Pandemie-Ausbruch vor einem Jahr

„Corona-Ende? Vielleicht im Herbst“ - Zwischenbilanz im Kreis Verden

Vor einem Jahr noch Geheimsache, inzwischen eine alltägliche Meldung: die Infektionszahlen aus den einzelnen Gemeinden.
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Vor einem Jahr noch Geheimsache, inzwischen eine alltägliche Meldung: die Infektionszahlen aus den einzelnen Gemeinden.

Verden/Achim – Zuweilen wagt die meistzitierte Frau des Landkreises Verden auch Prognosen. Wann endlich ist es vorbei mit der Pandemie? Wenn es jemand weiß, dann doch bestimmt die Amtsärztin, dann Jutta Dreyer, sie muss es wissen. „Alles liegt an der Impfung“, sagt sie, „wenn wir genügend Impfstoff erhalten, und sich genügend Menschen impfen lassen, dann entspannt sich die Lage im Herbst.

“ Dann werde Corona beherrschbar. Wohlgemerkt: beherrschbar. Dass das Virus besiegt sei, davon könne in einem halben Jahr noch nicht die Rede sein. „Im Winter wird es voraussichtlich wieder zu Infektionen mit Covid 19 kommen.“

Als in Hülsen die blanke Angst umging

Genau ein Jahr ist es her, dass sie zum ersten Male in Sachen Pandemie Auskunft gab. Während das Robert-Koch-Institut die Gefahr für die Bevölkerung Ende Februar 2020 noch als „gering bis mäßig“ einstufte, ging im äußersten Zipfel des Landkreises, ging in Hülsen schon die blanke Angst um. Zwei Familien war eine „Kontaktreduzierung“ empfohlen worden, nachdem einer der Familienväter mit „deutlichen Erkältungssymptomen“ aus Italien zurückgekehrt war. Jutta Dreyer führte an Ort und Stelle die kreisweit ersten Tests durch. „Am Ende konnte Entwarnung gegeben werden.“ Zehn Tage später war es vorbei mit der angespannten Ruhe. Die erste Krisen-Pressekonferenz. Ein Oytener Ehepaar, just aus dem Skiurlaub zurückgekehrt, ging als erste Corona-Infektion im Landkreis Verden in die Geschichte ein.

Entscheidungen aus dem Bauch heraus

2600 positive Tests später zieht Jutta Dreyer eine ganz eigene Bilanz. „Es war ein Jahr, das mir die Augen geöffnet hat“, sagt sie. Und sie wird konkret: „Zu wissen, dass wir nichts wissen, das ist eine der Lehren.“ Jeden der 366 Tage habe sie Neues gelernt, über das Virus, über Schutzmasken, über Infektionswege, inzwischen auch über Mutationen. Und noch immer wisse man nicht alles, aber immerhin eines: „Wir müssen behutsam sein mit Lockerungen.“

Ähnlich argumentiert Landrat Peter Bohlmann. „Zu Beginn der Pandemie mussten wir viele Entscheidungen unter unsicheren Bedingungen und mit einem Mangel an gesichertem Wissen treffen.“ Entscheidungen aus dem Bauch heraus. „Anfänglich gab es noch keine Verordnungen des Landes und so waren die Landkreise als Gesundheits- und Ordnungsbehörden für die Umsetzung der Kontaktbeschränkungen zuständig.“ Schnell entwickelten sich jedoch Routinen im Umgang mit der Krise, so der Landrat.

Toilettenpapier und Hassmails

Er bezeichnet die lange Dauer der Krisenbewältigung als „belastend“. Bohlmann: „Das kennen wir weder aus der Finanzkrise von 2009 noch aus der Flüchtlingskrise im Winter 2015.“ Und noch konkreter: „Wenn mir jemand im Februar vergangenen Jahres kurz vor Pandemiebeginn gesagt hätte, wir würden uns von nun an und bis zum Sommer 2021 hauptsächlich mit der Rückverfolgung von Infektionsketten befassen müssen, mit Kontakteinschränkungen, mit Veranstaltungsverboten und mit Schulschließungen, wenn jemand ein solches Szenario voraus gesagt hätte, ich hätte es nicht für möglich gehalten.“

Die Bevölkerung reagierte seinerzeit panisch. Riesenrun auf die Regale. Toilettenpapier? Über Wochen vergriffen. Hefe und Mehl? Alles weg. Nudeln ebenfalls. Desinfektionsmittel und Seife zählten zur Mangelware mit seltsamen Auswüchsen beispielsweise in den Kliniken „Ob aus dem Haupteingang, aus den Fluren oder den Toiletten, überall wurde das Desinfektionsmittel bei uns schon aus den Spendern entwendet“, berichtet Dr. Peter Ahrens, Chefarzt in Verden. Selbst Masken seien gestohlen worden.

Misstrauen der Menschen im Umgang miteinander

Am schlimmsten in jenen Tagen aber das Misstrauen, das die Menschen im Umgang miteinander entwickelten. Mein Nachbar ist infiziert, darf seine Frau noch einfach so durch unser Dorf spazieren? So lautete noch eine der gemäßigten Fragen. Deutlich schärfere Reaktionen landeten in den Mail-Ordnern der Kreisverwaltung, darunter Hassattacken gegen Betroffene. Eine digitale Zuschrift eines Absenders aus dem Kreis Verden sei ihr im Gedächtnis geblieben, berichtet die Amtsärztin. Der Adressat forderte die sofortige Herausgabe der Adresse von betroffenen Personen forderte. Er wolle ihnen sinngemäß mal so richtig die Meinung geigen.

Andernorts sahen sich ganze Elternschaften von Schulklassen der Hetze ausgesetzt. Wie sie denn auf die Idee kämen, ihre möglicherweise infizierten Kinder aus der Skifreizeit zurück in die Region zu holen, mussten sie sich anhören. Die Verdener Amtsärztin erklärte seinerzeit, an ihrer Linie festzuhalten, die Wohnorte von Corona-Patienten nicht näher preiszugeben: „Der Landkreis Verden ist überschaubar, es gibt viele kleine Ortschaften, das ist eine brisante Mischung.“ Sie halte sich, sagt Dreyer, an eine Vorgabe des Landesgesundheitsamtes.

An der Grenze zur üblen Nachrede

Falschmeldungen befeuerten den damaligen explosiven Mix zusätzlich. Landrat Bohlmann etwa griff ausdrücklich jene Fake-News in Sozialen Medien auf, in denen ein Corona-Fall in einem Verdener Gastronomiebetrieb breitgetreten wurde. „Eine Erfindung“, sagt Bohlmann, „da ist nichts dran.“ Dieser Fall zeige, dass hier die Grenze zur üblen Nachrede, zur Verleumdung oder zur Gefährdung der Kreditwürdigkeit überschritten sei. Der Gastronom stellte Strafanzeige.

Großübung für Influenza vor der Pandemie

Allerdings fällt die Rückschau auf das Corona-Jahr nicht nur negativ aus. Kurz vor dem Ausbruch hatte es beim Landkreis eine Großübung für eine Influenza-Pandemie gegeben. „Diese Pläne haben wir ausgerollt“, sagt Dreyer, „die Strukturen der Stabsarbeit in der Behörden waren damit klar vorgegeben, wir mussten uns nicht mehr finden.“ Mit ganz praktischen Konsequenzen. „Wir brauchten zusätzliches Personal, vor allem in den Wochen mit der hohen Inzidenz. Darüber musste mit dem Landrat nicht lange verhandelt werden“, sagt sie, „wir mussten kein einziges Mal betteln.“ Bis zu hundert Beschäftigte aus den unterschiedlichsten Fachbereichen stand ihr zur Verfügung.

Und manchmal auch berührende Momente

Und manchmal erlebte sie auch berührende Momente. Im Herbst war es. Die Infektionszahlen stiegen so langsam. Die zweite Welle. Ein Beschäftigter in einer Firma war positiv getestet. Dessen Arbeitskollegen mussten aufgespürt werden. Unter ihnen auch der männliche Teil des ersten Corona-Falls im Landkreis Verden. „Wir hatten sogar Zeit zum kurzen Plausch“, sagt die Amtsärztin, „es geht ihnen gut.“ Auch eine wichtige Botschaft nach einem Jahr Pandemie.

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