Das Chaos wächst und die NS-Verwaltung beginnt Dokumente zu vernichten

Akten werden verbrannt

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Noch heute sind Pfeile am Mühlentor zu erkennen, die auf Luftschutzkeller hinweisen.

Verden - „Seit Ostern rücktder Feind schnell heran“, schreibt der Verdener Chronist Karl Nerger über die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Verden. Ostermontag war 1945 am 2. April. Alliierte Truppen von Engländern und Amerikanern stehen bei Bielefeld und Osnabrück. Danach wird der Weserabschnitt Kampfgebiet. Flüchtende ziehen durch die Stadt Verden, das Chaos wächst und die NS-Verwaltung fängt an, Spuren zu verwischen und Akten zu vernichten.

Der Abschnitt Verden untersteht zu der Zeit dem Kampfkommandanten Kapitän zur See Neitzel. „Neitzels Kampfauftrag war zu nächst die Weserverteidigung einschließlich der Brückenköpfe“, notiert Landgerichtspräsident Hermann Lindemann in diesen Tagen. Als Erster Beisitzer führt er seit 1942 die Geschäfte des Bürgermeisters.

Die Truppen verschanzen sich am Rand der Stadt. „Die Gärten am Allerufer werden mit Schützennestern und Maschinengewehr- sowie Flak-Ständen durchzogen, das Friederikengehölz gleicht einer kleinen Festung, Geschütze, Flakgeschütze und Werfer stehen, in den Kasernen und am Stadtrand“, beschreibt Nerger die Lage Anfang April.

Die Nächte sind geprägt von Tieffliegerangriffen. Bomben gehen nieder und es gibt Tote, Verletzte und Schäden an Häusern. „Die Bewohner der Eitzer Straße und des Cluventhals sind recht nervös, seit 2.4. schlafen sie in Kellern oder stehen gegen 2 Uhr auf“, ist bei Lindemann zu lesen.

Fahrräder bekommen in diesen Tagen eine große Bedeutung als Verkehrsmittel, damit Kämpfer, die mit der Verteidigung der Stadt befasst sind, dahin gelangen, wo sie nötig sind, „Soldaten in der Stadt machen regelrecht Jagd auf Drahtesel und nehmen sie auf der Straße mit, wo sie sie finden.“ Immer wiederholte Vorstellungen führen schließlich zur Anordnung des Stadtkommandanten, dass Fahrräder auf Vorrat zu beschlagnahmen sind.

Der Kampfkommandant beklagt sich, dass Truppenverschiebungen nicht schnell genug hätten vorgenommen werden können, weil die Stadt die verlangten Fahrräder nicht gestellt hätte. „Die Bevölkerung meint, viele Räder seien von desertierten Soldaten geraubt und gestohlen worden“, notiert Lindemann.

Der Landgerichtspräsiden hält am 4. April fest: „Die Bevölkerung beginnt in die Dörfer auszuwandern. Ich verbiete, die Stadtwerke zu zerstören und zu lähmen. Der Direktor und ich sind uns einig, dass die hin- und herschwankenden Verfügungen übrig bleiben, wollen auch nachher leben. Am Tag war Sturm auf die Bäckerläden, jeder will sich für die kommenden Tage versorgen.“

Im Rathaus und in anderen Amtsstuben der von der nationalsozialitischen Führung gleichgeschalteten Verwaltung gehen die Gedanken schon in diesen Tagen viel weiter. Offenbar ist das Bewusstsein schon vorhanden, dass die Siegermächte die Akteure des Naziregimes zur Rechenschaft ziehen werden. Lindemann notiert: „Kreisleitung und Gliederungen verbrennen ihre Akten. War sehr schmerzlich, ich hätte gerne manches Gliederungsamt und auch scheußliche Personalakten kennen gelernt. Die Geheimakten betreffend Kriegsmaßnahmen werden im Landgericht und im Rathause auftragsgemäß vernichtet.“ Die Anordnungen von oben veranlasse auch die Gauleitung, ihre Akten verbrennt. Zugleich, so berichtet er, wird Siegesgewissheit demonstriert. Hauptwiderstandslinie sei jetzt Verden-Visselhövede. Ähnliches beobachtet Lindemann zufällig auch bei der Bezirksregierung in Stade.

„Nachts Anruf: ,Feindliche Panzer bei Hoya‘. Schlaf beendet. Die Frage ist: Verden räumen oder dableiben. Ich weise überall darauf hin, daß man nur in die Wälder und Dörfer nach Nordosten ausweichen kann. Am 7. macht endlich der Kampfkommandant darauf aufmerksam, dass ein Verlassen der Stadt nicht nötig sei“, berichtet Lindemann.

kle

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