Attentat auf den Firmenchef

Blick auf das Kraftfutterwerk am Brunnenweg. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1965.
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Blick auf das Kraftfutterwerk am Brunnenweg. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1965.

Das Unternehmen Anton Höing floriert in den 1950er-Jahren. Zum Stadtbild Verdens gehören die Lastwagen, die regelmäßig durch die Straßen kurven. „Höing war ein guter Geschäftsmann und sehr genau“, erzählt Friedrich Brinkmann, lange Jahre Prokurist in der Firma. Als junger Mann wurde er zudem Zeuge, was sich am 29. November 1951 in den Räumen unter ihm abspielte: Ein missglücktes Attentat auf den Firmenchef, so im Teil zwei der Serie.

Verden – Im Kraftfutterwerk Anton Höing arbeiteten zu Beginn der 1950er-Jahre zeitweilig bis zu 300 Angestellte. „Er war damit Verdens größter Arbeitgeber“, so Friedrich Brinkmann. Der heute 87-Jährige Verdener machte damals als Heranwachsender seine Ausbildung in dem Unternehmen. Brinkmann selbst erinnert sich an viele Begegnungen, die durchaus auch mal in „energischem Ton“ verliefen. „Der Chef wollte, wenn sich wichtige Kunden ankündigten, stets auf den aktuellen Stand der Dinge gebracht werden.“ Brinkmann besorgte ihm die notwendigen Infos, musste sich aber auch stets Fragen dazu gefallen lassen. Als ihm einmal keine passende Antwort einfiel, brach Höing kurz und bündig das Gespräch ab. „Sie wissen es nicht, Brinkmann, Sie wissen es nicht“, hielt er seinem Verkaufsleiter vor. „Das hat mich im Nachhinein sehr beschäftigt“, gibt Brinkmann rückblickend zu.

Höing hatte Erfolg, wohnte mit seiner Frau und seinen vier Töchtern in einem großen Anwesen an der Dekanei in Verden. War es der wirtschaftliche Aufschwung seines Unternehmens, der ihn zum Ziel eines Attentates machen sollte, das im November 1951 bundesweit Schlagzeilen machte?

Als im Büro seines Chefs eine Briefbombe auf dessen Schreibtisch lag, saß der Auszubildende Friedrich Brinkmann, damals 17 Jahre alt, eine Etage höher in der Verkaufsabteilung. „Wenn die Bombe hochgegangen wäre, ich mag gar nicht dran denken. Doch Höing hatte gemerkt, dass etwas faul war, ließ das Paket zunächst liegen, ehe er dann die Polizei rief.“ Das hat vermutlich ihm und viele seiner Angestellten, darunter auch Friedrich Brinkmann, an diesem 29. November das Leben gerettet.

Wie Höing die Ereignisse selber erlebt hat, schilderte er ausführlich in einem Brief an Freunde und die Belegschaft. Friedrich Brinkmann liegt das Original vor, er kann den Text fast auswendig. Im folgenden ein paar Auszüge daraus: ...Die starke freudige Anteilnahme an meiner Errettung vor dem feigen Meuchelmord hat mich tief bewegt. Abgesehen von der selbstverständlichen Freude, daß ich meiner Familie und meinem Lebenswerk, der von mir vor drei Jahrzehnten aufgebauten Firma, erhalten blieb, bin ich glücklich, daß ich durch eine gütige Schicksalfügung derjenige sein konnte, der die unverletzte Bombe der Polizei übergab“, schreibt Höing. Der Unternehmer schildert nachfolgend den Ablauf der Ereignisse nach Ankunft der Briefbombe: „Das Paket war morgens, circa 8.45 Uhr, von unserem Boten mit den übrigen Wertsendungen von der Post geholt.....und auf meinen Schreibtisch gelegt worden“, notierte Höing weiter. Die seltsame Aufmachung des Pakets, zahlreiche Hinweise und die Aufforderung „Nur von Empfänger“ persönlich zu öffnen“ verstärkten dass Misstrauen Höings, „so daß mir klar wurde, daß hier etwas nicht stimmte. Ich glaubte, man wolle mir einen Schabernack spielen“, heißt es wörtlich in dem Schreiben an die Angestellten.

Mit seinem Misstrauen sollte er richtig liegen. Als er das Paket einen Spalt öffnete, mit im Raum sind da sein Werkmeister Spannhake und der Disponent Stuppenhagen, sah Höing isolierten Klingeldraht und ein zwei bis drei Zentimeter großes Röhrchen, dass von einer festen, dunklen Masse, die den ganzen Raum ausfüllte, umgeben war. Brinkmann: „Er dachte zunächst an einen Streich, an eine Stinkbombe oder etwas ähnliches.“

Höing wurde die Sache nun zunehmend unheimlich, er informierte gegen 11 Uhr die Polizei. „Auch im Haus herrschte natürlich entsprechend Unruhe“, erinnert sich Brinkmann. Das Paket lag da bereits im Keller des Hauses, wurde von zwei uniformierten Beamten sowie Höing und dessen Werkmeister erneut in Augenschein genommen. Ein Feuerwerker sollte gerufen werden, bis dahin das Paket in den Kellerräumen, unter Höings Büro, bleiben.

Dann, gegen 13.20 Uhr, erreichte Höing die furchtbare Nachricht von den Attentaten in Eystrup, wo eine junge Frau ums Leben gekommen war, und aus Bremen. Dort kostete den Chef-Redakteur der Bremer Nachrichten die Explosion der an ihn adressierten Briefbombe das Leben.

Jetzt herrschte Alarmstimmung in Verden, wie sich Brinkmann lebhaft erinnert. Das Paket wurde zunächst mit einigen Sack Haferschalen abgedeckt. Als aber zunehmend durchsickerte, was in Eystrup und Bremen passiert war, rückte die Polizei mit einem Großaufgebot an und räumte das Gebäude. Sie dauerte bis 18 Uhr an, als die Bombe abgeholt wurde. „Wir waren natürlich alle sehr erleichtert, dass wir mit dem Schrecken davon gekommen sind“, erzählt Brinkmann.

Derweil rollten die Ermittlungen und die Suche nach dem Attentäter. Den Namen hat Brinkmann sofort parat: „Erich von Halacz, ein junger Mann aus Nienburg.“ Er wurde nach intensiven Ermittlungen und Fahndungsaufrufen am 10. Dezember gefasst. Friedrich Brinkmann sollte ihm einmal kurz begegnen, und zwar bei der Gerichtsverhandlung in Verden.

Fortsetzung und Teil drei:

Begegnung im Gericht. Anton Höing bleibt gelassen. Der Täter wird vor dem Landgericht verurteilt.

Von Markus Wienken

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