DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier liest in der Stadtbibliothek

Bewegende Schicksale der letzten Kinder Ostpreußens

Freya Klier las aus ihrem bewegenden Buch „Wir letzten Kinder Ostpreußens – Zeugen einer vergessenen Generation“. - Foto: Haubrock-Kriedel

Verden - Freya Klier, DDR-Bürgerechtlerin, Buchautorin und Filmregisseurin, ist einmal im Jahr in Niedersachsen zu Gast und spricht an Schulen und bei Abendveranstaltungen der Konrad-Adenauer-Stiftung. Am Dienstag besuchte sie Verden. In der Stadtbibliothek las sie aus ihrem bewegenden Buch „Wir letzten Kinder Ostpreußens – Zeugen einer vergessenen Generation“.

Hier beschreibt Freya Klier die dramatischen und authentischen Schicksale von sieben Kindern aus Ostpreußen, von denen nur einem Jungen die Flucht gelingt und ein Mädchen kurz vor seinem Hungertod von einer Estin gerettet wird. Die anderen bleiben für drei Jahre im sowjetisch besetzten Ostpreußen eingeschlossen.

Freya Klier wurde 1950 in Dresden geboren. Wegen versuchter „Republikflucht“ wurde sie 1968 zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach ihrer vorzeitigen Entlassung und Arbeit als Theaterregisseurin war Klier 1980 Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung. 1988 wurde sie zusammen mit anderen Bürgerrechtlern verhaftet und unfreiwillig ausgebürgert. Sie lebt heute als Autorin und Filmregisseurin in Berlin. Freya Klier hat zahlreiche Preise und Ehrungen erhalten, unter anderem 2012 das Bundesverdienstkreuz.

Für ihre Lesung in Verden hatte Klier die Geschichte des Mädchens Doris Meyer ausgesucht. „Es ist auch etwas traurig, geht aber gut aus“, sagte sie. Die achtjährige Doris erlebt im Mai 1945 den Einmarsch der Roten Armee in Königsberg. Die ganze Stadt liegt in Trümmern, Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung.

Mit ihrer Mutter und der gebrechlichen Großmutter wird sie schließlich gemeinsam mit den anderen aus der Stadt getrieben. Das Kind wird Zeuge von Erschießungen und muss miterleben, wie Menschen von Panzern überrollt werden. In einem Vorort findet die Mutter Arbeit als Näherin für die Soldaten, kurzzeitig geht es den dreien etwas besser. Doch als die Frontsoldaten abziehen, ist es mit dem bisschen Frieden vorbei. Doris’ Mutter wird von russischen Soldaten verschleppt.

Erst Monate später gelingt ihr die Flucht. 1947 werden Doris und ihre Mutter, die Oma ist mittlerweile verstorben, nach Arnstadt in Thüringen umgesiedelt. Das Kind wundert sich über die vielen unzerstörten Häuser und fühlt sich beim Betrachten der Auslagen in den Schaufenstern fast wie im Paradies. Mutter und Tochter blicken vorsichtig optimistisch in die Zukunft.

Doris Meyer kehrt 1992 noch einmal nach Königsberg zurück und wird von den Erinnerungen überwältigt. Sie wird nie mehr in ihre Heimatstadt zurückkehren.

Die Zuhörer verfolgten die Lesung sichtlich bewegt. Im Publikum gab es viele Menschen, die Vertreibung und Flucht noch am eigenen Leib erfahren haben. „Meine Mutter hat über die schlimmen Erfahrungen während der Flucht nie sprechen können“, erzählte eine Dame.

In der DDR sei die Vertreibung sowieso ein Tabuthema gewesen, berichtete Klier. „Dieses passte nicht in das Bild vom guten Russen, das in der DDR vermittelt wurde.“ Die Bürgerrechtlerin hat stets dafür gekämpft, das Unrecht, das den Menschen damals widerfahren ist, aus der Tabuzone zu holen.

Auf die Kinderschicksale in Ostpreußen sei sie durch Recherchen für den WDR-Film „Verschleppt bis ans Ende der Welt“ über Zwangsarbeiterinnen in Sibirien aufmerksam geworden. „Ich habe den Kindern von damals versprochen, ihre Geschichte zu erzählen.“ - ahk

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