Ein Gang durch den Garten nach Sebastian Kneipp

Auch die Brennnessel hat hier ihren Platz

Eine Frau beugt sich über ein mit Brennnesseln gefülltes Beet und steckt sich ein paar Samen der Brennnessel in den Mund.
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Die Brennnessel ist für Kathrin Fehsenfeld ein absoluter Allrounder. Die Expertin verwendet sie im Salat, aber auch als Heilkraut.

Ein Gang durch den Garten, gemeinsam mit Kathrin Fehsenfeld, das hat etwas von einer kleinen Exkursion. Egal, ob es sich dabei um die Beete des Scharfrichterhauses, dem Domizil des Kneipp-Vereins Verden, handelt, oder um ihren eigenen Garten in Hutbergen. Kaum ein Fleckchen, an dem es nicht grünt und blüht. Kaum eine Pflanze, die sich nicht im Sinne von Sebastian Kneipp verwenden ließe.

Verden - Der bayrische Pfarrer ist vor allem bekannt durch seine Wasseranwendungen. Als Ergänzung zu Güssen und Bädern setzte er auch auf die Kraft vorrangig heimischer Pflanzen, sowohl zur Vorbeugung als auch zur Linderung und Heilung. Ihre unterschiedlichen Wirkungen testete er zunächst bei sich selbst, ehe er sie als Hausmittel empfahl.

Der Fenchel ist in diesem Jahr bei Kathrin Fehsenfeld so richtig ins Kraut geschossen. Seine Samen, sanft aus den Dolden geklopft, getrocknet und leicht angequetscht, ergeben gemeinsam mit Thymian und Süßholzwurzel einen Hustentee, der auch Kindern schmeckt.

In einem Hochbeet blühen die Ringelblumen. „Sie liebt die Sonne, aber sie schimpft auch nicht, wenn’s mal regnet“, gesteht Kathrin Fehsenfeld der von ihr sehr geschätzten Calendula eine gewisse Einfachheit im Umgang zu.

Auch als Eyecatcher in der Butter verwendbar: Ringelblumen.

Die gelben und orangefarbenen Blüten der Ringelblume, frisch oder getrocknet, finden bei der 45-Jährigen nicht nur Verwendung in der Küche, „als Eyecatcher in der Butter“. Als Tee setzt Kathrin Fehsenfeld sie gegen Akne ein. Mit Bienenwachs zu Balsam verarbeitet, pflegt die Ringelblume trockene Haut und Narbengewebe. Allergiker aber sollten vorsichtig sein, warnt die Hutbergerin, zählt die Calendula doch zu den Korbblütlern, die Hautreizungen hervorrufen können.

Melisse steht bei mir überall“, geht es weiter durch den Garten. Mit Hochprozentigem angesetzt, macht Kathrin Fehsenfeld aus ihr eine Tinktur, die bei Lippen-Herpes schnell wirken soll.

Pingeligen Gärtnern mag es angesichts des üppigen Bewuchses in den Fingern jucken, Löwenzahn und Brennnesseln mit Stumpf und Stiel herauszuziehen. Denn auch sie haben ihren Platz zwischen Wermut, Rosmarin und Thymian. „Das ist kein Tippi-Toppi-Garten“, ist Kathrin Fehsenfeld bewusst. Aber mit Blick auf die Pflanzen sagt sie: „Ich wüsste nicht, was ich herausreißen sollte.“

Unerschrocken greift sie in die Brennnesseln, streift deren Samen ab und steckt sie sich in den Mund. Ein großes Geschmackserlebnis ist das zwar nicht. Doch getrocknet, ohne Fett in der Pfanne geröstet und über den Salat gestreut, haben sie einen tollen Crunch.

Nonnen war die Brennnessel im Mittelalter verboten

„Die Brennnessel ist ein Allrounder“, schwärmt Kathrin Fehsenfeld von der als Unkraut verpönten Pflanze. Schmetterlinge lieben sie wegen ihrer Blüten. Kathrin Fehsenfeld macht aus ihren frischen Blättern Tee zum Entschlacken oder verwendet sie wie Spinat im Salat. „Die Wurzel, da freut sich jeder Mann, ist gut für die Prostata“, verrät sie und fügt augenzwinkernd hinzu, dass die Brennnesselwurzel auch gut für die Libido sein soll. „Den Nonnen war sie darum im Mittelalter untersagt.“

Die 45-Jährige ist stellvertretende Leiterin des Kindergartens St. Josef in Verden. Als dieser sich als Kneipp-Kita zertifizieren ließ, begann Kathrin Fehsenfeld auch privat, sich intensiver mit den Lehren des Pfarrers Sebastian Kneipp auseinanderzusetzen. Seine Kenntnisse über die vorbeugende und heilende Wirkung von Pflanzen fielen bei ihr auf fruchtbaren Boden. Buchstäblich.

Kathrin Fehsenfeld ließ sich zur Kursleiterin für Heilpflanzenkunde nach Sebastian Kneipp ausbilden, bietet im Verdener Kneipp-Verein Seminare dazu an. Vor allem in ihrem heimischen Garten lässt sie nun vieles wachsen und gedeihen, was andere längst herausgerupft oder wenigstens beschnitten hätten.

Wilder Oregano ist nicht nur ein feines Gewürz- und Heilkraut, sondern auch bei Insekten beliebt.

„Die Erde gehört ja nicht nur uns Menschen“, stellt sie fest. Das rege Treiben in den Beeten bestätigt sie. Auch die Insekten wissen das vielfältige Angebot zu schätzen. Hummeln und Bienen schwirren umher, sammeln eifrig den Nektar beim Lavendel oder dem Wilden Oregano. Und Kathrin Fehsenfeld kann fast das ganze Jahr über etwas ernten, um es zu Tees, Salben oder Tinkturen zu verarbeiten.

„In jeder Apotheke steckt ein teures Geld, in der meinigen ist nicht viel Rares“, zitiert die Kursleiterin den Pfarrer. „Nur weil’s gut tut, muss es nicht viel kosten“, übersetzt sie frei, was der als Wasser- und Pflanzendoktor bekannte Kneipp damit ausdrücken wollte.

Sicher besorge sie sich manche Zutaten in der Apotheke, weil sie, anders als in der schwäbischen Heimat Kneipps, hier nicht in großen Mengen wachsen. Im Prinzip gelte aber: „Ich kann zu jeder Jahreszeit etwas ernten und nutzen.“

Im Kneipp-Garten sogar ein Schild wert: der Löwenzahn.

Das beginne nach dem Ende von Eis und Schnee mit der Vogelmiere, die viel Vitamin C enthalte, setze sich fort mit den ersten Blättern des Löwenzahns, deren Bitterstoffe nach dem fetten Essen im Winter gut für Verdauung seien, gehe weiter mit Schafgarbe, die sich gut für Sitzbäder eigne, und Spitzwegerich, der beispielsweise bei trockenem Reizhusten seine Kraft entfaltet.

Vieles kann Kathrin Fehsenfeld bei diesem Gespräch nur anreißen. Im kommenden Jahr, so hofft sie, kann sie für den Kneipp-Verein endlich wieder Kurse anbieten, bei denen dann auch allerlei probiert werden darf. Jetzt, mit der Maske und auf Abstand habe das ja keinen Sinn, befindet sie.

Wer sich für sich schon einmal mit Heil- und Gewürzkräutern befassen möchte, dem empfiehlt sie die beiden Standardwerke von Sebastian Kneipp, „Meine Wasserkur“ und „So sollt Ihr Leben“.

Wichtig ist: Unterwegs in der freien Natur nur das pflücken, was man kennt. Und bitte nicht dort, wo gedüngt und/oder Hunde ausgeführt werden. Und wer in seinem Garten ein freies Plätzchen hat, kann ja einfach mal nichts tun – und sehen, was sich dort so entwickelt. Eins ist sicher: Löwenzahn und Brennnessel kommen ganz von alleine.

Von Katrin Preuß

Fortsetzung

Der Kneipp-Verein Verden feiert in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen, Sinnstifter und Namensgeber Sebastian Kneipp wäre 200 Jahre alt geworden. Dies nehmen wir zum Anlass, bis September monatlich weitere Aktivitäten des Vereins vorzustellen. Die kleine Serie orientiert sich dabei an den fünf Elementen, die die Lehre Sebastian Kneipps ausmachen: Lebensgestaltung, Wasser, Heilkräuter, Ernährung und Bewegung.

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