GEHEIMNISVOLLE ORTE: Der unscheinbare Wehrturm am Piepenbrink / Erinnerung an Hexenjagd

Der Zuckerbäckerin letzter Atemzug

700 Jahre immer nur der kleine Bruder der großen Türme: Der Wehrturm am Piepenbrink.
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700 Jahre immer nur der kleine Bruder der großen Türme: Der Wehrturm am Piepenbrink.

Verden – Früher verbreiteten die sechs Stockwerke Schrecken. Das steht mal fest. Fragen wir die Suckerbäckische, so sie denn noch reden könnte, oder die arme Mette Lüneburg, die anno 1564 den letzten noch verbliebenen kleinen Atem ihres kurzen Lebens aushauchte. Sie könnten den Schrecken schildern. Von Tod und Teufel könnten sie erzählen. Von der Hexenjagd. 400 Jahre her, aber wer die Stufen hinunter geht, dem läuft immer noch der Schauer über den Rücken. Die Stufen in den Kerker. Rechts die Bilder von der Folter, die Namen der Opfer, das Gräuel. Hinunter an den Erinnerungsort der Hexenjagd.

400 Jahre her, das sind Ewigkeiten, aber für den alten Wehrturm vom Piepenbrink sind sie ein Klacks. Schon zur Hexenjagd mit ihren größten Auswucherungen im 16. und 17. Jahrhundert galt dieser Turm als betagt. Schon 300 Jahre alt. Und wahrscheinlich genoss er in den Jahrhunderten der Hexenjagd bereits jenen Ruf, den er heute genießt. Fällt in den Blick, irgendwie angsteinflößend, aber würde er fehlen, es würde keiner merken.

Als im Schlot noch Rauch aufstieg

Rundgelaufene Treppenstufen. Wer den Turm erkundet, der stiefelt zunächst durch das Scharfrichterhaus. Ins Obergeschoss. Alles mit viel Gefühl aufgemöbelt. Hier lebt die Geschichte. Nicht die des Scharfrichters, sondern die des Denkmalschutzes. Das Fachwerk behutsam herausgeputzt. Bis in die Decke herausgeputzt. Ein kurzer Weg noch. Vorbei an den mächtigen Ofenschapps, vorbei an den Eisentüren, hinter denen ein ebenso mächtiger Schlot zum Vorschein kommt. Ruß noch in diesem Schlot. Als sei es noch gar nicht so lange her, dass in ihm Rauch aufstieg und er so etwas wie Wärme versprühte in den Räumlichkeiten, die alles vermittelten, außer Wärme. Und dann die rundgelaufenen Treppenstufen. 13 an der Zahl. Rundgelaufen und knarzend, bei jedem Schritt knarzend. Das Treppenhaus eines 700 Jahre alten Turmes. 13 Stufen bis in die zweite Etage. Über dem Kopf erstrecken sich vier weitere Stockwerke.

Ein Turm, der immer der kleine Bruder blieb

Klingt hoch. Aber das ist auch in diesem Fall eine Sache der Perspektive. Früher war der Turm schon hoch, aber andere waren höher. Das Nordertor war höher. Der Wehrturm ist auf alten Stichen nur als der kleine Bruder des Nordertors dargestellt. Und er wuchs auch vor 200 Jahren nicht, damals, als die Stadt mal wieder Geld brauchte und die Ziegel ihrer Stadtmauer verscherbelte und das Nordertor Stein für Stein in Schubkarren landete und andernorts daraus neue Häuser entstanden.

Der Wehrturm wuchs nicht. Bis heute nicht. Das Nordertor mag als Konkurrent ausgeschieden sein, aber andere sind erwachsen. Kürzlich erst der neue Turm vom Nordertor. Arztpraxen sind hier eingezogen. Ganz oben ein Zahnarzt. Müssen jetzt Zahnarztinstrumente herhalten, um den neuen Schrecken des Nordertors zu schildern? Müssen nicht. Gleich gegenüber nämlich erwuchs schon vor langem ein neuer Turm, der auch nicht ohne ist. Nicht Schrecken für alle, auch der Wehrturm hat ja nicht alle in Schrecken versetzt, sondern Schrecken nur für einige wenige. Die neue Skyline an der Aller. Darf man sie so nennen? Ist es nicht überkandidelt? Gut, nennen wir sie die Höhenlinie. Darin jedenfalls ist der Wehrturm mit seinen 700 Jahren nicht zu entdecken. Andere verdecken ihn. Das Finanzamt zum Beispiel. Und dessen Schrecken, nicht für alle, aber für einige, dessen Schrecken auch.

Einst waffenstarrend in der Landschaft

Der kleine Bruder unter den Türmen, er fristet ein Mauerblümchendasein. Früher mag der Wehrturm, immer noch hoch, aber kleiner als andere Gebäude um ihn herum, waffenstarrend in der Landschaft gestanden haben. Die Schießscharten zeugen davon. Zugemauert sind sie inzwischen. Mit roten Verdener Backsteinen zugemauert. Steine und Mörtel füllen die Mauer von vorn bis hinten, einen Meter dicke Mauern. Manchmal noch dicker. Zurecht zugemauert. Schießen muss niemand mehr. Mit Kimme und Korn und Schrot jedenfalls nicht. Geschossen wird per Digitalkamera, geschossen werden Bilder, vor allem unter dem Turm und in dessen Sichtweite. Auch das verläuft nicht ohne Schrecken. Wer hier in seinem Auto die Parkscheibe sich selbst überlässt, dem droht Post vom Amt, dem droht eine Schrecksekunde beim Öffnen des Briefes. Oft mit einem Foto garniert. Billig ist das nicht.

Und oben nur noch Luft, nur noch Geschichte

Aber dafür kann der Turm nichts, jener Turm, der aus 700 Jahren Verdener Geschichte erzählt. Ein Symbol der Historie. Wer die rundgelaufenen Stufen emporklettert, der atmet Geschichte. Selbst wenn der Turm heute quasi in der dritten Etage endet, weil hier die Räumlichkeiten enden, und darüber nur noch Turm ist und Luft und ein paar Balken und ganz oben das Dach und mehr nicht. Geschichte füllt den Raum zwischen den Mauern trotzdem. Und da ist viel Raum, und viel Geschichte. Eine Leiter führt in die höchste Höhe. Darüber endgültig nur noch Luft und Historie, begrenzt von Mauern, die schon in Pestzeiten allem trotzten, und zu Zeiten der spanischen Grippe allem trotzten, und jetzt gewiss auch Corona trotzen. Verdener Backstein kennt keine Furcht vor Covid-19.

Leer ist es jetzt da oben, ein paar Spinnweben vielleicht noch, etwas Staub, der sich niederlegt und zuweilen gekehrt wird, aber sonst nichts. Sonst Ruhe. Vor zehn Jahren herrschten andere Sitten im alten, hohen, aber keinesfalls höchsten Turm. Vor zehn Jahren keiften sie und stritten da oben unter dem Dach und darunter. Riesentheater. Krähen. Hineingeflogen sind sie, hereingekommen, ein bisschen wie die armen Menschen vor 300 Jahren, hereingekommen, aber nicht hinaus. Einige verendeten in diesem Turm. Einige Krähen. Die Stadtverwaltung entschied sich diesmal nicht für ein Verscherbeln der Backsteine, sie entschied sich für ein neues Dach. Alles viel teurer geworden als geplant. Aber seither ist Ruhe. Keine Krähe kriecht hinein. Kein Getier, nichts mehr, niemand. Spätestens oberhalb des vierten Stocks ist der Turm tot. Und wer glaubt, durch eines der Fenster, die hier oben nie geöffnet werden, wer glaubt, er könnte in dieser Höhe einen Blick über die Stadt erhaschen, der ist auch tot. Oder zumindest schwer verletzt. Er stürzt ab.

Rechts das Gräuel, links die Romantik

Dann lieber wieder nach unten. Eine Leiterlänge und 26 Stufen. Schnell gemacht. Und genauso fix durchs Scharfrichterhaus gestiefelt, und angekommen auf dem Boden, dem gepflegten, und dem Garten, der hinter der hohen Stadtmauer ablenkt von dem Schauer, den der Turm entfacht. Romantisch angelegt ist der Garten, ein Kräutergarten. Eine Holzbank lädt zum Verweilen ein. Eben noch in der Jetztzeit, eben noch mitten in der Stadt, und nach nur einigen Schritten im Mittelalter. Eine wunderbare Zeitreise.

Warum ausgerechnet dieses unscheinbare Refugium erhalten blieb, während andere wichen und dem schnöden Automobil und dessen Sucht nach genügend Parkraum Platz machen mussten, das erschließt sich nicht sofort. Nicht schon im Garten. Dazu braucht der geneigte Besucher einen Schlüssel. Nur wer diesen Schlüssel hat, wer ihn abholt, gegenwärtig ist der Kneippverein Hüter des Schlüssels, wer ihn also beim Kneippverein abholt, dem erschließt sich die ganze Geschichte des Überlebens des alten Wehrturms.

Wieder Riegel, wieder Schmiedebogen

Ein massiver Riegel fällt in den Blick. Schwere Holzbohlen, die zu einer kleinen Tür verarbeitet sind, und daran dieser massive Eisenriegel. Und darüber ein geschmiedeter Bogen, eine zweite Verriegelung. Sind diese beiden Riegel verschlossen, dann kommt da keiner durch. Und selbst wenn, es gäbe immer noch kein Hinauskommen. Denn kurz hinter Tür eins erschließt sich Tür zwo. Wieder Riegel, wieder geschmiedeter Bogen, wieder kein Durchkommen. Jedenfalls für den, der hinter diesen beiden Türen gestrandet ist. Hinter diesen beiden Türen liegt eines der ersten Verdener Gefängnisse. Schon vor 190 Jahren wurde es eingerichtet. Damals, als die Stadtverwaltung Geld brauchte und die Ziegel der Stadtmauer verhökerte, aber auch ein Gefängnis brauchte, und der Wehrturm am Piepenbrink plötzlich wichtig war, und er deshalb unantastbar blieb, und er überlebte.

190 Jahre später sind diese Riegel nicht wirklich verschlossen. Eine moderne Glasbrücke öffnet sich hinter den Türen. Der Blick nach links führt zu den Hand- und Fußfesseln und Leibfesseln an der Wand, schmiedeeisenen Fesseln. Nicht die Originale, sie liegen gut verwahrt im Domherrenhaus, aber originalgetreue Nachbildungen. Schüler der BBS Dauelsen haben ihre Schmiedekunst bewiesen.

Schlafstatt und Toilette zugleich

Ob diese Fesseln tatsächlich gebraucht wurden, damals, anno 1830? Manchmal erzählen Stadtführer die ganze Geschichte. Wo in dem Turm jetzt eine Glasbrücke verläuft, da lag früher ein Holzboden mit einer Luke. Die Luke kurz geöffnet, schon waren Gefangene hineingeworfen. Sie fielen nicht tief. Vielleicht zwei Meter. Und wahrscheinlich fielen sie auch nicht sonderlich hart. Stroh war damals in Verdens erstem Knast ausgelegt. Stroh auf steinerndem Boden, der einzige Komfort, mit dem der Kerker aufzuwarten vermochte. Schlafstatt und Toilette zugleich.

Und nicht unwahrscheinlich, dass es nicht nur unter dem Holzboden unangenehm zuging, sondern auch oberhalb. Irgendwo werden diese Foltern schließlich stattgefunden haben, von denen auf den Bildern die Rede ist. Den Bildern rechts von der Brücke. Die „Peinliche Befragung“, sie ist dort abgebildet. Das Quetschen der Hände, solange, bis dem armen Befragen endlich die Antworten über die Lippen kamen, die die Obrigkeit hören wollte. Oder das Einflößen heißer Flüssigkeiten.

Als dieser Erinnerungsort vor gut einem Jahrzehnt restauriert war und er der Öffentlichkeit übergeben wurde, da lag ganz tief unten wieder Stroh. „Den Geruch von Fäkalien müssen Sie sich hinzudenken“, pflegten Stadtführer mit einem Augenzwinkern zu sagen. Inzwischen liegt da kein Stroh mehr. „Da unten ist es feucht. Das Stroh moderte. Es stank. Es ist entfernt worden.“

Von Heinrich Kracke

Oberhalb der vierten Etage befindet sich nur noch Luft und Dach und Geschichte.
Mitten in der Stadt und dennoch weit weg: Der Kräutergarten am Fuße des Wehrturmes.
Erzählen von „rustikalem“ Umgang mit Gefangenen: Die Fuß- und Leibfesseln in der untersten Etage des Turms.

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