Erfahrungsbericht aus London

Brexit: Es ist wie ein böser Traum

Unterwegs für N24 in London: Arndt Striegler im Regierungsviertel, im Hintergrund Big Ben.

Verden/London - Von Arndt Striegler. „Rund zwei Wochen ist es her, als Sie, liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle erfahren konnten, wie ich, ein ehemaliger Verdener und Niedersachse, den „Brexit“ in Großbritannien aus nächster Nähe erlebte. Wobei vor zwei Wochen natürlich noch kein Brexit, also kein Austritt Großbritanniens aus der EU, spruchreif war. Jetzt aber ist er spruchreif.

Und auch auf die Gefahr hin, dass ich mich hier wiederhole: Was ich derzeit in London erlebe, ist – ehrlich gesagt – haarsträubend. Unglaublich. Unwirklich. Wie ein böser Traum. Ein böser Traum, der leider kein Traum mehr ist und der das Potenzial hat, auch das Leben in unserer ländlichen Region deutlich zu verändern.

Sie erinnern sich vielleicht: vor vielen Jahren – es war Anfang der 80er-Jahre – lernte ich bei dieser Zeitung als junger Volontär mein journalistisches Handwerkszeug. Es waren glückliche Jahre, in denen ich viele von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, persönlich kennenlernen konnte. Ob das nun Frau Thiele im unvergessenen „Astoria“-Kino am Holzmarkt war oder ein goldenes Hochzeitspaar in Ahnebergen oder Langwedel – wo immer ich als Lokalreporter damals auftauchte, wurde ich freundlich und nett empfangen. Das habe ich nicht vergessen. Und es fällt mir in diesen Tagen immer wieder ein, wenn ich in meinem Alltag in London mit Nachbarn rede oder englische Zeitungen wie „Sun“ oder „Times“ lese.

Warum? Ganz einfach – weil all das, was ich vor über 30 Jahren in Verden und umzu als junger Mensch über Weltoffenheit, Toleranz, Interesse an dem, was anders ist, lernte – all das kommt in Großbritannien in diesen Tagen kaum noch vor. Da beschweren sich meine Nachbarn, dass „zu viele Ausländer“ im örtlichen Park die Bänke blockierten. Da berichten die großen britischen Boulevard-Zeitungen, wie angeblich ganze Horden von ausgehungerten Ost-Europäern mit betrügerischen Absichten nur auf ihre Chance warteten, über den Ärmelkanal zu kommen, um den britischen Sozialstaat zu plündern.

Was natürlich de facto nicht stimmt. Die Zahl der Einwanderer nach Großbritannien ist im Vergleich zu Deutschland und anderen EU-Ländern nach wie vor verschwindend klein. Aber die Briten – um fair zu sein: viele, nicht alle Briten – fühlen sich trotzdem belagert. Angst vor Überfremdung. Angst vor einer neuen Welt, in der nationale Grenzen unwichtiger werden. London als weltoffene Großstadt? Eher nicht momentan.

Welch ein Unterschied zu Verden, Achim und anderen Städten und Ortschaften in unserer Region. Sicherlich, hier und da gibt es auch Probleme. Aber grundsätzlich, so mein Eindruck als inzwischen Fremd-Verdener, grundsätzlich werden Fremde immer noch freundlich und mit einer gewissen Neugierde in unserer Region begrüßt.

Unterwegs auf der Verdener Domweih

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: als ich vor rund zwei Wochen wieder einmal meine alte VAZ-Redaktion in der Verdener Innenstadt besuchte, durfte ich eine Kollegin zu einem Termin begleiten. Es ging um Flüchtlingskinder, die von großzügigen Verdenern eingeladen worden waren, auf der Verdener Domweih Spaß zu haben. Einfach nur so. Weil man wollte, dass sich diese kleinen Knirpse bei uns wohl fühlen.

Ich bezweifle, dass ich derartige Herzlichkeit und Großzügigkeit Asylbewerbern gegenüber derzeit bei mir in London erleben würde. Da wird eher vorgerechnet, wie viel „die Ausländer“ den britischen Staat und Steuerzahler kosten könnten.

Wie wichtig und historisch das Brexit-Drama wirklich ist, zeigt folgende Beobachtung: Mehr als eine Woche nach der Abstimmung ist Big Ben und das Londoner Regierungsviertel Whitehall noch immer umlagert von TV-Crews und Medien aus aller Welt. Auf den öffentlichen Plätzen und am Themse-Ufer gegenüber von Big Ben stehen nach wie vor die Zelte, die den Fernsehsendern als mobile Sendestudios dienen. Und bei meinem gestrigen Spaziergang rund um Big Ben habe ich nicht weniger als 23 Satelliten-Schüssel gezählt, die zur Übertragung der Sendesignale in alle Welt gebraucht werden. Normalerweise sind diese einen Tag nach einem großen Ereignis alle wieder verschwunden.

Wird der Brexit, wenn er denn kommt, Folgen für unseren örtlichen Landkreis haben? Das ist derzeit schwer zu beantworten, ist aber wahrscheinlich. Gespräche mit örtlichen Unternehmern jedenfalls deuten darauf hin, dass Geschäftsbeziehungen nach Großbritannien für örtliche Unternehmen schwieriger und teurer werden. Was nicht gut ist für den Handel. Und als Pferdefreund und passionierter Reiter frage ich mich, wie sich der Ausstieg Großbritanniens wohl auf die Pferdezucht und den Pferdesport und den Auktionsplatz Verden auswirken wird? Auch hier wird die Zeit Antworten geben.

Um das alles einmal kurz zusammenzufassen: Der Brexit dürfte nicht nur jeden von uns in der Region Verden und Achim in irgendeiner Form betreffen, er dürfte auch das Bild Europas grundlegend verändern. Und wenn ich mir an dieser Stelle einmal eine ganz private Anmerkung erlauben darf: Ich bin mir sicher, dass ich mich nach nunmehr 30 Jahren als Wahl-Brite nicht länger Teil einer Gesellschaft fühle, die sich abschottet und die einfache Antworten auf komplizierte Fragen und Probleme wie Einwanderung sucht. Was das bedeutet? Ich weiß es nicht.

Aber plötzlich fallen mir meine glücklichen Jugendtage in Verden-Eitze ein, wo meine Familie damals Freunde hatte und wo, noch bevor mein Volontariat begannn, ich viele glückliche Sommer genoss. Damals durfte ich auf den Aller-Wiesen in Eitze ein Shetland-Pony reiten. Es war auf einem Auge blind, recht eigenwillig und hieß „Zigeuner“.

Genau so fühle ich mich auch gerade: als „traveller“, wie Roma und Sinti im Englischen auch genannt werden. Ein Reisender. Next Stopp: unbekannt.

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