Weniger Krankschreibungen im Landkreis Verden

Die Psyche nach Corona macht große Sorgen

Immer mehr Menschen arbeiten im Homeoffice.
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Immer mehr Menschen arbeiten im Homeoffice. Auch das könnte ein Grund für den in 2020 gesunkenen Krankenstand sein.

Landkreis – Durchschnittlich weniger Krankheitsfälle trotz Corona? Wie geht das? „Der Schein trügt“, erklärt Michael Erdmann, Pressesprecher der Barmer Landesvertretung Niedersachsen. „Es wird einen erhöhten Bedarf an Therapie geben. Long Covid und die Folgen dürften uns nach Corona erheblich beschäftigen“, so seine Prognose in einem Pressegespräch mit unserer Zeitung.

Nach Auswertungen der Barmer waren im Landkreis Verden Erwerbstätige im Jahr 2020 durchschnittlich 18 Tage krank

Bislang sind die negativen Auswirkungen im Landkreis Verden allerdings laut Gesundheitsreport der Barmer noch nicht durchgeschlagen. Nach Auswertungen der Barmer waren im Landkreis Verden Erwerbstätige im Jahr 2020 durchschnittlich 18 Tage krank. Im Jahr zuvor waren es noch 18,2 Tage. Jonas Kück, Regionalgeschäftsführer der Barmer, zuckt ein wenig mit den Schultern, hat aber ein paar Erklärungen zur Hand und listet auf: „Rückgang der Arbeitsunfähigkeitzahlen bei infektiösen Krankheiten um zwölf Prozent, gesunkene Fallzahlen bei Verletzungen sowie bei Krankheiten des Verdauungssystems sind statistisch belegt. Mögliche Gründe dafür sind, dass sich viele Arbeitnehmer im Homeoffice oder in Kurzarbeit befinden“, sagt Kück. Und: „Gerade bei leichteren Erkrankungen wurden und werden Arztbesuche offenbar vermieden, auch vielleicht deshalb, um einer möglichen Ansteckung mit Corona aus dem Wege zu gehen“, so Kück.

Stellten den Gesundheitsreport vor: Jonas Kück (l.) und Michael Erdmann.

Gerade bei leichteren Erkrankungen wurden und werden Arztbesuche offenbar vermieden.

Detailliert aufgeschlüsselt ergibt die anonyme Datenlage im Landkreis Verden bei den vier ärztlichen Hauptdiagnosen für Arbeitsunfähigkeiten (AU), die in der Regel für mehr als drei Viertel aller Krankschreibungen verantwortlich sind, folgendes Bild:

• Psychische und Verhaltensstörungen gab es in und um Verden sogar etwas weniger als im Bund, was sich in 3,4 Krankheitstagen je erwerbstätigem Versicherten ausdrückt (2019: 4,3 Tage).

• Krankheiten des Atmungssystems wurden in der hiesigen Region etwas seltener als im Bund diagnostiziert, insgesamt jeweils 2,1 Tage und damit auf dem Niveau von 2019.

• Bei Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems lag der Landkreis auf dem Bundesdurchschnitt, insgesamt kamen durchschnittlich 3,5 AU-Tage zusammen (2019: 3,5 Tage).

• Bei Verletzungen, Vergiftungen und bestimmten anderen Folgen äußerer Umstände fielen die Ausfallzeiten in Verden etwas höher aus als im Bund, insgesamt 2,6 Tage (2019: 2,4).

Maskenpflicht im ÖPNV und Einzelhandel sorgen für Rückgänge von Infektionen.

Die weitere Suche nach den Gründen, wo die Ursachen für bestimmte Entwicklungen zu finden sind, da stehen die Krankenkassen mittendrin in einem Prozess. „Wenn wir einen Blick in das öffentliche Leben werfen, das mit dem Lockdown vielfach stillstand, gibt es viele Erklärungen“, so Erdmann. „Neben Homeoffice und Kurzarbeit dürften der Rückgang alltäglicher Mobilität und Kontakte sowie die Einführung der Maskenpflicht im ÖPNV und Einzelhandel für Rückgänge von Infektionen und insbesondere der normalen Erkältungskrankheiten gesorgt haben“, vermutet Erdmann.

Hoher Krankenstand im März 2020: die Krankschreibung per Telefon wird ihren Teil dazu beigetragen haben.

Der Pressesprecher verweist auf Zahlen der Vergangenheit. „Im Jahr 2019 lagen die erfassten Krankenstände im Februar mit 6,1 Prozent am höchsten. 2018 war es noch schlimmer, als im selben Monat im Zuge einer ausgeprägten Grippe- und Erkältungswelle der Krankenstand 6,5 Prozent betrug. Im Jahr 2020, mit Beginn der Pandemie, blieb im Februar die Welle aus, um dann im März den Höchststand von 7,0 Prozent zu erreichen. Der bei weitem höchste Wert, seit Auswertung der Zahlen“, so Erdmann. Eine durchaus schlüssige Erklärung hat er auch dafür: Es könnte eine indirekte Folge der steigenden Zahl an Covid-19 Erkrankungen und der damit verbundenen Maßnahmen und Verhaltensänderungen im Zuge der ersten Welle der Corona-Pandemie im Jahr 2020 gewesen sein. „Schon bei geringen Erkältungssymptomen ist ein erheblicher Teil der Betroffenen vorsorglich krank geschrieben worden“, sagte Erdmann. „Auch die Krankschreibung per Telefon wird ihren Teil dazu beigetragen haben.“

In der Krebsvorsorge gibt es im männlichen Teil der Bevölkerung eine große, wenn auch bedauerliche Zurückhaltung

Sinkende Zahlen, weniger Arztbesuche, Kück sieht darin auch eine gefährliche Entwicklung: „In der Krebsvorsorge gibt es im männlichen Teil der Bevölkerung eine große, wenn auch bedauerliche Zurückhaltung. Das dürfte sich künftig mit mehr Krankheitsfällen in der Statistik bemerkbar machen.“ Erdmann ist sich zudem sicher, dass die Pandemie die Mediziner noch lange beschäftigen wird. „Lockdown, wirtschaftliche Not, Existenzängste insbesondere in der Gastrobranche, Stress, die Psyche, da dürfen uns aktuell die Zahlen nicht täuschen, das macht vielen Menschen zu schaffen. Das wird in den kommenden Jahren ein großes Thema. Da gibt es bereits erste deutliche Anzeichen“, sagt Erdmann.

Info:

Laut Barmer Gesundheitsreport liegt der Landkreis Verden in Niedersachsen mit durchschnittlich 18 Tagen Arbeitsunfähigkeit im Jahr 2020 pro Erwerbsperson im Mittelfeld. Den niedrigsten Krankenstand hält Osnabrück mit 14,9 Tagen, den höchsten Wilhelmshaven mit 22,9 Tagen.

Von Markus Wienken

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