Szenische Lesung im Domgemeindezentrum nach Zeugenaussagen und Dokumenten

Bewegende Erinnerungen an die Tragödie vor Lampedusa

Lueder Möring, Julia Nehus, Uwe Jordan, Gudrun Heine und Stefan Kaplon (v.l.) lasen Szenen aus dem Text von Antonio Umberto Riccò. - Fotos: Haubrock-Kriedel

Verden - Die szenische Lesung „Ein Morgen vor Lampedusa“ bewegte die Zuhörer im Domgemeindezentrum. Die dramatischen Umstände der Flucht über das Mittelmeer aus Zeugenaussagen und Dokumenten zusammengetragen, berührte die Besucher im Verdener Domgemeindezentrum tief. Die Lesung erinnerte an die Tragödie vor drei Jahren, als ein mit Flüchtlingen völlig überladener Kutter kurz vor der Küste Lampedusas kenterte und 366 Menschen ertranken.

Mit dem Ziel, darauf aufmerksam zu machen, hat die Arbeitsgruppe „Unser Herz schlägt auf Lampedusa“ das Projekt ins Leben gerufen. Seit März 2014 fanden mehr als 200 Lesungen statt, die über 16 000 Menschen besuchten. Auf Einladung des Präventionsrats Verden lasen Gudrun Heine, Buchhandlung Heine, Uwe Jordan, Leiter der Polizeiinspektion Verden/Osterholz, Stefan Kaplon, Leiter der Stadtbibliothek, Julia Nehus, Schauspielerin, und Pastor Lueder Möring den Text von Antonio Umberto Riccò.

Weltweit sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Man spricht häufig vom „Flüchtlingsproblem“ oder der „Flüchtlingskrise“, aber die Menschen und die Schicksale, die hinter diesen Zahlen stehen, sehen viele nicht. Wer sich auf die Lesung „Ein Morgen vor Lampedusa“ einließ, konnte jedoch unmöglich emotional unbeteiligt bleiben. Begleitet wurde die Lesung von der Musik von Francesco Impastato, viele aufwühlende Bilder von Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer oder der dramatischen Rettungsaktion verstärken die Wirkung.

Die Zuhörer im Domgemeindezentrum waren sichtlich bewegt.

Riccò stützt seinen Text auf Zeugenaussagen und dokumentarischem Material und ermöglicht dadurch einen Blick aus verschiedenen Perspektiven auf das Unglück. Zu Wort kommen Fischer, Einwohner von Lampedusa und überlebende Flüchtlinge, die an der Rettungsaktion beteiligt waren. Ein Eritreer erzählt von der langen Reise durch die Wüste, von der quälenden Wartezeit, von Angst und Hoffnung, bis er endlich einen Platz auf dem Fischkutter nach Lampedusa bekommt. Die Zuhörer erfahren von unmenschlichen Bedingungen an Bord, von weinenden Kindern und davon, dass manche vor Durst Meerwasser getrunken haben.

Als dann eine halbe Seemeile vor Lampedusa der Motor kaputtgeht, glauben trotzdem zunächst alle, gerettet zu sein, denn die Lichter der Insel sind schon zu sehen. Doch der unbeleuchtete Kutter wird von den Fischerbooten nicht bemerkt, ein Funkgerät oder Handys gibt es an Bord nicht. Einer kommt auf die Idee, als Signal eine Wolldecke anzuzünden. Ein fataler Fehler, auf dem überladenen Kahn breiten sich die Flammen rasch aus, alle Löschversuche scheitern.

Einige Fischer hören die Schreie und eilen zur Hilfe. Die Zeugen berichten von Menschen, die entkräftet im kalten Wasser treiben, von Müttern, die ihre Kinder hochhalten und schließlich doch mit ihnen untergehen. Die Fischer können unmöglich alle retten. Andere Boote fahren vorbei. Die Bürgermeisterin von Lampedusa erklärt, dass die Fischer fürchten, ins Gefängnis zu kommen, wenn sie helfen. Einige, die Flüchtlinge retteten, seien bereits wegen Begünstigung illegaler Einwanderung verurteilt worden.

Erschütternd auch der Bericht eines Tauchers, der zum Wrack aufbricht. Er erzählt von vielen Toten, dem Baby im weißen Strampelanzug und dem kleinen Mädchen, das sein schönstes Kleid trägt. Zum Schluss wird die Frage diskutiert, ob nicht mehr Menschen hätten gerettet werden können. Die Küstenwache nahm niemanden an Bord und wartete auf Weisungen. Nach diesen Berichten waren die Zuhörer zutiefst bewegt, manche hatten Tränen in den Augen. Viele von ihnen engagieren sich bereits für Flüchtlinge. - ahk

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