SERIE KRIEGSENDE UND NEUANFANG (TEIL5): Heinz Bischoff trägt Zeitungen aus und taucht ab

Auf Schatzsuche im Eisseler See

Treffpunkt Eisseler See: Wolfgang Förster (l.) und Heinz Bischoff waren da zu Hause.
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Treffpunkt Eisseler See: Wolfgang Förster (l.) und Heinz Bischoff waren da zu Hause.

Verden – Die Ortschaft Eissel war für die Kinder und Jugendlichen aus Waldenburg nach Kriegsende und mit Beginn der 1950er-Jahre ein Idyll. „Wir kamen aus der Großstadt mitten in die Natur. Ich habe mich da wohlgefühlt“, so Heinz Bischoff rückblickend.

Eissel, das kann Bischoff gar nicht oft genug wiederholen, war „ein Glücksfall für die Waldenburger“. Seine Großmutter Martha Lindner war mit Bischoffs beiden Cousins Wolfgang und Klaus Förster auf dem Hof Meyer untergebracht, weitere ehemalige Verwandte und Nachbarn aus der Cochiusstraße auf anderen Höfen. Bischoff selbst wohnte zunächst mit seiner Mutter und seiner Schwester Rosemarie in Schröders Gasthaus. Im Jahr 1948 – endlich – kehrte Bischoffs Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft in den Kreis seiner Familie zurück. Nun wurde es bei „Deichschröder“ doch zu eng. Bischoffs zogen zu Bauer Wilhelm Müller, Eissel Nr. 13. „Dort hatten wir etwas mehr Platz.“

Konfirmandenunterricht im Verdener Dom

Die Erinnerungen von Bischoff an die Zeit sind immer noch sehr lebendig. „Zu Fuß gingen wir, Anfang der 1950er-Jahre, zum Konfirmandenunterricht zum Verdener Dom. Fahrräder hatten wir nicht“, so Bischoff. Der damalige Weg, auch daran erinnert sich der 85-Jährige noch genau, führte über den Deich, vorbei an dem „roten Haus“ in Höltenwerder, weiter nach Verden.

Ein B17 stürzte am 8. Oktober 1943 über der Ortschaft Eissel ab.

Heinz Bischoff trägt in Eissel Zeitungen aus

Zur Zeitung hatte Bischoff früh eine besondere Beziehung: Er trug sie aus, und, das gibt er gerne zu, nicht ganz uneigennützig. Neben der üblichen Entlohnung konnte er sich täglich über eine kleine Zwischenmahlzeit freuen. „Eine liebe Bäuerin drückte mir regelmäßig eine Scheibe Schwarzbrot mit Schmalz und Honig drauf in die Hand. Ich habe mich jedes Mal darüber gefreut.“ Günter Palm, Eisseler Dorfchronist und derzeit mit der Idee eines weiteren Buches beschäftigt, ist es sogar gelungen, den Namen der Bäuerin ausfindig zu machen: „Die Bäuerin hieß Sophie Hüppe, geborene Brockmann, Ehefrau des Hofpächters von Eissel Nr. 4, Heinrich Hüppe.“

Eissel: An einer Hofstelle gab es Schwarzbrot

Mit seinem Cousin und besten Kumpel, Wolfgang Förster, verbrachte Bischoff weiterhin viele Nachmittage am Eisseler See. Auch damit verbinden ihn besondere Erinnerungen. Unvergessen der Nachmittag, als Bischoff und Förster plötzlich Hilferufe hörten. Unweit der Badestelle in „Blötens Weide“ sahen die beiden Jungs einen Mann am Ufer, der auf den See blickte. Dort, im Wasser, ruderte eine Frau verzweifelt mit den Armen und drohte offensichtlich zu ertrinken. Förster und Bischoff rannten zu der Stelle, näherten sich der Frau über einen Steg und zogen sie mithilfe eines Astes aus dem Wasser ans Ufer und retteten ihr damit vermutlich das Leben.

Hilferufe am Eisseler See - Die Jugendlichen retten eine Frau

Was Förster und Bischoff nicht ruhen ließ, war eine ganz andere Geschichte, die sich während des Krieges, noch vor der Ankunft der Waldenburger in Eissel, besser noch am Himmel über Eissel, abgespielt hatte und nun im Eisseler See ruhte.

Absturz eines Bomber am 8. Oktober 1943

Nach schweren Angriffen, so hieß es, heulte am Freitag, 8. Oktober 1943, die Handsirene des Dorfes und löste Fliegeralarm aus. Die 8. Luftflotte der US-Airforce flog zum wiederholten Male Angriffe auf Bremen, was zugleich auch die angrenzenden Regionen in höchste Alarmbereitschaft versetzte. „Alle Eisseler flüchteten damals in die Luftschutzbunker oder Keller“, weiß Günter Palm. Er hat für seine Ortschronik dazu umfangreiche Recherchen betrieben. Einer der amerikanischen Bomber wurde bei diesen Angriffen schwer getroffen und stürzte über Eissel ab. Von den zehn Mann Besatzung überlebten nur fünf Soldaten. Sie kamen in Kriegsgefangenschaft.

Großteile des abstürzenden Bombers, ein B17 , fielen in den Eisseler See, darunter auch, so wurde vermutet, einer – vielleicht sogar zwei – der vier Motoren.

Wrackteile fallen in den Eisseler See

Diese Geschichte wurde in Eissel nach Kriegsende immer und immer wieder erzählt und nahm natürlich auch die beiden Jugendlichen, Wolfgang Förster und Heinz Bischoff, gefangen. Es kam hinzu, dass die beiden Waldenburger körperlich bestens in Form waren. „Schwimmen war eine unserer Leidenschaften“, so Bischoff. Beide hatten schon in ganz jungen Jahren regelmäßig in ihrer Geburtsstadt Waldenburg im städtischen Hallenbad ihre Bahnen gezogen, fühlten sich bereits als Dreijährige im Wasser pudelwohl. Das sollte sich jetzt auszahlen.

Fast 70 Jahre später: Heinz Bischoff (l.) und Wolfgang Förster schwelgen in Erinnerungen.

Angst kannten die beiden nicht und sie wollten an den, wie sie vermuteten, kleinen Schatz, der da auf dem Grund schlummerte. Pläne wurden geschmiedet, wie man das kostbare Metall heben könne.

Förster und Bisschoff tauchen im See

Und so kam es, dass die beiden Jugendlichen in einem Sommer, Anfang der 1950er-Jahre, am Ufer des Sees stehen. Nur mit Badehose bekleidet, 16 oder 17 Jahre alt, zum Tauchgang bereit, Förster und Bischoff fühlen sich gut. Ein Leichtes durchfedern in den sportlichen Beinen, die Arme nach vorn gestreckt, dann drücken sie sich leicht mit den Füßen ab, springen kopfüber in den spiegelglatten See. „Sehen konnten wir im dunklen Wasser so gut wie nichts, aber fühlen“, erinnert sich Bischoff. Also, immer mit den Händen voraus, ab in die Tiefe und ins Abenteuer.

Zur Serie

Heinz Bischoff hat nach der Ausweisung seiner Familie aus Schlesien bis in die 1950er-Jahre in der Ortschaft Eissel gelebt. Günter Palm, ebenfalls in Eissel aufgewachsen und auch Verfasser der Dorfchronik Eissel, arbeitet an einem Buch, in dem das Zeitgeschehen aus der Epoche des Dorfes ausführlich aufgearbeitet werden soll.

• nächster Teil: Zuschauer am Eisseler See, mehrere Tauchgänge von Heinz und Wolfgang und ein kräftiger Ast, der bricht.

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