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Verdener Bauunternehmen Matthäi wächst fast unbemerkt auf 2700 Beschäftigte

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Von: Heinrich Kracke

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Mann vor Wandmotiv.
Strukturiert die Matthäi-Gruppe zu einem universalen Bauunternehmen unter anderem für Großprojekte um: Bernd Afflerbach. © Babovic

Früher war es ein reines Straßenbau-Unternehmen. Inzwischen ist die Matthäi-Gruppe in Sachen erneuerbarer Energien unterwegs. Die Folgen des Ukrainekriegs spürt sie dennoch.

Verden – Sie sind längst mit dem Bau kühner Stromtrassen in Richtung Süden unterwegs, sie haben erst kürzlich eine Wasserstoff-Tankstelle fertiggestellt. Aber plötzlich ist es doch da, das Schreckgespenst, das allenfalls noch als Übergangstechnologie eine Rolle spielt. Das Schweröl und dessen Knappheit. „Im Zuge des Ukraine-Kriegs stellen wir uns aktuell auf einen Lieferstopp aus Russland ein“, sagt Bernd Afflerbach. Als Technischer Geschäftsführer und Gesellschafter zeichnet er bei der Verdener Matthäi-Gruppe neben dem kaufmännischen Geschäftsführer Andreas Höttler nicht nur für die strategische Ausrichtung verantwortlich, sondern auch für die tagesaktuellen Entwicklungen. Und das ist nicht wenig. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit wuchs das Verdener Unternehmen in den vergangenen Jahren auf 2700 Beschäftigte in 60 Einzelbetrieben.

Von hier werden 60 Unternehmen mit rund 2700 Beschäftigten gesteuert: Die neue Zentrale der Matthäi-Gruppe am angestammten Standort in Verden.
Von hier werden 60 Unternehmen mit rund 2700 Beschäftigten gesteuert: Die neue Zentrale der Matthäi-Gruppe am angestammten Standort in Verden. © Babovic

Jetzt geht es um die Druschba, um die Pipeline, die die russischen Ölfelder über mehr als 5000 Kilometer mit Schwedt an der Oder verbindet und mit den dortigen Raffinerien. „Wir suchen Alternativen, sollte es zu einem Embargo kommen“, so Afflerbach. Ein Szenario für den Fall der Fälle haben sie bereits entwickelt. Das Rohöl müsste aus den Häfen, aus Brunsbüttel oder Wilhelmhaven, es müsste an die polnische Grenze zu den dortigen Raffinerien transportiert werden. „Machbar selbstverständlich, aber es wäre ein weiterer Mosaikstein bei der aktuellen Kostenexplosionen.“ Schon der 8. März hatte das Unternehmen mit seinen 150 Lastwagen in Aufregung versetzt. „Der Dieselpreis ist innerhalb 24 Stunden um satte 40 Cent gestiegen.“ Und das macht es langsam schwierig.

CO2-Bilanz immer wichtiger bei Preiskalkulation

Nicht nur des Diesels wegen. Matthäi lege Wert auf sparsame Fahrzeuge, ein Großteil der Firmen-Autos ist als Hybrid unterwegs, die Nachhaltigkeit, die CO2-Bilanzierung der gesamten Gruppe, sie spiele eine zunehmende Rolle, das Recycling ebenfalls. Von daher treffe das Unternehmen ein solches Embargo nicht mehr ins Mark, zu Kostensteigerungen führe es dennoch. Mit den bisher schon ergriffenen Initiativen könne man die Entwicklung ein wenig abfedern, Initiativen, die aus gutem Grund angeschoben wurden. „Wir gehen davon aus, künftig sind die Instrumente auf dem Weg zur Klimaneutralität ein wichtiger Punkt in den Angebotskalkulationen, darauf stellen wir uns ein“, so Afflerbach. „In diesem Punkt sind wir stark entschlossen.“

Und gut möglich, dass sich dann eines der Themen von selbst löst, das jetzt noch brennt. Es geht um eines der Abfallprodukte der Raffinerien, es geht ums Bitumen. Und damit geht es um den Asphalt, eines der Kernarbeitsbereiche des Unternehmens. Und das werde auch so bleiben. Ob der Autobahnbau, ob die tausenden Brücken, die erneuert werden müsse, er sehe darin ein Riesenpotenzial für die nächsten Jahrzehnte, sagt der Geschäftsführer.

Andererseits löst sich die Matthäi-Gruppe von der öffentlichen Hand. Afflerbach bezeichnet den Anteil der kommunalen oder staatlichen Aufträge am Gesamtaufkommen beim einst klassischen Straßenbauer mit unter 50 Prozent, Tendenz sinkend. Stattdessen widme man sich verstärkt der Zukunftsthemen. Aktuell im Raum Ganderkesee etwa. Das gigantische Erdkabel, das von der Nordsee in Richtung Süden verläuft und später Strom von den Nordsee-Windparks aufnehmen soll, zunächst mal nur bis vor die Tore Diepholz‘, ein Anfang. Schwere Bagger mit dem markanten schwarzen Firmenschriftzug auf orangenem Warnbakenstreifen graben sich durchs Erdreich. „Wir steuern generell die stillgelegten Kernkraftwerke an, von dort wird die elektrische Energie über bestehende Leitungen weiterverteilt.“

Vom Umspannwerk bis zur Montagehalle

Alles kein Einzelfall. Bei den neuen Energien entwickele sich das Unternehmen zum Partner für fast alle Fälle, Spezialmaschinen habe man erworben, Matthäi verbessere das Knowhow kontinuierlich. Ob Umspannwerke oder Übergabepunkte von Offshore-Windstrom im Wattenmeer – „wir bieten es inzwischen schlüsselfertig an.“

Das gelte ebenfalls für die komplizierten Sonderwünsche global tätiger Konzerne. Die Halle 20 des VW-Werks in Emden zum Beispiel, E-Autos rollen hier vom Band. „Der Fertigstellungstermin war eng gesteckt. Wir haben es im fairen Miteinander und zur Zufriedenheit des Bauherrn geschafft.“ Ein gigantisches Lager für Übersee-Container ist ein nächstes Referenzprojekt, auf bis zu zehn Etagen stapeln sich die schweren Behälter. „Der Clou ist eine computergesteuerte Krananlage, die selbstständig alles so umstellt, dass innerhalb kurzer Zeit auch der unterste Container herausgezogen werden kann.“ Auch eine solche Anlage konnte sozusagen schlüsselfertig übergeben werden.

Alles das Ergebnis einer langfristigen Strategie. „Wir sind nicht an schnellem Wachstum, wir sind an linearen Wachstum interessiert“, sagt Afflerbach. Komplexe Bauprojekte habe man im Auge, innovative Techniken. In diese Richtungen verstärke sich das Unternehmen zielgerichtet, unter anderem durch die Übernahme anderer Unternehmen. Vor zehn Jahren zählte Matthäi noch 1700 Beschäftigte, jetzt sind es tausend mehr. Und in fünf Jahren, ja, sagt Afflerbach, dann befinde sich die Matthäi-Gruppe jenseits der 3000er-Marke, jedenfalls, laufe alles nach Plan. Den Jahresumsatz beziffert er aktuell mit 800 Millionen Euro, vor fünf Jahren waren es noch 550 Millionen.

Einher geht damit der Umbau der Matthäi-Gruppe. In Verden laufen alle Stränge zusammen, Headquarter heißt das neudeutsch, eine neue Firmenzentrale wurde vor einigen Monaten eingeweiht, aber längst ist Verden mit rund 170 Beschäftigten nicht mehr der größte Standort. „Wir sind im Norden der Republik oberhalb einer gedachten Linie von Dinslaken bis Dresden vertreten.“ Mehr als 200 Mitarbeiter weisen einige Standorte auf, in Langenhagen zum Beispiel, in Westerstede, viel größer ist keiner.

Wohnidee auf dem Wasser

Und zuweilen sind es nur zehn, und das sind allesamt Spezialisten. Bei den schwimmenden Häusern von Floating Homes zum Beispiel. „Diese Wohnidee haben wir an mehreren Standorten in Hamburg verwirklicht, unter anderem vor der Elbphilharmonie, dann an der Nordsee, vor Fehmarn, in der Kieler Förde.“ Aus der Taufe gehoben wurde das Unternehmen von zwei Hamburger Architekten, inzwischen ist es ganz unter das Matthäi-Dach geschlüpft. Einen Clou gibt es auch hier. Einen Ponton, der dauerhaft dem Wasser trotzt, und dennoch transportabel ist und vor Ort mit anderen Pontons zu jeder gewünschten Größe zusammengefügt werden kann. „Aktuell befinden wir uns vor allem auf der Suche nach Liegeplätzen.“

Wie in diesem Fall sind es vor allem Fachkräfte mit Spezialkenntnissen rund ums Bauen, die das Unternehmen beschäftigt – und sucht. Die Personalentwicklung gehört zu den Aufgaben, die sie von Verden aus zentral für die 60 Unternehmen steuern. „Wird zum Beispiel ein Bauleiter gesucht, dann muss sich nicht die Firma vor Ort umschauen, dann wird an der Bremer Straße eine Lösung gefunden.“ Aus der Geschäftsführung hat Katarina Breves die diesbezügliche Federführung übernommen.

Aktuell leide man noch nicht so sehr unter dem Fachkräftemangel. Afflerbach führt diese Entwicklung auf das innerbetriebliche Verhältnis zum Beschäftigten zurück. „Wir tun viel dafür, unseren Mitarbeitern ein guter Arbeitgeber zu sein.“ Das blieb auch überregional nicht verborgen. „Wir wurden zum Beispiel gerade wieder als einer der besten Ausbildungsbetriebe Deutschlands ausgezeichnet. Das ist ein wunderbarer Erfolg, weil wir unser Fachpersonal in erster Linie selbst ausbilden möchten.“ Zudem habe man etwa eine zusätzliche kostenlose betriebliche Krankenzusatzversicherung auf den Weg gebracht, habe Angebote zur Fitness geschaffen, habe ein Fahrrad- und E-Bike-Leasing aus der Taufe gehoben. Afflerbach: „Der Nachrichtensender Welt bescheinigt uns in einer deutschlandweiten Studie eine „Sehr hohe unternehmerische Verantwortung“.“

Das zeigte sich auch in der Pandemie erst wieder. Schon mit dem ersten Lockdown habe man die Mitarbeiter mit einem Lunchpaket versorgt. Einem kostenlosen täglichen Lunchpaket für jeden. Das Angebot gilt nach zwei Jahren immer noch.

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