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Anstoßen auf den „Teilsieg“: Montagstreff in Verden ohne Spaziergang

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Von: Manfred Brodt

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Menschen neben einer Fahne, auf der ein Mittelfinger abgebildet ist.
Der Mittelfinger zeigt die ganze Richtung. © Brodt

In der ehemaligen DDR trafen sich die Diktaturgegner zu ihren Montagsdemonstrationen. In der wiedervereinigten Bundesrepublik trifft man sich mittlerweile zu Montagsspaziergängen gegen die herrschende Anti-Coronapolitik. Auch in Verden spazieren regelmäßig mehrere hundert Teilnehmer durch die Stadt. So treffen sie sich auch an diesem Montag gegen 18 Uhr auf den Allerwiesen, und ich will mir als Achimer ein Bild machen von den Leuten und ihren Parolen.

Verden – „Da darfst Du keine Maske tragen, damit Du nicht gleich auffällst“, werde ich vorher „gebrieft“. Kein Problem, im Freien trage ich sowieso die Maske nicht, wenn kein Menschengedränge herrscht.

Unterschiedliche Informationsquellen

Auf den Allerwiesen ist alles wie gemalt an diesem ersten schönen Sonnentag nach langer grauer und nasser Phase. Man kennt sich hier, umarmt sich, herzt sich und plaudert munter miteinander, über Persönliches und natürlich über Corona vorwärts und rückwärts. Soweit ich höre, sind sie umfangreich informiert. Nur sie haben andere Informationsquellen als ich. Sie vertrauen überwiegend vielem, was in den sogenannten sozialen Medien zu finden ist, ich eher den öffentlich-rechtlichen und einigen privaten Sendern sowie seriösen Tageszeitungen.

Mittelfinger für die Politik

Wenige erinnern mich von ihrer Kluft her an Seeräuber, aber vielleicht deute ich das ganz falsch. Wie auch bei der Fahne, die einer schwingt. Deren Symbol verstehe ich nicht und frage so den Fahnenträger, was sie denn zeige. „Den Stinkefinger“, sagt er mir Begriffsstutzigem, und, als er die Fahne aufrecht hält, sehe auch ich den berühmt, berüchtigten Finger. Die Fahne zeigt den Mittelfinger der herrschenden Anti-Coronapolitik. Ein kleines Symbol, das die Richtung der Versammlung ausdrückt.

Während an der Mauer fetzige Musik erklingt, haben die Menschen sich viel zu erzählen, und es werden immer mehr.

Keine schrägen Vögel, keiner widerlichen Parolen

Ältere und jüngere, und sie wirken alle ganz normal, gutbürgerlich, keine „schrägen Vögel“, und keine widerlichen Parolen und Sprüche über die angebliche Diktatur hier und Putin dort. Eher ein großes Happening.

Aber sie spazieren nicht, und ich stehe mir die Beine in den Bauch, bis ein Sprecher auf die Mauer steigt und verkündet: „Heute machen wir keinen Spaziergang, heutefeiern wir unseren Sieg, unserenen Teilsieg.“

Ziel ist die Abschaffung der Impfplicht auch in medizinischen Berufen

Sie feiern, dass der Bundestag die Woche zuvor das Kunststück fertig brachte, sämtliche Anträge für und gegen die Impflicht abzulehnen, so dass es de facto für die Mehrheit der Gesellschaft weiterhin keine Impfpflicht gibt.

Sie stoßen auf den Allerwiesen mit Sekt und Orangensaft in Plastikbechern an. Am Getränketisch will ich‘s genauer wissen, was sie denn da feiern, und frage nach dem Sprecher, dem Organisator. Rätselraten, wer das denn ist, und dann die Antwort: „Wir haben gar keinen Organisator. Das ist ein privates Treffen.“

Also spreche ich die Frauen am Getränketisch an, nachdem ich mich als Vertreter dieser Zeitung vorgestellt habe. Ja, sie trinken auf das Scheitern der Impfpflicht und die sonstigen Lockerungen, aber das sei nur ein Teilsieg. Die ganze Impfpflicht, auch für die Beschäftigten in Krankenhäusern, Arztpraxen und Altenheimen, müsse weg, sagt eine Gesprächspartnerin.

Überzeugt von bösen Nebenwirkungen

Denn die rMNA-Impfstoffe hätten böse Nebenwirkungen, von Gürtelrose bis zu anderen lästigen Krankheiten. Sie wisse, wovon sie rede sagt mir die nette Frau, denn sie arbeite in einem medizinischen Beruf . „In einem Krankenhaus oder einer Arztpraxis?“, will ich wissen. „Ich bin Naturheilkundlerin und Yogalehrerin auch noch“, sagt sie. Aha.

Na ja, Nebenwirkungen gibt es doch bei jeder Tablette, denke ich, sage ich aber nicht. Statt dessen erwidere ich nur: „Aber ohne Impfung könnten Sie sterben.“

„Das sind nur Menschen mit Vorerkrankungen und Ältere. Die können auch an einer Grippe sterben“, sagt sie. Und Menschen stürben auch, weil sie zu viel Süßes essen, Alkohol trinken, zu wenig Bewegung und Übergewicht haben oder rauchen, aber deshalb schreibe ihnen der Staat doch auch nicht ihr Leben vor.

Stimmt, sie verursachen auch Behandlungskosten des Gesundheitssystems, aber gefährden ja nicht ihre Mitmenschen.

Kritik an denen, die immer noch Masken tragen

Einig bin ich mir mit der Dame, die wie auch die anderen kein einzige Mal das Schimpfwort „Lügenpresse“ in den Mund nimmt, dass die Menschen trotz fehlender Maskenpflicht überwiegend beim Einkaufen immer noch Maske tragen.

„Ja das finde ich schlimm, die Menschen haben noch viel Angst“, koMaskemmentiert sie. „Ich nicht. Das ist Vorsicht“, lobe ich dieses Verhalten, und wir beenden das nette Gespräch.

„Heute feiern wir. Am nächsten Montag gehen wir wieder spazieren“, hatte der Sprecher auf der Mauer verkündet und dann die Information erhalten, dass dann doch der Feiertag Ostermontag sei. Dann findet der Montagsspaziergang eben am Dienstag statt, entscheidet die Mehrheit der rund 300 Leute auf den Allerwiesen in einer spontanen nicht unbedingt regelkonformen Abstimmung.

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