SERIE 30 Jahre Städtepartnerschaft Verden - Havelberg: Wie alles begann (12)

Als plötzlich Verdens Bürgermeister zurückruderte

Erinnerungen an einen Januar-Nachmittag 1990 in weihnachtlicher Atmosphäre: Verdens Bürgermeister Dr. Hartmut Friedrichs (l.) und Havelbergs Stadtoberhaupt Bernd Poloski, hier bei einem späteren Anlass.  
Foto: koy
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Erinnerungen an einen Januar-Nachmittag 1990 in weihnachtlicher Atmosphäre: Verdens Bürgermeister Dr. Hartmut Friedrichs (l.) und Havelbergs Stadtoberhaupt Bernd Poloski, hier bei einem späteren Anlass. Foto: koy

Verden – „Helfen, einfach nur helfen. Verden will Havelberg helfen.“ Sätze, die in trauter Runde im Havelberger Stadtkirchen-Pfarrhaus Anfang Januar anno 1990 ungläubiges Staunen auslösten. Kein Hintergedanke? Keine politische Vereinnahmung? Die Stadtoberen aus dem fernen Verden, die vor acht Wochen noch dem imperialistischem Feindbild zugeordnet wären, plötzlich die gönnerhaften Freunde? „Es waren immer die gleichen Fragen“, schreibt der Havelberger Stadtkirchen-Pfarrer Ulrich Wolff später, „und immer die gleichen Antworten.“

Und plötzlich beginnt sich diese Runde aus hüben Verdener Bürgermeister, dessen Stellvertreter und Verdener Stadtdirektor sowie drüben Havelberger Bürgermeister und zwei Kirchenvertretern, plötzlich beginnt sich diese Runde anzunähern. Bernd Poloski ergreift als erster das Wort. Er saß damals ganz jung im Chefsessel des Rathauses. Er fände die Partnerschaft gut, sagt er. Er glaube, die Mehrheit der Havelberger, auch die Mehrheit im Stadtparlament, würde diese Partnerschaft begrüßen. Also alles geritzt? Her mit dem Vertrag, und Unterschriften drunter?

Nicht ganz. Verdens Bürgermeister Dr. Hartmut Friedrichs hatte bisher in der trauten Runde bei Stollen und Kaffee und Weihnachts-stern im Wohnzimmer des Pfarrers für die Partnerschaft geworben. Als sich so etwas wie Zustimmung abzeichnete, begann er zurückzurudern. „Eigentlich sind wir hier, um vorzufühlen“, räumte er ein und erntete erstaunte Gesichter. Er könne noch nichts Verbindliches sagen, sagte Verdens Stadtoberhaupt. Demokratie habe lange Wege, sagte er.

Überzeugt hatte er seine Gegenüber dennoch. „Wir bräuchten möglichst bald eine verbindliche Äußerung“, antwortete Havelbergs Bürgermeister. „So oder so. Um nicht falsche Hoffnungen zu nähren.“ Man lebe in absoluter Unsicherheit. Niemand wisse, in welche Richtung die politische Entwicklung gehen werde. Die umbenannte SED versuche, die Lage in ihrem Sinne zu steuern. Habe die Partnerschaft unter gegebenenfalls solchen Bedingungen eine Zukunft?

Man sitze hier im kleinen Kreis am Tisch. Drei Verdener, drei Havelberger. Hier zumindest fand man Gefallen an der Idee. „Ein schöner Gedanke“, sagte der Havelberger Pfarrer Wolff noch Jahrzehnte später. „Verden will Havelberg helfen. Eine gute Initiative. Wir sollten es versuchen.“ Aber wieviel Havelberger, wieviel Verdener stünden wirklich hinter einer solchen Zusammenarbeit? Und wieviel, wenn der politische Wind sich drehe, politisch drehe, und die Löcher in den Grenzen wieder gestopft würden? Fragen, die im Raum standen, auch wenn sie nicht auf den Tisch kamen. „Von uns hat diese Fragen keiner gestellt“, schreibt Pastor Wolff später.

Längst war es an diesem Dreikönigstag anno 1990 dunkel geworden. Die Verdener planten noch am Abend, an die Aller zurückzukehren. Die Zeit drängte. Sie drängte doppelt. Nicht bloß wegen der Rückkehr, sondern auch, weil jede rasch getroffene Entscheidung den neuen Initiativen jenseits des Eisernen Vorhangs zusätzliche Kraft geben würde. Das spürten beide Seiten. Grund genug für den Verdener Bürgermeister zu einer besonderen Geste. Er stand schon fast im Mantel, als er gewichtige Worte zu Protokoll gab. „Ich werde mich um eine schnelle Klärung bemühen“, sagte Dr. Friedrichs. Und obwohl es nicht er ist, der mal eben willkürlich Städtepartnerschaften auf den Weg bringen kann, sondern selbstverständlich der Stadtrat, und dieser Stadtrat natürlich erstmal eine Verwaltungsvorlage lesen möchte und fristgerecht eingeladen sein will, obwohl also selbst bei kürzester Vorbereitung einige Wochen ins Land gezogen wären, hatte Dr. Friedrichs schon am Tag nach dem Treffen in Havelberg Fakten geschaffen. Er telefonierte mit allen mitentscheidenden Politikern und Verwaltungsleuten, er suchte am Ende dieser Fernsprechodyssee den Kontakt ins Havelberger Rathaus, er gab grünes Licht für die Städtepartnerschaft.

INFO

In Teil 13 der Serie äußert sich Pastor Wolff zu der Euphorie, die die Verdener Entscheidung auslöste. „Es ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt.“

Von Heinrich Kracke

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