Telefonplätze stapeln und ihnen die Mitarbeiter nur so zuflögen: Richtig nutzen würde es nichts mehr. „Die Arztpraxen sind überlastet, die Testlabore ebenfalls. Alle Kapazitäten gehen in die Knie.“ Nicht selten, dass es bis zu zwei Tage dauere, ehe ein Testtermin beim Arzt stattfindet. Genauso wenig selten, dass auf das Testergebnis vier weitere Tage gewartet werden müsse. „Da verstreicht zuweilen eine ganze Woche. Es verstreicht wertvolle Zeit“, sagt Dreyer. Und nicht ausgeschlossen, dass es noch schlimmer kommt. „Wir arbeiten mit drei Laboren zusammen. Zumindest eines vergibt inzwischen Limits. Die Tests, die wir einreichen dürfen, sind zahlenmäßig begrenzt.“ Insgesamt ein frustrierendes Schneeballsystem, wie sie findet. „Je höher die Inzidenzzahl, desto verzögerter die Testergebnisse.“

Bei der Suche nach Infektionsherden kristallisieren sich immer mehr die privatesten Kreise heraus. „Im Raum Verden/Achim sind es die Familien“, sagt Dreyer, „vorrangig die Familien, inzwischen auch immer häufiger der Arbeitsplatz.“ Die Amtsärztin glaubt ein Muster ausgemacht zu haben. „Das beginnt meinetwegen mit dem Positivtest des Vaters. Der Rest der Familie fühlt sich noch gut. Ein paar Tage später trifft es die Mutter. Dann vergehen wieder einige Tage, ehe die Kinder erste Symptome aufweisen. Und bis auch dafür Testergebnisse vorliegen, können locker zwei Wochen verstrichen sein.“ Zwar werde Quarantäne verhängt, klar, aber die Infektionskette werde trotzdem weitergetragen. „14 Tage, das ist oft der zeitliche Abstand, ehe eine zweite Welle einsetzt. Dann mit Schwager oder Schwägerin.“ Nicht selten, dass ein einziger familiärer Fall das Gesundheitsamt bis zu vier Wochen in Anspruch nehme.

Niemand sei mehr sicher vor dem Virus. „Betroffen sind Akademiker genauso wie Arbeiter.“ Und auch das Sommerphänomen mit überwiegend jüngeren Infizierten sei Schnee von gestern. „Mittlere Altersschichten werden zunehmend positiv getestet, auch die Risikogruppe der Über-60-Jährigen steht wieder im Fokus.“

Aber es sind nicht nur die Verzüge bei den Testergebnissen, die wenig Hoffnung versprühen, es sind auch die Kontakt-Kontrollen, die der Amtsärztin Sorgen bereiten. „Ob die Kontaktsperren eingehalten werden, das können wir nur noch stichprobenartig überprüfen.“ Gewiss, man reagiere im Gesundheitsamt sensibel, sobald der angerufene Quarantäne-Kandidat am Telefon schon mit seltsamen Fragen reagiere. Ob er denn diesen oder jenen wichtigen Termin noch wahrnehmen könne? „Das heißt für uns: auf jeden Fall Kontrollen fahren.“ Zu hoffen, man könne jeden Kontakt unterbinden, sei allerdings Illusion.

Nein, wenn denn eine relativ rasche Corona-Trendwende möglich sei, dann nur, wenn jeder den Ernst der Lage begreife. „Jetzt müssen sich wirklich alle an die Regeln halten“, sagt Dreyer, „sonst ist das Spiel verloren“. Zumal die Lage eine ganz andere sei als im Frühjahr. „Das Virus mag Kälte und trockene Heizungsluft. Da breitet es sich am besten aus.“

Von Heinrich Kracke

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