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Harald Nienaber staunt vor Glück: Der Fahrlehrer als Autopilot

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Von: Markus Wienken

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Auf dem „Lappen“ Spuren hinterlassen: Harald Nienaber mit seinem Führerschein.
Auf dem „Lappen“ Spuren hinterlassen: Harald Nienaber mit seinem Führerschein. © Markus Wienken

Als junger Bursche war Harald Nienaber auf der frisierten Hercules unterwegs. Mit 18 musste dann aber natürlich der Autoführerschein her. Ein abenteuerliches Unterfangen...

Verden – Den Führerschein? „Klar, der war mit 16 Pflicht.“ Harald Nienaber zögert nicht lange, der Vorsitzende des Kaufmännischen Vereins zu Verden zückt seinen „Lappen“, der tatsächlich in die Jahre gekommen ist. Das Bild, oder das, was noch darauf zu erkennen ist, zeigt einen Jugendlichen, der es damals faustdick hinter den Ohren hatte. „Na ja, so schlimm war es auch nicht.

Aber wir haben schon fleißig an unseren Kisten geschraubt.“ Ob das alles erlaubt war? Nienaber winkt aber. „Das waren einfach andere Zeiten.“

Mit dem Motorrad die Dorfdiscos abgeklappert

Melchiorshausen, vor den Toren von Bremen, damals war da der Hund begraben. Das Jahr 1971, Harald, 16 Jahre jung, Führerschein Klasse 4, den „Lappen“ in der Hand und rauf auf die Hercules. „Das war wie Weihnachten und Ostern zusammen an einem Tag, als ich mit dem Teil vom Hof fahren durfte. Plötzlich konnten wir überall hin.“ Den Helm auf, den heißen Ofen fest im Griff, den Wind um die Nase wehen lassen und dann am Wochenende die Diskotheken abklappern. „Das fanden nicht nur wir, das fanden auch die Mädels super“, lacht Nienaber.

Die Hercules, mit 100 Stundenkilometer über die Landstraße heizen, das war aber nur der Einstieg zum Aufstieg in die nächste Klasse. „Wir haben bei uns zu Hause an allem rumgebastelt, was mit Benzin angetrieben wurde.“ Platz war da, eine riesengroße Wiese hinter dem Haus, Nienaber und seine Kumpels tüftelten tagtäglich an alten Karren ‘rum und kachelten damit über den Familienbesitz. „Klar, Sprit war für uns vergleichsweise schon damals teuer, aber wir haben zusammengeschmissen, den Tank vollgemacht und Gas gegeben.“ Wenn der Tank leer war, das Geld fehlte? „Oma hat uns zum Kartoffelnsuchen auf den Acker geschickt. Danach war wieder Spritgeld in der Tasche.“ Keine Frage, solche Omas braucht das Land.

Bei der praktischen Prüfung lief‘s - bis es zum Einparken kam

Und dann der „richtige“ Führerschein, der Tag der Prüfung. Theorie hatte geklappt, den Bogen sauber abgearbeitet. Kein Problem! Und die Praxis? Nienaber kriegt bei der Erinnerung daran das Grinsen kaum aus dem Gesicht. Die Kumpels klopften ihm vorher wohlwollend auf die Schulter. Was sollte passieren? Rennen gefahren, auf dem Acker in Melchiorshausen, da waren doch ein paar Minuten in der Stadt, auf glattem Asphalt, ein Klacks. „Kein Problem, nicht mal Lampenfieber hatte ich vor der Prüfung“, so Nienaber.

Der Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz, der Prüfer auf dem Rücksitz, ein weiterer Kandidat daneben – und Nienaber am Lenkrad. Das Quartett orgelte los, allerdings nicht durch Melchiorshausen und schon gar nicht auf der bekannten Rennpiste hinterm Haus. „Es ging Richtung Bremen“, so Nienaber.

Den „Lappen“ schon so gut wie abgeschrieben

Nicht so ganz gewohntes Terrain, aber er kannte sich aus. Die Hercules ließ grüßen. Also, ganz unverkrampft, was sollte schon passieren. Durch die Straßen der Neustadt. „Lief echt super“, so damals der erste Eindruck. Vielleicht noch das Fenster runterkurbeln, Musik an? Lieber doch bis nach der Prüfung warten, rief sich Nienaber zur Ordnung. Dem Prüfer war’s vielleicht dennoch alles ein bisschen zu lässig, wie der junge Kerl da am Lenkrad saß. Also brachte der Amtmann von Amts wegen mal bisschen Adrenalin ins Spiel. „Die Parkbucht dahinten, schön rückwärts einparken“, so die knallharte Anweisung von der Rückbank. „Auch das, eigentlich eine leichte Übung, alles schon gemacht“, erinnert sich Nienaber. Aber, wie das Leben so spielt, er an der Lücke vorbei, den Rückwärtsgang rein, Lenkrad eingeschlagen – und Pustekuchen. „Gleich den völlig falschen Ansatz gewählt. Und da ging bei mir nichts mehr. Der Rhythmus war komplett weg. Wie vernagelt“, so Nienaber. „Den Lappen, die Tour mit den Kumpels, das hatte ich schon so gut wie abgeschrieben.“

Nicht aber sein Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz, der sich plötzlich nach hinten drehte, den Blick ins Führerhaus mit seiner gesamten üppigen Körperfülle versperrte und eine Unterhaltung mit dem Prüfer auf dem Rücksitz begann. Ehe der komplett verwirrte Prüfling nun völlig die Nerven verlor, griff der wendige Fahrlehrer Kandidat Nienaber ins Lenkrad, drehte einhändig hin und wieder her, sabbelte fleißig dabei in Richtung Rückbank – und bugsierte das Fahrzeug passgenau in die Lücke. „Autopilot anno 1974, ich war sprachlos und konnte nur noch staunen“, lacht Nienaber. „Das war einfach unfassbar.“

Und auch nach der gemeinsamen Prüfung war gut Lachen. „Wenn ik di nich hölpen harr, dann harst den Lappen nich kregen“, drückte der väterliche Fahrlehrer dem immer noch staunenden Prüfling den besagten „Lappen“ in die Hand.

Und dann? Der 18-Jährige machte sich freudestrahlend vom Acker und setzte sich – nein, nicht ins Auto, sondern aufs Motorrad. Klar, Klasse eins mal nebenbei, das gehörte auch zum Programm. Und die umgehende Spritztour mit den Kumpels auf zwei Rädern sowieso. Da brauchte Nienaber sich am Ende der Tour auch keine Sorgen beim (Rückwärts-)Einparken zu machen.

Von Markus Wienken

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