Aus der Anonymität geholt

KVHS zeigt Dokumentarfilm „Die Stimme der Flucht“

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Dr. Sabine Wahba (l.) und die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Verden, Christine Borchers, begrüßen Regisseurin Antje Diller-Wolff (r.).

Verden - Der Begriff „Flüchtlinge“ bezeichnet nur eine anonyme Masse. Der einzelne Mensch und sein Schicksal spielt keine Rolle. Antje Diller-Wolff und das Team von unternehmerinnen.tv haben geflüchtete Frauen aus der Anonymität geholt und ihnen eine Stimme gegeben.

Der Dokumentarfilm „Stimmen der Flucht“ wurde in der größten Notunterkunft Deutschlands, im Camp Fallingbostel-West gedreht.

Nicht genug Platz für alle Interessierten

In O-Tönen erzählen die geflüchteten Frauen selbst, von ihrer Flucht, ihrem jetzigen Leben und ihren Zukunftsplänen. Am Donnerstag wurde der Film vom Frauenbündnis Internationaler Frauentag im Landkreis Verden in der KVHS gezeigt. Anschließend gab es die Gelegenheit, mit der Regisseurin Antje Diller-Wolff zu sprechen.

Das Interesse an der Veranstaltung war überwältigend, der Saal war voll besetzt. „Mit dieser Resonanz haben wir nicht gerechnet, wir mussten sogar einigen absagen“, so die Leiterin der KVHS, Dr. Sabine Wahba. „Der Film ist abgegangen wie Schmidts Katze. Wir haben ihn bundesweit vorgeführt“, berichtete Antje Diller-Wolff.

Frauen seien froh, eine Stimme zu bekommen

Sie erzählte, wie es überhaupt zur Entstehung des Films kam. Der Anstoß kam von der KVHS Heidekreis, die eine Praktikumsstelle für zwei syrische Kameramänner suchte. „Damals war der Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Ich habe viel Infoveranstaltungen moderiert und kannte viele Verantwortliche, auch die Johanniter als Betreiber des Camps“, so Diller-Wolf. Da sie schnell merkte, dass die beiden Syrer Mohammad und Hussein Ahnung von ihrem Metier hatten, habe sie die Idee für das Filmprojekt entwickelt.

Auch die beiden Syrer seien sofort „Feuer und Flamme“ gewesen. Entstehen sollte ein Film, den es „so noch nie gegeben hat.“ Es gelang, eine Sonderdrehgenehmigung für das Camp in Fallingbostel zu bekommen. Entstanden ist ein reiner O-Ton-Film mit Untertiteln. Nach den Frauen, die von ihrem Schicksal erzählen, habe sie nicht lange suchen müssen, die Frauen seien froh gewesen, eine Stimme zu bekommen, sagte die Regisseurin.

Kinder tragen mehr Verantwortung, als das Alter zulässt

Da ist zum Beispiel Almas aus Syrien. Sie erzählt von ihrem Sohn Omar. Der Junge hat zwei Löcher im Herzen und muss dringend operiert werden. Daher entschloss sich die Familie zur Flucht. Ihr anderer Sohn wurde in Syrien erschossen. Unter Tränen berichtet die Mutter, wie sie ihr Kind tot in den Händen seines Vaters gesehen hat. „Es geht mir so schlecht ohne ihn. In Syrien habe ich meinen Kindern nichts bieten können. Ihre Wünsche und Ziele habe ich nicht erfüllt.“

Ibtesam Bilal ist nur mit einem Sohn in Deutschland. Ihren anderen Sohn, die Tochter und den Ehemann musste sie in Syrien zurücklassen. Sie erzählt von Schießereien auf der Straße und Krankenhäusern, die mit Leichen und Verletzten überfüllt sind. „Die syrischen Kinder sind so reif. Sie tragen eine Verantwortung, die viel größer ist, als ihr Alter zulässt.“ Die Frauen berichten mit bewegenden Worten von ihrer Flucht mit dem Boot von der Angst und dem Wissen, dass sie ihr Leben riskieren.

Traum: Wieder Bücher besitzen

Layala Baruti stammt aus Palästina und wohnte zuletzt in Syrien. „Ich wollte stärker sein als alles, was mir passiert ist“, erzählt sie. Die 53-jährige spricht von der „unbeschreiblichen, aber auch bedrückenden Freude bei ihrer Ankunft in Deutschland. Sie trauert nicht ihrem zerstörten Haus hinterher, sondern ihren verlorenen Erinnerungen, den Fotos, Büchern und Notizen. Mut macht ihr, dass die Menschen in Deutschland ihr mit Liebe und Respekt begegnet sind. Sie beginnt ein Praktikum bei der Lebenshilfe. Layla träumt davon, eines Tages wieder viele Bücher zu besitzen – mit Werken von Nietzsche, Schopenhauer und Pestalozzi.

Auch die 22-jährige Jala kommt aus Syrien. „Es ist unmöglich geworden, in Syrien zu leben“, sagt sie. Durch die Sicherheit in Deutschland schöpft sie die Kraft für einen Neuanfang, möchte gern studieren.

Für den kleinen Omar war die risikoreiche Flucht nach Deutschland lebensrettend. Er wurde gleich nach seiner Ankunft buchstäblich in letzter Minute am Herzen operiert.

Stimmen der Flucht kann auch online angeschaut werden.

ahk

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