Im Domherrenhaus gibt es Zinnfiguren zum selbst gestalten

Bunte Stadtansicht aus einem Guss

Eine umfangreiche Zinnsammlung kann Museumsassistentin Gabi Müller präsentieren.

Verden - Prunkvolle Kannen, verzierte Becher und schwere Krüge, feines Besteck und sogar Spielzeug, die Familie Engels verstand sich aufs Zinngießen. Im Domherrenhaus – Historisches Museum ist dem Handwerk eine ganze Abteilung gewidmet, und wer mag, der kann sogar selbst ein wenig in die Fußstapfen von Wilhelm Ludewig Engels treten.

Wenn Gabi Müller durch die Räume des Domherrenhauses wandelt und mal ein bisschen Zeit übrig hat, dann bleibt sie gerne vor einer schmucken Vitrine stehen, in der es blinkt und blitzt. „Hunderte von Zinnfiguren, die ein wenig aus der Zeit gefallen zu scheinen“, so die Museumsassistentin. Da ist der Dragoner, der stolz und hoch zu Pferde den Säbel schwingt, um todesmutig in die Schlacht zu ziehen. Oder der Nachtwächter, der mit seiner Laterne für Licht und damit Sicherheit im dunklen Städtchen sorgt. Die Gouvernante kommt mit Hut und Taschentüchlein daher und der Dukatenscheißer ist fleißig bei der Arbeit, seinen Herrn mit Geld zu versorgten. „Ich finde es spannend, vor der Vitrine zu stehen und den Figuren eine Geschichte zu geben“, so Müller.

Was heute wie Spielerei aussieht, war damals ein hoch angesehenes Handwerk. Zinn als Rohstoff wurde zwar in Norddeutschland schon 1500 vor Christus bei der Bronzeherstellung genutzt, das Handwerk des Zinngießers hierzulande aber erst im 13. Jahrhundert heimisch.

Die Mitte des 18. Jahrhunderts, als Wilhelm Ludewig Engels mit seiner Familie in Verden lebte und eine eigene Zinngießerei betrieb, zählte sicherlich zur Blütezeit dieses Handwerks. „Zinngießer waren nur in größeren Städten anzutreffen. Ihre Produkte, vor allem Geschirr und Prunkgegenstände, setzten einen Kundenkreis mit gehobenen Ansprüchen voraus“, erklärt Müller. „Dazu zählten der Adel, die Geistlichkeit, reiche Patrizier und wohlhabende Kaufmänner.“

So viel gibt es aus dem Leben des Zinngießers Wilhelm Ludewig Engels nicht zu berichten. Erstmals erwähnt wurde er 1758 als Bürger, ehe er dann 1762 mit dem Handwerk sein Lohn und Brot verdiente. In seine Fußstapfen trat 1795 August Georg Friedrich Engels, der als Zinngießeramtmeister aktenkundig ist. Etwas ausführlicher die Daten über dessen Sohn und Nachfolger, Georg Friedrich Christian, der 1825 das Licht der Welt erblickte. Mit 18 Jahren legte er die Gesellenprüfung als Zinngießer in Braunschweig ab. Vom Militärdienst wurde er 1848 befreit, wohl deshalb, weil er in Verden, in der Großen Straße 38, die Geschäfte führen musste. Es dürfte auch die Zeit gewesen sein, wo das Zinngießens mehr und mehr an Bedeutung verlor. Das Porzellan machte sich seit 1750 in den Haushalten breit. Wie andere Zinngießer auch, musste sich Engels eine neue Verdienstquelle suchen. „Neben Dekorationsgegenständen war es vor allem Zinnspielzeug“, so Gabi Müller.

Und in dem Bereich hat Zinngießer Engels ganze Arbeit geleistet, die bis heute im Museum zu bewundern ist. Die Vorlagen für Figuren und Exponate, sogenannte Modeln, liegen sicher verwahrt im Schrank -- und sind regelmäßig im Einsatz. „Mit Holger Rattay haben wir einen Experten, der ganze Serien auf die Beine stellt“, so Stefan Berends. Was unter den geschickten Händen von Rattay, Mitglied der Bremen-Mahndorfer Zinnsammler, entsteht, kann sich sehen lassen. Neben Dragonern, Nachtwächtern, feinen Damen, Herrschaften, Mägden und Bauern gibt es ganze Serien wie Kaffeehaus-Szenen, Jahrmärkte und Wintervergnügen. „Das ist für uns schon ein Glücksfall“, so Gabi Müller. Auch deshalb, weil sich dieser Glücksfall ein bisschen zu Geld machen lässt. „Wer möchte, kann die Figuren oder auch komplette Szenen im Museum käuflich erwerben, selbst bemalen und sich dann vielleicht die eine oder andere Geschichte dazu ausdenken“, so die Museumsassistentin.

Weitere Infos

im Domherrenhaus in Verden, Untere Straße 13, Telefon 04231/2169 oder unter www.domherrenhaus.de.

Aus dem Domherrenhaus – Historisches Museum

Gründung der Vereinigung der Zinngießer 

In Nürnberg ist erstmals 1285 eine Handwerkervereinigung der Zinngießer urkundlich erwähnt. 1361 gab es dort schon 14 Meister dieses Handwerks. Auch an Messeplätzen wie Frankfurt/Main, wo 1387 fünf Kannengießer gezählt wurden, waren die Voraussetzungen für Produktion und Handel günstig. Ebenso wie in den großen norddeutschen Hansestädten, von wo aus die Zinnware nach England, Russland und Skandinavien verkauft wurde. Aufgrund seiner geringen Härte und leichten Schmelzbarkeit wurden dem reinen Zinn andere Metalle beigemischt. Geringe Mengen Kupfer und Wismut mit Zinn legiert wurden zu „klarerem lauterem Zinn“, während 1/5 bis 1/15 Blei als Zusatz sogenanntes „Probezinn“ ergaben und man bei einem Mischungsverhältnis von 1:4 bis 1:1 zwischen beiden Metallen von „Meng- oder Halbgut“ sprach. Da Blei wesentlich billiger als Zinn war, versuchte mancher Handwerker, durch Änderung des Legierungsverhältnisses Gewinn zu machen. Um die Käufer vor finanzieller Übervorteilung und Gesundheitsschäden durch einen zu hohen Bleianteil zu schützen, waren die Zinngießer vielerorts dazu verpflichtet, ihre Produkte je nach Zinnqualität mit unterschiedlichen Marken entsprechend zu kennzeichnen.

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