Professor Dr. Tom Schaberg über Nutzen und Wirkung des Impfstoffs

Astrazeneca statt Intensivstation

Professor Dr. Tom Schaberg sitzt an seinem Schreibtisch und blickt in die Kamera.
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Astrazeneca kann Leben retten: Professor Dr. Tom Schaberg unterstützt den Einsatz des Impfstoffs.

Verden – „Der Covid-19-Impfstoff von Astrazeneca ist hochwirksam.“ Auch nachdem das Vakzin wegen Venenthrombosen im Gehirn vielfach das Vertrauen von Impflingen verloren hat, ist Professor Dr. Tom Schaberg von ihm überzeugt. Wenn es darum gehe, die Menschen von den Intensivstationen fernzuhalten oder den Tod an Covid-19 zu verhindern, sei das Verhältnis von Risiko und Nutzen sehr gut.

Der ehemalige Chefarzt des Zentrums für Pneumologie im Diakoniekrankenhaus Rotenburg sieht sogar Vorteile gegenüber anderen Impfstoffen, die gegen eine Erkrankung schützen sollen.

Seit Beginn der Pandemie noch mehr als Experte gefragt

Eigentlich ist Tom Schaberg seit knapp eineinhalb Jahren im Ruhestand. Aber seit das Coronavirus sich über die Welt ausbreitet, ist von der Ruhe nicht mehr viel geblieben. Seine Kenntnisse sind in Expertenräten und auf Vortragsveranstaltungen gefragt. Darunter ist auch der „Expertenbeirat Pandemische respiratorische Infektionen“ des Bundesministeriums für Gesundheit am Robert-Koch-Institut, dem der Rotenburger seit 2006 angehört.

Verwunderlich ist es nicht, dass der Spezialist für infektiöse Lungenerkrankungen so gefragt ist. Zusätzlich zur Arbeit in der Rotenburger und anderen Kliniken hat er über zelluläre Mechanismen der Abwehr von Lungeninfekten, Impfungen, Tuberkulose, Lungenkrebs und chronische Lungenerkrankungen geforscht. Dass diese Kenntnisse gerade in der Pandemie gefragt sind, braucht denn auch kaum noch erwähnt zu werden. Zumal der genannte Experten-Beirat 2017 den Nationalen Pandemie-Plan ausgearbeitet hat.

Zehn Prozent der älteren Menschen lehnen AstraZeneca zu Unrecht ab

Dass der Impfstoff von Astrazeneca nach dem Hinundher mit Impfstopp und erneuter Freigabe einen großen Vertrauensverlust erlitten hat, konnte Tom Schaberg selbst erleben. Als der 66-Jährige vor ein paar Tagen mit den Ärzten des Impfzentrums in Verden konferierte, berichtete der ärztliche Leiter des Verdener Impfzentrums, Dr. Henning Hovorka, dass zehn Prozent der Impflinge das Vakzin ablehnten. Gerechtfertigt sei das nicht, meint Schaberg, zumal bislang in den Impfzentren noch Personen geimpft würden, die das 60. Lebensjahr schon einige Zeit hinter sich haben. So viel sei immerhin schon sicher, dass die ohnehin seltene Nebenwirkung, die Sinusvenenthrombose, vorwiegend bei Frauen im Alter bis zu etwa 60 Jahren auftritt. Weibliche Patienten seien etwa sechsmal häufiger als männliche betroffen. Berücksichtigen müsse man auch, dass diese Erkrankung unter einer Million Frauen zwischen 30 und 50 spontan etwa zweimal pro Monat auftrete. „Also völlig unabhängig von der Impfung.“

Dass die Sinusvenenthrombosen in Deutschland nun aber mit 14 Fällen pro einer Million verabreichter Impfdosen in zwei Monaten deutlich häufiger aufgetreten sind, als in Großbritannien mit vier Fällen bei einer Million Impfungen in drei Monaten, habe wohl schlicht den Grund, dass unterschiedliche Altersgruppen geimpft worden seien. Im Vereinigten Königreich seien zunächst nur die Älteren geimpft worden. „In Deutschland war Astrazeneca hingegen nur für Impflinge unter 60 empfohlen.“ Die Entscheidung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut, das Vakzin jetzt nur für Ältere zu empfehlen, sei daher richtig gewesen. Diese Menschen würden es im Übrigen auch sehr gut vertragen.

Aber auch gegen die Zulassung des Impfstoffs überhaupt hat Tom Schaberg nichts einzuwenden. „Es ist immer eine Risiko-Nutzen-Abwägung“, erklärt der Fachmann. „Alle Medikamente haben Nebenwirkungen.“

Die Reaktion des Körpers auf den Vektor-Virus-basierten Impfstoff, die zu den Sinusvenenthrombosen führt, sei sehr selten. Der Mechanismus sei der einer seltenen Unverträglichkeit des Medikaments Heparin sehr ähnlich. Es wird etwa bei Operationen eingesetzt, um die Blutgerinnung zu verhindern. In sehr seltenen Fällen brächten Patienten eine genetische Mutation mit, die den Körper anders auf das Medikament reagieren lasse. Anstatt die Gerinnung des Blutes einzudämmen, löst es das Gegenteil aus, die Thrombosen. Symptome würden dann, wie bei den Betroffenen nach der Impfung, etwa innerhalb der ersten Tage auftreten.

Dieser Effekt sei aber bei Menschen über 60 so selten, dass Schaberg die Wahrscheinlichkeit mit dem Lotto-Spiel vergleicht. Astrazeneca verleihe dagegen schon nach der ersten Impfung einen hohen Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf. In Schottland habe man zeigen können, dass bei Biontech die Geimpften schon nach der ersten Gabe zu 85 Prozent davor geschützt waren, bei Astrazeneca zu 94 Prozent. „Und darum geht es ja. Dass die Infizierten keine schweren Verläufe mit Beatmung auf der Intensivstation entwickeln oder gar versterben.“ In England habe man nach den Impfungen beobachtet, dass Astrazeneca bereits nach der ersten Dosis 80 Prozent der geimpften Infizierten, die 70 Jahre oder älter sind, davor bewahrt hat, dass sie stationär behandelt werden mussten.

Höhere Wirksamkeit als bei einer Influenza-Impfung

Wenn man diese hohe Wirksamkeit mit den beliebten Influenza-Schutzimpfungen vergleicht, sehen alle zugelassenen Corona-Impfstoffe gut aus. Einen Schutz erreicht die Grippeschutzimpfung nur bei 30 bis 50 Prozent der Impflinge. „Glücklicherweise ist Sars-CoV-2 relativ stabil und mutiert nicht so schnell wie das Influenzavirus“, merkt Schaberg an.

Ein weiterer Grund, der für Astrazeneca spreche, sei auch seine Wirksamkeit gegen die britische Mutante des Corona-Virus. „Diese ist um 60 Prozent ansteckender und wahrscheinlich auch um bis zu 60 Prozent gefährlicher“, warnt er. Gerade für Kinder und Jugendliche erhöhe sich die Ansteckungsgefahr. Wenig verwunderlich also, dass das Verdener Gesundheitsamt derzeit fast ausschließlich die B.1.1.7-Mutante bei Infektionen verzeichnet

Wenn Ältere den Impfstoff ablehnen, verhalten sie sich nicht solidarisch

Gerade mit Blick auf die jüngeren Bevölkerungsanteile sei es nun wichtig, dass Verzögerungen in der Impfkampagne vermieden werden. Alle älteren Menschen, die jetzt eine Impfung mit Astrazeneca ablehnen und stattdessen Impfstoffe wie den von Biontech bevorzugen, empfindet Tom Schaberg als unsolidarisch gegenüber den jungen Leuten, da dann für diese Bevölkerungsgruppe ein geeignete Impfstoff fehle. „Die Jungen haben bis jetzt geduldig mitgemacht, damit die Älteren durch die Lockdown-Massnahmen geschützt wurden und geimpft werden konnten. Jetzt aber geraten junge Leute in größere Gefahr und werden kränker. Daher sollte der für sie geeignete Impfstoff auch hier eingesetzt werden. Die Pandemie wächst exponentiell“, fasst Schaberg zusammen.

Zügiges Impfen und eingeschränkter Kontakt sind für den Mediziner die dringendsten Maßnahmen, um der Lage Herr zu werden und Intensivstationen nicht zu überlasten. Auch müsse man mit neuen Mutationen rechnen, und keiner weiß schon heute, wie diese dann wirken. Bereits jetzt deute sich an, dass die brasilianische und die südafrikanische Variante durch alle zurzeit zugelassenen Impfstoffe nicht ausreichend bekämpft werden. Schaberg hält es daher für sehr wahrscheinlich, dass es im Herbst eine weitere Impfkampagne geben muss.

Von Ronald Klee

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