Artenvielfalt: Kreislandwirt und Nabu-Kreisvorsitzender im Streitgespräch

Blühendes Land versprechen beide

Ich bin für den Niedersächsischen Weg, obwohl auch dieser eine echte Herausforderung für uns Landwirte in der Umsetzung sein wird: Björn Ehlers, Kreislandwirt.
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Ich bin für den Niedersächsischen Weg, obwohl auch dieser eine echte Herausforderung für uns Landwirte in der Umsetzung sein wird: Björn Ehlers, Kreislandwirt.

Verden/Achim – Lieber Arten- und Gewässerschutz? Oder doch besser Artenvielfalt? Die Ansichten prallen seit Wochen massiv aufeinander. Den niedersächsischen Weg für den Naturschutz favorisieren die einen, das Volksbegehren Artenvielfalt die anderen. Ministerien, Umweltschützer, ganze Heerscharen von politischen und ökologischen Institutionen setzen sich ein. Immer auch mal wieder im Landkreis Verden. Und fast immer in den Schlagzeilen: Landvolk und Nabu. Jetzt treffen beide Organisationen aufeinander. Im Doppelinterview antworten Kreislandwirt Jörn Ehlers und Nabu-Kreisvorsitzender Bernd Witthuhn.

Mit kurzen Sätzen kommt keiner mehr hin. Um den Niedersächsischen Weg vorzustellen, brauchte das Landwirtschaftsministerium 15 Seiten. Dabei geht es um Biotope, um Gründlandumbruchverbot, um Fließgewässer, Uferbereiche, Pflanzenschutzmittel, Insektenprogramme und nicht zuletzt um zusätzliche 30 Millionen Euro, die allein in Natura-2000-Gebiete in Niedersachsen fließen sollen. Das Volksbegehren Artenvielfalt setzt sich für mehr Hecken, Blühflächen, Grasstreifen, Feldgehölze, Wiesen und Weiden als artenreichen Lebensraum und vieles mehr ein. Auch hier ist es mit kurzen, prägnanten Aufzählungen nicht mehr getan. Und kaum noch wer aus der Bevölkerung, der den Wust an Informationen zu verarbeiten vermag. Derweil verschwimmen die Grenzen allmählich.

Das muss nicht so bleiben. Ehlers und Witthuhn äußerten sich in den vergangenen Wochen jeweils isoliert. Jetzt erhalten beide die Gelegenheit, auf ein- und dieselben Fragen Stellung zu beziehen.

Niedersächsischer Weg für den Naturschutz oder Volksbegehren Artenvielfalt – beides klingt gut. Wo liegen die (entscheidenden) Unterschiede?

Björn Ehlers: Der Niedersächsische Weg wird gemeinsam mit den Betroffenen erarbeitet und berücksichtigt auch deren Anliegen bei der Erstellung der gesetzlichen Grundlagen. Das Volksbegehren beinhaltet einen fertigen Gesetzestext, der von einer Interessengruppe erstellt wurde und keine angemessenen Entschädigungen für Eingriffe in Privateigentum vorsieht.

Bernd Witthuhn: Der Niedersächsische Weg kam nur durch das Volksbegehren zustande und hat im Wesentlichen die Inhalte übernommen. Neben kleineren Unterschieden wie der Breite von Gewässerrandstreifen, liegt der entscheidende Unterschied in der Umsetzung. Beim Volksbegehren handelt es sich um geprüfte Gesetze, der Nds. Weg ist bislang nur eine Absichtserklärung, an die sich niemand halten muss.

Wenn Sie sich entscheiden müssten: Für welche Variante stimmen Sie und warum?

Ehlers: Für den Niedersächsischen Weg, obwohl auch dieser eine echte Herausforderung für uns Landwirte in der Umsetzung sein wird. Wesentlicher Bestandteil ist hier jedoch der verlässliche finanzielle Ausgleich für Einschränkungen der Landwirte.

Witthuhn: Beide Varianten haben ihre Vorzüge, in seinen Forderungen geht der Niedersächsische Weg teilweise sogar über die des Volksbegehrens hinaus. An anderen Stellen schwächt er die Anliegen ab. Ich bin für das Volksbegehren wegen der gesetzlichen Absicherung, aber auch zufrieden, wenn der Niedersächsische Weg in verbindliche Gesetze umgesetzt wurde.

Beide Initiativen werden von vielen Kräften unterstützt. Dennoch tauchen immer nur Landwirte und Nabu als große Streithähne in den Medien auf. Was haben Sie falsch gemacht?

Ehlers: Die Kritik am Nabu begründet sich in dessen Doppelstrategie. Er hat gemeinsam mit uns den Niedersächsischen Weg unterzeichnet, ist aber gleichzeitig treibende Kraft bei den Unterschriftensammlungen des Volksbegehrens. Dieses Verhalten wird von vielen Landwirten als verwerflich empfunden und so auch deutlich ausgesprochen. Mittlerweile ist der Nabu aber ebenso von anderen Gruppen, Ministern und dem Ministerpräsidenten kritisiert worden.

Witthuhn: Ich sehe es weniger so, dass wir etwas falsch gemacht haben. Es zeigt sich, mit wieviel Herzblut die Akteure bei der Sache sind. Da wird immerhin an landesweiten Gesetzesänderungen gearbeitet. Dabei treten unweigerlich Unstimmigkeiten auf. Ich verstehe allerdings nicht die teils respektlose und bedrohliche Art und Weise einiger Vertreter aus der Landwirtschaft in anderen Landkreisen gegen den Nabu.

Das bayerische Volksbegehren „Rettet die Bienen“ dient als Vorbild. Wie schätzen Sie deren Fortschritt nach einem Jahr ein?

Ehlers: Mein Eindruck ist, dass in Bayern eine menge Porzellan zerschlagen wurde. Der Gesetzestext des dortigen Volksbegehrens wurde durch ein „Versöhnungsgesetz“ ergänzt, was die Situation wiederspiegelt. Ich vermute die konstruktive Zusammenarbeit von Naturschutz und Landwirtschaft ist schwieriger geworden.

Witthuhn: Das bayrische Volksbegehren war ein riesiger Erfolg und zeigt, wie viel der Bevölkerung daran gelegen ist, den Naturschutz in der Politik zum Thema zu machen. Das sollte ein Weckruf auch an unsere Politiker sein. Die Umsetzung ist wohl noch holprig, aber es tut sich etwas und dank der Gesetzgebung muss es das auch weiterhin.

Wenn Sie freie Hand hätten, wie würde ein machbares Naturschutz-Paket für Niedersachsen aussehen?

Ehlers: Ich würde mich am sog. „Holländischen Modell“ orientieren. Dort arbeiten Landwirtschaft und Naturschutz gemeinsam in Gebietskooperationen an regionalen Lösungen. Dies wird dann durch ein Monitoring begleitet um festzustellen, ob die durchgeführten Maßnahmen Erfolge zeigen, oder geändert werden müssen. Etwas Ähnliches führen wir Landwirte seit einigen Jahren mit den Imkern in unserer Region durch. Damit ist es gelungen den Blühflächenanteil in Verden um 25 Prozent über den Landesdurchschnitt anzuheben.

Witthuhn: Das Volksbegehren beruht auf juristisch mehrfach geprüften, einwandfreien Gesetzen. Hier wird der Regierung ein machbares Naturschutz-Paket auf dem Silbertablett vorgelegt, welches bereits auf viel Zuspruch seitens der Bevölkerung trifft. Daran müsste auch aus meiner Sicht nichts Wesentliches mehr geändert werden. Wichtig ist, dass Landwirte angemessen entschädigt werden. Hier ist die Politik gefordert.

Welche Standpunkte des jeweils anderen sind ein No-Go, und warum?

Ehlers: Durch Grabenseitenränder besonders betroffene Regionen müssen von dieser Einschränkung ausgenommen werden. Ansonsten gefährden wir insbesondere in Grünlandregionen viele landwirtschaftliche Betriebe. Wir fordern einen finanziellen Ausgleich, der auch besondere Situationen berücksichtigen kann und nicht einen pauschalen Ansatz der im Volksbegehren viel zu niedrig angesetzt ist.

Witthuhn: Die versuchte Diskreditierung des Nabu, weil wir das Volksbegehren nicht sofort gestoppt und uns auf den Niedersächsischen Weg eingelassen haben. Das Volksbegehren startete vor dem Niedersächsischen Weg und der Nabu hat von vornherein gesagt, dass er sich nicht mit Absichtserklärungen zufrieden geben wird.

Von Heinrich Kracke

Ich bin für das Volksbegehren wegen der gesetzlichen Absicherung: Bernd Witthuhn, Nabu-Kreisvorsitzender.
Auch die Kreisel leuchten in bunten Tönen: Blühstreifen reichen schon jetzt bis mitten in die Stadt, wie hier am Nordertor in Verden. Der Artenvielfalt ist damit nach Ansicht von Unweltverbänden nocht nicht genüge getan.

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