Ausgrabungsstätte soll Aufschluss geben über Leben in der römischen Kaiserzeit

Was trieben die Germanen vor 2000 Jahren in Dauelsen?

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Archäologin und Bodenkundlerin Imke Brandt präsentiert die bisherigen Fundstücke.

Dauelsen - Von Katrin Preuß. Dauelsen international. Eineinhalb Kilometer vom jetzigen Verlauf von Aller und Weser entfernt, an der Geestkante, graben Deutsche und Niederländer Seite an Seite ein ehemaliges Maisfeld um. Sie sind auf der Suche nach Spuren, die die Germanen dort vor 2000 Jahren hinterließen, zu Zeiten des römischen Kaiserreichs.

Dass Menschen sich seit Jahrtausenden in der Nähe von Flüssen niederließen, sie zum Bewässern ihrer Felder und als Transportwege nutzten, ist bekannt. Doch welchem Zweck diente der Ort in Dauelsen, diesem „Hotspot“ an zwei Flüssen?

War es ein Lande- oder Handwerkerplatz, ein Ufermarkt, also ein Ort des Handels, oder alles auf einmal? Diese Fragen möchten die Wissenschaftler, Ehrenamtliche und Studenten um Grabungsleiterin Imke Brandt und Projektleiterin Dr. Annette Siegmüller vom Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung (NIhK) sowie Kreisarchäologin Dr. Jutta Precht anhand der Funde gerne beantworten.

Im April schritten die Experten insgesamt rund sechs Hektar Land ab und fertigten mit Hilfe der Geomagnetik eine Art Röntgenaufnahme des Bodens an. Ein Bagger schuf dann vor knapp zwei Wochen eine etwa 80 Zentimeter tiefe Grube. Der Aushub säumt jetzt den rund 500 Quadratmeter großen Suchschnitt. Ist die Ausgrabung in zwei Wochen beendet, wandert der Boden zurück an Ort und Stelle, damit Landwirt Uwe Timm sein Feld wieder bestellen kann.

Jetzt sind Schaufel, Sieb und Kelle die einzigen Werkzeuge, mit denen sich die Archäologen und ihre Helfer durch den Sand arbeiten. Jeder Fund wird dokumentiert, die Fundstelle markiert und kartografiert. Sie holen vor allem Scherben aus der Erde. Aber eben nicht nur.

Stolz zieht Jutta Precht eine kleine Plastiktüte aus der Tasche. Darin zwei kantige, verkrustete Objekte, etwa in der Größe eines 20-Cent-Stückes. Der Laie hätte sie vielleicht für Steine gehalten. Die geschulten Blicke der Archäologinnen sehen darin jedoch Bronzebeschläge, die einst ein römisches Pferdegeschirr zierten.

Kollegin Imke Brandt hat noch einen weiteren wertvollen Fund in petto, der wiederum für den Außenstehenden nicht als solcher zu erkennen ist: ein Stück Basaltlava. Das offenporige Vulkangestein diente einst als Mahlstein. Der Glanz an einigen Stellen zeugt noch heute vom starken Gebrauch, dem es vor 2000 Jahren ausgesetzt war.

Ausgrabungen in Dauelsen

Der Fund könnte nicht nur ein Hinweis sein auf die Art der Besiedlung. Er zeigt auch, dass die Menschen vor 2000 Jahren Verbindungen in andere Regionen oder Länder gehabt haben müssen. Denn Basaltlava komme hier nicht vor, erklärt Imke Brandt.

Während die Archäologinnen der Presse Rede und Antwort stehen, legt Gerald Neumann wenige Meter hinter ihnen ein weiteres, so schnell nicht zu identifizierendes Bronzestück frei. Der Grasberger hat einfach ein glückliches Händchen, wenn es um altertümliche Funde geht. Und so ist es ihm ist es zu verdanken, dass es das Projekt überhaupt gibt.

„Er sucht die Äcker systematisch ab“, sagt Jutta Precht über den Hobby-Archäologen und fügt voller Anerkennung hinzu: „Er hat einen hervorragenden Blick für die Landschaft, ein Gespür dafür, wo prähistorische Menschen gerne gesiedelt haben.“

Wann immer die Zeit es erlaubt, ist der gelernte Kfz-Mechaniker unterwegs, hält Ausschau nach freien Feldern, die er in Absprache mit den Landwirten nach Scherben und anderen frühen Spuren menschlicher Zivilisation absucht. Seine Funde liefert er allesamt bei der Kreisarchäologin ab.

Als Neumanns Suche in Dauelsen dermaßen reiche Früchte trug, dass die Kreisarchäologie mit ihren eineinhalb Stellen dies nicht mehr allein bearbeiten konnte, holte Precht das NIhK ins Boot.

Zum Abschluss des Projektes Ende 2017, so hofft die Kreisarchäologin, fließen die neu gewonnenen Erkenntnisse in ein Buch ein. Das werde sich aber wohl eher an die Fachwelt richten, ergänzt sie. Dabei könnten alle viel aus der Geschichte lernen. „Aber“, sagt Jutta Precht mit leisem Bedauern, „die Leute wollen‘s ja nicht.“

Die Ausgrabungen in Dauelsen sind Teil eines auf drei Jahre angelegten Projektes des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung (NIhK) in Wilhelmshaven. Insgesamt fördert das Land Niedersachsen es mit 200000 Euro. In Kooperation mit der Kreisarchäologie des Landkreises Verden suchen die Archäologen und Bodenkundler, unterstützt von Ehrenamtlichen sowie Studenten aus Deutschland und den Niederlanden, nach Spuren germanischen Lebens an Weser und Aller zu Zeiten des römischen Kaiserreichs. Insgesamt 22 potenzielle Grabungsorte gibt es im Landkreis Verden. Aufgrund der (zeit-)aufwändigen Vor- und Nachuntersuchungen werden sich die Wissenschaftler voraussichtlich aber auf drei Stellen beschränken.

Öffentliche Führungen gibt es mittwochs, 29. Juli und 5. August, jeweils um 15 Uhr. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Ausgrabung ist am Feldweg Radewiesen in Dauelsen. Von der Straße Im Knippsande kommend, biegen Interessierte in den Marschweg ein, der später in die Radewiesen übergeht.

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