Ein Verdener Gemälde und viele Erinnerungen

Franz Wagner erzählt: Auf der Reeperbahn in den 60er-Jahren

Franz Wagner mit dem Bild, das die Verdener Reeperbahn zu Beginn der 1960er-Jahre zeigt.
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Franz Wagner mit dem Bild, das die Verdener Reeperbahn zu Beginn der 1960er-Jahre zeigt. Gemalt hat das Werk der Künstler Arnold Schneider im Jahr 1965.

Franz Wagner hat an der Verdener Reeperbahn seine Jugend verbracht. Wenn er auf ein Gemälde des Künstlers Arnold Schneider blickt, werden bei dem 81-Jährigen Erinnerungen wach.

  • Der Verdener Franz Wagner erinnert sich an seine Jugend, die er an der Reeperbahn verbracht hat.
  • Ein Gemälde des Künstlers Arnold Schneider zeigt unter anderem die Werkstatt seines Vaters.
  • Als Jugendlicher fand Franz Wagner Kriegsmunition an der Aller.

Verden – Wer an der Reeperbahn wohnt, der kann was erzählen. Der Name ist Programm, und dazu muss man noch nicht mal nach Hamburg fahren. Die Verdener Reeperbahn, da wo Franz Wagner seine Jugend verbracht hat, birgt unzählige Geschichten. Wagner hat viele davon im Kopf. Und wenn er auf ein Gemälde blickt, dann werden die Erinnerungen wach. „Was wir alles erlebt, was wir für einen Quatsch gemacht haben – herrliche Zeiten“, lacht der 81-Jährige.

Und zeigt auf das Kunstwerk.

Die Reeperbahn in Verden, dazu braucht es nicht viel Fantasie, sah nicht immer aus wie heute. Franz Wagner zeigt auf das besagte Gemälde: „Die Werkstatt am Bildrand rechts, da haben wir gewohnt.“ Wer vor dem Bild steht, der glaubt ihm aufs Wort, denn auf einem Schild prangt der Name des damaligen Besitzers: „Franz Wagner, Werkstatt“, heißt es in altdeutscher Schrift. „Das war mein Vater“, erzählt der Junior. Damals, auch das wird deutlich, wurden Söhne nach ihren Vätern benannt.

Die Familie Wagner zog Mitte der 1950er-Jahre an die Reeperbahn. „Und es sah wirklich genauso aus, wie auf dem Bild“, so Franz Wagner. Ein Stück Verdener Geschichte, der Moment festgehalten in Öl. „Die Werkstatt meines Vaters lag fast an der Ecke zur Brückstraße, gegenüber von Haubrock, da, wo es zur einen Seite auf die Südbrücke und zur anderen in die Innenstadt, zur Großen Straße, geht“, sagt Wagner. Auch eine wunderschöne Linde stand dort, auf dem Bild so eben zu erkennen. Wer das schwere schwarze Holztor bewegte, dem öffnete sich dahinter die Werkstatt des väterlichen Betriebes. Gas, Wasser, Installationen, das ganze Programm, darauf verstand sich Franz Wagner Senior. „Kein einfaches Leben damals, auf den zugigen Baustellen“, erinnert sich der Sohn. „Aber spannend allemal.“

Die Szene des Gemäldes 60 Jahre später: Die heutige Reeperbahn in Höhe der Brückstraße.

Was sich um die Werkstatt an Leben abspielte, war bunt und abwechslungsreich. Die Erinnerungen daran sind nach wie vor lebendig, wenn Wagner mit dem Finger über das Gemälde wandert, dabei immer mit dem gebührenden Abstand zum Kunstwerk. „Neben uns lag ein verwilderter Garten. Ein Schrotthändler war dort zu Hause. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, hat der auf seinem Hof zusammengetragen.“ Auch den Namen hat Wagner noch parat: „Fritz Teersmitten“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Ein Holländer.“ Der Schrotthändler sei mit seiner Sammelleidenschaft und offensichtlich gutem Geschäftssinn zunächst reich geworden. „Hat dann aber alles versoffen und ist verarmt gestorben“, so Wagner. „War halt ein ziemlicher Flunki.“ So sagte man zu solchen leichtlebigen Menschen in den 1960er-Jahren. Weitere Nachbarn waren die Mosterei Wachtmann, dann das Taxiunternehmen Hermann Bischoff, der Schmied Oestmann und die Schlosserei Sülow – und natürlich die Gaststätte Tangemann. Nicht zu vergessen der Kolonialwarenladen Schnakenberg – „wo es immer so gut nach Kaffee duftete“ –, das Hotel Hannoverscher Hof oder die Sattlerei Lackmann: „Der Mann konnte was“, findet Wagner noch heute anerkennende Worte für die Arbeit des Handwerkers. Am Allerufer, dem heutigen Allerpark, blühten die Blumen der Gärtnereien Zietz und Plaß.

Der Jugendliche Franz Wagner hatte dafür damals sicherlich weniger den Blick. Ihn und seine Freunde zog es an den nahen Fluss, vor allem an die Alte Aller. „Unfassbar, was wir da für einen Unfug anstellen konnten.“ Unauslöschlich sind die Erinnerungen an die Funde von Kriegsmunition. „Eines Tages lag da bei Niedrigwasser etwas Eiförmiges im Flussbett. Wir warfen mit dicken Steinen danach. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es eine Fliegerbombe war, ein Blindgänger. Statt uns aus dem Staub zu machen, standen wir staunend drumherum. Unglaublich und lebensgefährlich.“

Beste Verwendung hatte der junge Franz für eine Machete, die offensichtlich einer der englischen Soldaten im Gebüsch zurückgelassen hatte. „Wir schlugen uns damit im dichtesten Unterholz, direkt am Fluss, eine Burg frei, in der wir kaum zu finden waren, aber von der wir alles überblicken konnten.“ Gebadet wurde auf den Wiesen, ebenfalls nahe der Alten Aller. „Der gelbe, der schwarze oder der alte Teich, je nach Farbe des Wassers, so hießen die Tümpel damals“, sagt Wagner. Nach dem Baden machten die Jungs Feuer, hatten Sauerteig aus der väterlichen Backstube eines Kumpels dabei und dann wurde Stockbrot gebacken. „Davon konnte ich gar nicht genug bekommen“, erzählt Wagner.

Die Werkstatt an der Reeperbahn sollte auch des Juniors Arbeitsstelle werden. Er ging bei seinem Vater als Installateur und Heizungsmonteur in die Lehre. „Ich hätte ja gerne etwas mit Feinmechanik gemacht, aber damals waren Lehrstellen knapp und gefragt wurde ich eigentlich gar nicht.“

Blick aus Richtung Blumenwisch in den Sandweg, Anfang der 1970er-Jahre. Nur Anlieger durften damals den Weg nutzen, ehe er dann ausgebaut wurde.

Seine Freizeit vertrieb sich Franz Wagner Junior mit seinen Kumpels auf dem Motorrad. Eine BMW R51/3 steuerte der 20-Jährige über die staubige Straße, wenn er vom Hof fuhr. „Die Reeperbahn, daran erinnere ich mich genau, war ein Sandweg, Schlagloch neben Schlagloch und unbeleuchtet.“ Für die jungen Männer eine Herausforderung, mit Vollgas Richtung Blumenwisch zu brettern. „Ohne kleine Unfälle ging das nicht immer ab. Aber in der Werkstatt meines Vaters gab’s Werkzeug und der Schaden war meist leicht zu reparieren.“ War der Tag rum, steuerten Wagner und seine Kumpels die Gaststätte Tangelmann an: „Stiefeltrinken, das war damals angesagt. Ich hatte es ja nicht weit nach Haue“, lacht Wagner vielsagend.

Alles neu an der Reeperbahn: 2013 wurde die Straße wieder komplett umgebaut. Der angrenzende Parkplatz verschwand. Heute ist dort der Allerpark.

Bis zu Beginn der 1970er-Jahre wohnte Familie Wagner an der Reeperbahn. Als Häuser moderner und anspruchsvoller wurden, folgte der Umzug an die Zollstraße. Und das Bild: „Auch das ist eine besondere Geschichte. Ich habe es in den 1970er-Jahren auf einer Ausstellung in der städtischen Touristinformation, die damals noch in der Ostertorstraße untergebracht war, im Fenster entdeckt. Gemalt hat es der Verdener Künstler Reinhold Schneider“, berichtet Wagner. Zu seiner Frau sagte er damals: „Das muss ich unbedingt haben.“ Gesagt, getan. Das Bild hängt nun im Wohnzimmer, im Eigenheim in Dauelsen. Für Franz Wagner ist das Werk wie ein Buch: „Immer wenn ich drauf gucke, fallen mir unzählige Geschichten ein.

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