„Der große Wunsch anzukommen“

„Die Kraft der Kriegsenkel“: Ingrid Meyer-Legrand über ihr Buch

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Autorin Ingrid Meyer-Legrand hat über die Kriegsenkel und deren Erfahrungen recherchiert und darüber ein Buch geschrieben.

Verden - Von Christel Niemann. Unter dem Titel „Die Kraft der Kriegsenkel - Von Christel Niemann. Wie Kriegsenkel heute ihr biografisches Erbe erkennen und nutzen“ geht Autorin Ingrid Meyer-Legrand der Frage nach, wie eine über 70 Jahre zurückliegende Kriegszeit immer noch so stark Nachwirkungen auf das Leben der nachgeborenen Generationen hat. Der Generation der mehrheitlich um 1963 Geborenen hat es doch eigentlich an nichts gefehlt – oder vielleicht doch? Aus persönlicher Betroffenheit, vor allem aber aus ihrer beruflichen Arbeit als systemische Therapeutin und Coach hat die Autorin den Fokus in ihrem Buch zwar auch auf Hemmnisse, aber insbesondere auch auf die Fähigkeiten und Ressourcen jener Kriegsenkel gerichtet, was sie im Interview mit dieser Zeitung bestätigte.

Frau Meyer-Legrand, wie kamen Sie dazu, sich so intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen? War es der Kontakt innerhalb ihrer therapeutischen Arbeit oder spielte auch Ihre eigene Vita eine entscheidende Rolle?

Meyer-Legrand: Ich habe mich quasi mein Leben lang mit diesem Thema beschäftigt. Denn ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der die Mutter als Heranwachsende im Zuge des 2. Weltkrieges flüchten musste. Später, für meine Examensarbeit zum Thema „Frauen in der Nachkriegszeit“, habe ich dann meine Mutter interviewt und sie hat mir von ihrer Flucht aus Pommern erzählt. Sie war 13 oder 14 Jahre alt, als sie ihre Heimat verlassen musste. Ich denke, dass sie dieses Ereignis und die Erlebnisse auf der Flucht nachhaltig traumatisiert haben.´ In Pommern hatte sie – was damals für ein Mädchen noch sehr ungewöhnlich war, das Gymnasium besucht. Doch Krieg und Flucht haben ihre Chancen zunichte gemacht. Sie musste schon als junges Mädchen in der Landwirtschaft arbeiten und jede Möglichkeit auf eine höhere Bildung und auf einen guten Beruf waren ihr genommen.“ Aber wirklich auf die Idee, dieses Buch zu schreiben, wurde ich erst durch die therapeutische Arbeit mit einer Klientin gebracht.

Wie haben Sie Ihre Mutter erlebt, da Sie ja selbst der Generation der Kriegsenkel angehören?

Meyer-Legrand: Meine Mutter wirkte nicht so recht zugänglich für uns Kinder. Sie war oft müde und erschöpft. Und vom Krieg wollte sie weder etwas erzählen noch davon hören. Dabei war sie sonst überhaupt keine sprachlose Frau.

Glauben Sie, dass das Erleben Ihrer Mutter, der Eltern Auswirkungen auf ihren persönlichen Werdegang hatte? Vielleicht sogar auf die Wahl ihres Berufs? Wie wirkt sich das Geschehen überhaupt auf die Enkel-Generation aus?

Meyer-Legrand: Ich denke schon, dass das Auswirkungen hatte, auch auf meine Berufswahl. Das Aufwachsen mit traumatisierten Eltern bewirkte, dass Kinder oftmals in die Rolle der Eltern geschlüpft sind. Sie haben die Eltern getröstet und waren für sie da und nicht umgekehrt. Daher kann ich sagen, dass ich, wie viele andere Kriegsenkel auch, vor diesem Hintergrund in einen sozialen Beruf gegangen bin. Wie viele habe auch ich das Trösten von Kindesbeinen an gelernt. Darüber hinaus müssen wir, die Enkel, uns klar machen, dass wir in eine Nachkriegsgesellschaft hineingeboren wurden und dass man individuell nicht unbedingt erlebt haben muss, mit traumatisierten Kriegskinder-Eltern aufgewachsen zu sein. Die Auswirkungen des Nationalsozialismus, der Verfolgung, des Krieges und der Flucht und Vertreibung waren in der gesamten Gesellschaft zu spüren, auch in den Schulen. In den Familien spiegelten sich die Auswirkungen häufig im Erleben von „harten Müttern“ und „schroffen Vätern“. Verständlich, wenn sich in der Vita der Eltern dramatisch schlimme traumatisierende Erfahrungen durch Nationalsozialismus, Verfolgung, Krieg, Flucht oder Vertreibung finden. Aber das war in den Familien – auch in meiner – lange ein Tabu. Es wurde nicht darüber gesprochen, um uns, die Kinder, zu schützen.

Wäre ihr eigenes und damit das Leben vieler anderer Kriegsenkel möglicherweise entscheidend anders verlaufen, ohne diese einschneidenden Kriegserlebnisse der Eltern?

Meyer-Legrand: Vermutlich ja, weil sich eine Nachkriegsgesellschaft von anderen Gesellschaft elementar unterscheidet. Andererseits darf man auch nicht vergessen, dass die Kriegskinder, obwohl viele von ihnen traumatisiert waren, auf viele positive Errungenschaften zurückblicken können. Sie sind es gewesen, die die Gesellschaft vorangebracht und die in den letzten Jahrzehnten viel erreicht haben. Nehmen sie Alice Schwarzer, auch ein Kriegskind, die viel für die Frauenbewegung getan hat.

Das Positive daran?

Meyer-Legrand: Die Kriegsenkel wiederum hatten in den 1970er- bis in die 1990er-Jahre hinein noch einmal „ihre“ Zeit, in der sie die Gesellschaft ganz entscheidend verändert haben. Sie haben neue Lebensmodelle entwickelt, haben für die Aufhebung der scharfen Trennung zwischen Privat- und Berufsleben gesorgt und dafür, dass der Job Sinn und Spaß machen soll. Das, was damals richtig radikal war, ist für die Nachfolgegeneration, der Generation Y, den Kindern der Kriegsenkel, ganz normal. Daraus ist auch ein anderes Verständnis von Erziehung hervorgegangen, so dass heute ganz selbstverständlich junge Väter Elternurlaub beanspruchen. Das ist ein Verdienst der Kriegsenkel, die seit den 1970er-Jahren an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligt sind. Sie haben es geschafft, aus ihrem Leid, das mit dem Aufwachsen bei traumatisierten Eltern entstanden ist, eine Kraft zu machen, eine Kraft, die privat und gesellschaftlich etwas bewirkt hat.

Was erleben Sie auf Ihren Lesereisen? Wie sind die Reaktionen der Zuhörer?

Meyer-Legrand: Viele aus dem Publikum sind überrascht, ihre Geschichte unter dem Aspekt der Kraft betrachten zu können. Bislang wurde ihre Geschichte ja nur als eine Leidensgeschichte wahrgenommen. Hier spüre ich häufig eine regelrechte Dankbarkeit, wenn ich auf die Kraft der Kriegsenkel fokussiere und zwar, ohne das Leid zu verleugnen. Sie sind außerdem überrascht, ihre Lebensmodelle einmal anders zu begreifen, als „immer noch auf der Flucht“ zu sein. Denn viele Kriegsenkel experimentieren mit ihrem Leben bis heute. Der große Wunsch ist es aber, endlich anzukommen. Dabei unterstütze ich sie in meiner Praxis als Therapeutin und Coach. Es ist eine der zentralen Fragen, die mir bei Lesungen gestellt werden: Wie kann ich endlich ankommen, in einer Beziehung, in einem Job, in der Gesellschaft, im Leben? Kriegsenkel. Diese Ruhe- und Rastlosigkeit ist ja auch etwas sehr Typisches für diese Generation. Mehrere Ausbildungen in der Tasche zu haben, viele Stellenwechsel, sich beruflich selbstständig zu machen, privat mehr als eine Beziehung zu haben, viele Wohnortwechsel. Dieses Patchworking auf der ganzen Linie, also privat und beruflich hinzubekommen, darin besteht die Herausforderung, vor der heute Kriegsenkel stehen. Das ist „Schicksal“ und Chance zugleich. Deswegen suchen Kriegsenkel meine Beratung auf.

Haben auch Menschen diesseits der Enkel-Generation an dem Thema Interesse?

Meyer-Legrand: Andere treibt die Frage um, was sie als Kriegsenkel an ihre Kinder, an die sogenannten Kriegsurenkel weitergegeben haben könnten. Haben die Kriegsenkel ihre eigenen Traumata an die nächste Generation weitergereicht? Das ist die bange Frage. Und man kann ja zu recht darüber nachdenken, ob die Kriegsenkel in der Erziehung ihrer Kinder alles richtig gemacht haben, da sie doch selbst Eltern erlebten, die nicht für sie da sein konnten, weil diese von schlimmen Erlebnissen beeinträchtigt waren. Das Publikum hört mir aber nicht nur zu, sondern erzählt auch immer wieder offen und freimütig von eigenem Empfinden und Erleben, so als seien wir in einer Kriegsenkel-Gruppe, die es mittlerweile in jeder Stadt gibt und in der sich zu meinem Erstaunen immer ganz schnell eine sehr vertraute Atmosphäre entwickelt – fast wie unter Geschwistern. Das ist auf den Lesungen ähnlich.

Haben Sie mit dem Erfolg des Buchs gerechnet, oder hat Sie das Interesse daran eher überrascht?

Meyer-Legrand: Ja und nein. Natürlich bin ich begeistert, dass ich mit meinem Buch scheinbar einen Nerv getroffen habe. Und es freut mich, dass der neue Aspekt darin, der die Kraft der Kriegsgeneration sehr deutlich macht, so großen Zuspruch findet. Die Kriegskinder haben viel Leid erlebt, aber auch sehr viel Kraft entwickelt und sind längst noch nicht dort angekommen, wonach sie sich sehnen: ein erfülltes Leben zu führen.

Anke Böse freut sich auf viele Gäste 

Auf Einladung von Anke Böse und Kristin Westphal liest Ingrid Meyer-Legrand am Freitag, 26. Januar, 20 Uhr, in der Buchhandlung Vielseitig.

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