Auftaktveranstaltung „Grüne Hausnummer“mit Prof. Claudia Kemfert vom DIW

„Die Energiewende hat ein erhebliches Imageproblem“

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Viele interessierte Haus- und Wohnungseigentümer waren am Freitagabend in den Kreistagssaal gekommen.

Verden - Die Kampagne „Die grüne Hausnummer“ startete mit einer Auftaktveranstaltung im Kreistagssaal. Das Ganze ist eine Auszeichnung der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen und ihrer regionalen und kommunalen Partner. Hauseigentümer, die ihre Häuser besonders energieeffizient gebaut oder saniert haben, können sich um die Auszeichnung bewerben und so ihr Engagement für den Klimaschutz nach außen sichtbar machen.

Die prominente Gastrednerin der Auftaktveranstaltung war Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, die bekannteste Expertin für Energiewirtschaft in Deutschland. In ihrem Vortrag „Kampf um Strom – Mythen und Legenden“ räumte die Energieökonomin mit Vorurteilen über die Energiewende auf und zeigte, wie diese gelingen kann.

Nach der Begrüßung von Bernhard Schorn, Vorstand der ikeo (Initiative für eine klimafreundliche Energieversorgung Ottersberg) und Landrat Peter Bohlmann lieferte Barbara Mussak von der Klimaschutz- und Netzagentur Niedersachsen einige Fakten. Demnach wird in Deutschland die meiste Energie für Wärme verbraucht. Ein Drittel wird für Kraftstoff benötigt, ein Fünftel für Strom. „Um unsere Ziele erreichen zu können, müssen wir die Gebäude im Blick haben“, machte Mussak deutlich. Vor allem der Gebäudebestand sei eine große Herausforderung. „Wir können nicht warten, bis alles neu gebaut ist, sonder müssen handeln.“

Auch Claudia Kemfert betonte zu Beginn ihres Vortrags, dass die Energiewende sich nicht nur auf Strom beziehe, sondern zugleich eine Wärme- und Verkehrswende sei. Leider habe die Energiewende ein Imageproblem. Da Wirtschaftsinteressen im Vordergrund stünden, werde die Energiewende schlecht geredet, ja regelrecht gemobbt. Die Energiewende sei zur Zeit lediglich eine „Strom-Angebotswende“.

Ziel der Energiewende ist es, bis 2020 ohne Atomstrom auszukommen. Bis 2050 sollen 80 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Um dieses zu schaffen, müsse ein völlig neues Stromsystem aufgebaut werden, das ohne Atom- und Kohlekraftwerke auskommt. Dazu muss der Netzausbau Nord-Süd und die dezentrale Stromerzeugung mit virtuellen Kraftwerken vorangetrieben werden. Smart Grids sollen für die intelligente Verteilung des Stroms sorgen. Auch das Speichern von überschüssigem Strom werde für die Zukunft von großer Bedeutung sein. „Momentan ist die erneuerbare Energie überflüssig, weil es noch viel Kohle- und Atomstrom gibt“, so Kemfert.

Durch die Kohle- und Atomkraftwerke werde viel zu viel Strom produziert. Das Speichern von Strom aus erneuerbaren Energien lohne sich daher nicht. „Wir schwimmen im Strom und verramschen ihn an der Börse“. Da nach wie vor von diesen hohen Werten ausgegangen wird, seien auch die geplanten Stromverteilungsanlagen überdimensioniert. „Wir brauchen keine Monstertrassen, was wir brauchen sind dezentrale Strukturen“, stellte Kemfert klar. Sigmar Gabriels Vorschlag einer Klimaabgabe bezeichnete sie als „guten Vorschlag, der leider von den Kohlelobbyisten zerredet“ worden sei.

Auch den Mythos, dass Unternehmen durch die Energiewende abwanderten, widerlegte sie, denn Energiekosten betrügen nur drei Prozent aller Kosten. Auch, dass die Stromkosten für Haushalte unbezahlbar würden, stimme nicht. Hier schlügen die Stromkosten lediglich mit 2,5 Prozent zu Buche.

Überdies sei es nicht richtig, dass die EEG-Umlage die Strompreise explodieren lasse. „Die EEG-Umlage steigt zum größten Teil wegen des gesunkenen Börsenpreises und den vielen Ausnahmen für die Industrie,“ weiß Kemfert. Ihr Fazit: Die Energiewende ist mehr als eine Strom-Angebotswende. Sie bietet enorme Chancen, in der Wirtschaft, für Innovationen und zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit.

ahk

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