Aller-Weser-Klinik steht vor neuen Problemen / Flüchtlinge in der Behandlung

Es fehlt an Dolmetschern

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Optimismus in der Notfall-Ambulanz in Verden (von links): Bettina Drinkmann, Ilona Frey, Ärztlicher Direktor Dr. Peter Ahrens und AWK-Geschäftsführerin Marianne Baehr.

Verden/Achim - Von Volkmar Koy. Zunächst waren es ein oder zwei pro Woche, jetzt sind es mittlerweile ein oder zwei am Tag. Das sind die nackten statistischen Daten, mit denen sich die Aller-Weser-Klinik (AWK) nunmehr auseinander setzen muss. Es geht um die medizinische Versorgung der auch im Landkreis Verden zunehmenden Zahl an Flüchtlingen.

Was für jeden Bürger im Kreisgebiet eine Selbstverständlichkeit ist, bei Bedarf einfach zum Arzt mit seiner Versicherungskarte zu gehen, sieht für die Flüchtlinge vollkommen anders aus. AWK-Geschäftsführerin Marianne Baehr und Ärztlicher Direktor Dr. Peter Ahrens geben im Gespräch mit dieser Zeitung Auskunft.

Alle Abteilungen der Häuser in Verden und Achim seien jetzt von der zunehmenden Inanspruchnahme der medizinischen Behandlung durch Flüchtlinge betroffen, sei es die Gynäkologie, die Innere Medizin oder vor allem die Chirurgie. Dr. Ahrens hat inzwischen bereits einen sehr bemerkenswerten Unterschied zu den „normalen“ Patienten festgestellt: „Alle Flüchtlinge sind außerordentlich geduldig, alle verfügen über eine hohe Leidensfähigkeit, Folgen von Flucht und Kriegsgeschehen in der Heimat.“ Kurzum: „Sie sind froh und glücklich, dass ihnen geholfen wird.“

Obwohl in den Aufnahmelagern ein Screening auf bestimmte Krankheitsbilder gemacht werde, kämen auf die Kliniken, in deren Bereich die Flüchtlinge untergebracht sind, neue Probleme zu. Baehr und Ahrens nennen die Kommunikation mit den Betroffenen als Hauptschwierigkeit. „Eigentlich bräuchten wir eine Reihe von Dolmetschern“, sagen beide. Denn häufig fehlten Informationen über Vorerkrankungen oder Allergien. Das könne beispielsweise bei Operationen mit Narkose zu einem erheblichen Problem werden, so der Chefarzt.

Das Zusammenleben auf engstem Raum erfordere auch die Aufmerksamkeit der Behörden. So musste ein 22-jähriger Flüchtling stationär wegen Windpocken aufgenommen werden, um eine Ausbreitung in den Sammelunterkünften zu verhindern. Ahrens: „Ein Problem ist auch, bei dunkelhäutigen Menschen Windpocken oder andere Hautveränderungen überhaupt zu erkennen.“ Doch Ängste vor ansteckenden Krankheiten oder gar einer Seuchengefahr seien völlig übertrieben.

Sind Behandlungen größeren Ausmaßes notwendig, müsste zunächst das Sozialamt des Landkreises als Kostenträger seine Zustimmung geben. Schließlich gehe es zum Teil um nicht unerhebliche Kosten. Grundsätzlich gilt aber, dass die medizinische Versorgung im Notfall, auch wenn es sich dabei um zwingend notwendige Operationen handelt, ohne vorherigen bürokratischen Aufwand abrechenbar ist. Dazu hatte es kürzlich ein Gespräch zwischen Marianne Baehr und der Ersten Kreisrätin Regina Tryta gegeben. „Wir arbeiten sehr eng und vertrauensvoll zusammen“, so die Geschäftsführerin.

Erfreuliche Nachricht: Inzwischen hat es bei der AWK in Verden die erste Flüchtlingsgeburt gegeben. Ebenso erfreulich: Auch die Nachbehandlung (normalerweise geht es für den Patienten zum Hausarzt) kann die Klinik in Einzelfällen übernehmen. Weniger erfreulich: Die Rückfahrt des Flüchtlings nach der Behandlung. Baehr: „Da steht der Patient vor einem und will in die Unterkunft. Was tun, wenn nachts Bus und Bahn nicht fahren?“ Da sei ein hohes Maß an Flexibilität gefordert. Schließlich müsse den Rücktransport auch jemand bezahlen. Im Notfall stelle die Klinik Taxischeine aus. Doch eine Dauerlösung sei das nicht, hofft die Geschäftsführerin auf eine Veränderung.

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