GEHEIMNISVOLLE ORTE (IV)

Das Verdener Mauerblümchen: Jeder kennt es, keiner sieht es

Graffiti
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Angsteinflößend, entsetzt, erwartungsfroh? Der Interpretationen sind bei diesem Gesicht einige möglich.

Verden – Er blickt auf die Menschen herab. Nicht irgendwie gelangweilt, eher schon interessiert, vielleicht sogar wild, ja, sagen wir, er blickt wild herab. Wenn es überhaupt ein Er ist. Kann auch eine Sie sein, die von oben herunter schaut, sie oder er mit schwarz gehaltenen Gesichtszügen, schwarz und blau, nicht die wärmsten Farben, nicht die freundlichsten, im Gegenteil, kalte Farben, die von Angst und Sorgen erzählen, von Entsetzen sogar, bestenfalls von Überraschung, nur bei gutem Willen zur Not erwartungsfroh.

Ein Antlitz, ganz oben links, von einem unbekannten Künstler in Szene gesetzt, auf schnödem Beton lebhaft in Szene gesetzt, ein lebendiges Gesicht, das anspricht. Also, eigentlich anspricht.

Papa und die Kleinen steuern länger drauf zu

Radler strampeln auf dieses Gesicht zu. Vier an der Zahl, Papa mit der Basecap und drei Jungs, einer mit Fußballtrikot, nicht Verdener Fußballtrikot, eher Inter Mailand, das Quartett steuert den blauschwarzen Gesichtszügen entgegen, ein Antlitz, von der Sonne wie von einem Scheinwerfer ins richtige Licht gesetzt. Die Augen oben, die auf die Menschen unten schauen, sie haben an diesem herrlichen Sommernachmittag in Verden das Zeug, in den Blick zu fallen. Wer auf der Trift unterwegs ist und dem schnurgeraden Weg durch den Nadelwald folgt, der steuert eine ganze Weile diesem Gesicht entgegen. Genügend Zeit wäre. Und tatsächlich wandern die Blicke der Vier von hier nach dort. Mal nach links, wo Inter Mailand sein eigenes Ding dreht und trödelt, mal nach rechts, wo das kleine BMX jenseits des befestigten Radweges die Geländegängigkeit ausprobiert. Umherstreifende Blicke also, alles erfassen sie, außer eines.

Keine Chance für Haken und Republikflucht

Jenes Denkmal, das zum Berliner Ring gehört wie die Milch zur Kuh, es fristet ein Dasein als Mauerblümchen. Wieder mal. Seit exakt 30 Jahren stehen die fünf Elemente der Berliner Mauer am Berliner Ring in Verden. Fünf Elemente mit dem prägnanten Betonrundbogen oben drüber, seit drei Jahrzehnten ein Mahnmal, vorher 28 Jahre ein Symbol des Schreckens. Der Rundbogen oben drüber verhinderte, dass sich stählerne Haken festzusetzen vermochten, sollte jemand versuchen, ein Seil über die Mauer zu schwingen und als Republikflüchtiger die DDR zu verlassen. In Verden ist daraus ein Ort des Mahnens geworden, der sogar mit Lichtzeichen auf sich aufmerksam macht. Eine Ampel steht nur wenige Meter neben der Mauer, eine Fußgängerampel. Wer den vielbefahrenen Berliner Ring passieren will, per pedes oder per Pedal, der folgt den Anweisungen eines Ost-Ampelmännchens. Der DDR-Verkehrspsychologe Karl Peglau schlug vor 60 Jahren besondere Zeichen vor, die das Sinnbild eines stehenden und eines gehenden Fußgängers zeigen. Spätere Gutachten belegen, dieses Überbleibsel aus sozialistischen Jahren ist in der Lage, „besonders Kinder und ältere Menschen in ihrem Verhalten zu beeinflussen“, wie es heißt.

In Verden funktioniert es. Papa Basecap ist mit Inter Mailand, mit BMX und einem dritten Kinderfahrrad auf dem Radweg am Berliner Ring angekommen. Die Mauer haben sie noch immer nicht in den Blick genommen, die Berliner Mauer, aber das Ampelmännchen, das erfassen sie. Sie beginnen sich zu formieren. Kein Inter, der mehr trödelt, kein BMX mehr auf Abwegen. Alles im Gänsemarsch, pardon: in Gänsefahrt, wenn es sowas gäbe.

„Zuerst war ich schon ziemlich verwundert“

Die Vier sind längst nicht die einzigen, die an diesem sommerlichen Tag Verdens wohl ungewöhnlichstem Museum einen Besuch abstatten. Einen Blumenstrauß trägt er vor sich her, der junge Mann, der die Stelle passiert. Die Temperaturen tun den Blumen nicht gut, das steht fest, die Zeit zum kurzen Innehalten, um seine Gedanken zu Mauer und Ampelmännchen zu äußern, nimmt er sich trotzdem. „Es fällt nicht wirklich auf, viele wissen es nicht“, sagt er. Als es ihn vor zwölf Jahren nach Verden verschlug, da sei er beim Anblick des Betonblocks schon ziemlich verwundert gewesen. Erinnerungen an die Teilung Deutschlands, nein, die habe er nicht. Zu jung. Zu schätzen weiß er es sehr wohl. „Ich hab’s mir genauer angesehen, erst die Mauer, dann das Ampelmännchen. Ich finde es cool, auch wenn man nicht mehr jeden Tag hinschaut. Eine tolle Sache.“

„Alles, was Historie ist, ist schön.“

Marina Greser kommt angeradelt. Diese Stelle des Berliner Rings überquert sie manchmal mehrfach am Tag. „Ich habe den Schrecken der Grenzen miterlebt, ich habe die Euphorie nach der Grenzöffnung erlebt“, sagt sie, „gut, dass daran erinnert wird. Ein zeitgemäßes Denkmal.“ Amör Abderra Hmani ist zu Fuß am Berliner Ring unterwegs. Als die Dinge passierten, die ihren Niederschlag jetzt ungefähr auf der Nahtstelle zwischen Verden und Borstel gefunden haben, da war für ihn Deutschland noch ein Niemandsland. Jetzt ist es längst seine Heimat. „Jeden Tag schaue ich mir die Mauerblöcke nicht an, gelegentlich schon, aber nicht jeden Tag.“ Er war sogar in Berlin, sagt er, er war an jenen Stellen, an denen Besucher den Mauerverlauf nachvollziehen können. „Ich habe ein Souvenir mitgebracht.“ Den Aufbau einiger Elemente in Verden halte er für wichtig. „Es rüttelt auf. Alles, was Historie ist, ist schön.“

BMX und Basecap vor dem Ampelmännchen

Wo sind BMX und Basecap geblieben? Aha. Anschauungsunterricht in Sachen Ampelmännchen nehmen sie. Alle. Das rote Männchen mit den ausgebreiteten Armen fixieren sie. Fast wäre es nicht zu einer DDR-Ampel an dieser Stelle gekommen, und auch nicht zu einer Berliner Mauer an diesem Platz. „Die Standortfrage war damals ein intensiv diskutiertes Thema im Verwaltungsausschuss“, erinnert sich der seinerzeitige Verdener Stadtdirektor Dirk Richter. Ursprünglich sei ein Platz am Stadion ins Auge gefasst, irgendwo an der Kreuzung Lindhooper Straße mit dem Berliner Ring. Hätten Stadionbesucher überhaupt mit diesem Denkmal etwas anfangen können? Wäre es nicht vielleicht sogar irritierend gewesen? Aus diesem Holz waren die Fragen geschnitzt, die erörtert wurden. „Und dann kam die Verkehrssicherheit hinzu“, sagt Richter, „Autos hätten hineinkrachen können, wer wollte es ausschließen, es hätte Verletzte geben können wegen eines am falschen Platz aufgestellten Denkmals.“ Der mittlere Bereich des Berliner Ringes galt als weniger umstritten. Hier steht es seit 30 Jahren, genaugenommen seit Oktober 1991. Autos sind bisher nicht hineingekracht.

Ein Platz für Hammer und Sichel

Der Schlüssel zum Standort, der Schlüssel generell zur Berliner Mauer an der Allermündung, er liegt in der Verdener Innenstadt, sozusagen in den Außenbereichen der Innenstadt. In einem romantischen Garten. Auch diese Gärten brauchen Gerätehütten. Zuweilen sind sie mit besonderen Erinnerungsstücken verschönert. Passen nicht mehr ins Haus, aber zum Wegwerfen zu schade. Also ins oder ans Gartenhaus damit. Die ihrige Holzbohlenhütte haben die Eheleute Wilkerling mit Souvenirs ausgestattet, die einst eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielten. Mit einer Plakette aus Metall zum Beispiel. Deutsche Demokratische Republik steht darauf, Hammer und Sichel haben ihren Platz gefunden. „Das sind die Plaketten, die an den Grenzpfählen zur westlichen Seite des Todesstreifens angebracht waren“, sagt Dirk Wilkerling. Aber er hat nicht nur jene Symbole angedübelt, die Bundesbürger sahen, näherten sie sich der Demarkationslinie. Er hat auch eines jener Schilder befestigt, die DDR-Bürgern galten, sofern sie in die Sichtweite des antiimperialistischen Schutzwalls gerieten. „Grenzgebiet, Betreten und Befahren verboten“ steht darauf.

Die Geschäftsidee des Abrisskommandos

Alles vielleicht Schnee von gestern, zum Glück Schnee von gestern, aber ihm sind diese Accessoires präsent. Dirk Wilkerling war in jenen Jahren des sich langsam auflösenden Ostblocks nach Berlin abgeordnet. Er, der Bundeswehrsoldat, dem es während des Kalten Krieges einige Zeit nicht gestattet war, der Stadt an der Spree einen Besuch abzustatten, er stand jetzt mittendrin. Und hatte alle Mühe überhaupt erstmal einen Überblick zu gewinnen. Das Jahr 1990, der Herbst des Jahres, die DDR aufgelöst, die ersten Mauerteile abgebaut, und plötzlich ging es zu wie im Taubenschlag. „Diese Betonblöcke hatten einen Wert, sie wurden nachgefragt“, sagt Wilkerling. Einige Bauarbeiter, so weiß man 30 Jahre später, entwickelten in jenen Wochen, in denen die DDR-Regierung vieles zu tun hatte, aber nicht auf die Idee kam, auch noch Preisschilder für Mauerteile zu beschriften, daraus ihre eigene Geschäftsidee. Klartext: Sie verkauften den Beton, fanden keine Einzahlungsstellen und steckten die Geldscheine in die eigene Tasche. „Das konnte so nicht bleiben.“

Wertvoll vor allem die bemalten Teile

Eine freie Fläche unweit des Brandenburger Tores, ein Sandstreifen, der unter dem Dach bundesdeutscher Behörden Unterschlupf fand, und schon war der Grundstein für eine irgendwie offizielle Verkaufsstelle von Souvenirs der Berliner Mauer gelegt. Allerdings ging nicht alles, was auf 170 Kilometern Ost- und West-Berlin getrennt hatte. „Wertvoll waren vor allem die Teile mit schönen Motiven darauf.“ Und die gingen in alle Welt, ins australische Sydney zum Beispiel, vor die Uno, einige Zeitgenossen behaupten sogar, den Berliner Beton habe es bis Moskau verschlagen. Künstlerisch unbehandelte Stücke wanderten untere anderem auf landwirtschaftliche Anwesen, als Silo-Rand führen sie ein zweites Leben.

Bisher keine weiteren Kosten verursacht

„Wir haben noch ein paar sehr schöne Objekte“, sagte Dirk Wilkerling bei einem seiner Heimatbesuche in Verden. „Zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz standen sie.“ Die Worte verhallten nicht ungehört. Der Stadtdirektor griff sie auf. 1600 Mark, so heißt es, machte Dirk Richter für die skurrile Kunst mit Einzigartigkeitsgarantie locker, ein Verdener Stahlbauer übernahm den Transport, und im Herbst 1991 war es geschehen. Knapp fünf Meter Berliner Mauer standen in Verden. „Eines der wenigen Denkmäler, die bisher keine weiteren Kosten verursacht haben“, sagt Richter heute.

Was einst die Welt trennte

BMX, Basecap und Inter Mailand haben inzwischen den Berliner Ring in Verden per Fahrrad gekreuzt. In Richtung Borstel sind sie unterwegs. Kein einziges Mal fiel ihr Blick auf das Denkmal, das einst die Welt trennte und jetzt an eines der finstersten Kapitel europäischer Geschichte erinnert. Aber vielleicht beim nächsten Mal. Gelegenheit wäre noch genug. Die Berliner Mauer mit dem mahnenden Gesicht oben links in der Ecke, diese Berliner Mauer verschwindet nicht so schnell.

Denkmal im Vorbeigehen: Die Berliner Mauer steht seit 30 Jahren in Verden, Teile jedenfalls davon. Sie fallen eigentlich in den Blick, eigentlich.

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