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Liquidität der Aller-Weser-Klinik in Verden in Gefahr

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Von: Ronald Klee

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Auf der linken Seite ist der Krankenhausneubau in Verden zu sehen. Rechts  schließt sich daran der Altbau an.
Während in den neuen Trakten der Aller-Weser-Klinik links noch die Handwerker regieren, werden im älteren Gebäudebestand die medizinischen, aber auch die finanziellen Probleme des Krankenhausbetriebs gelöst. © Klee

Die Aller-Weser-Klinik im Landkreis Verden braucht Geld. Nicht erst seit Corona, sondern auch davor. Aktuell erfordert die Situation aber einen Hilferuf an den Landkreis.

Verden – Zusätzlich zu den mittlerweile fast schon zur Gewohnheit gewordenen jährlichen Kapitalnachschüssen für die Aller-Weser-Klinik in Höhe von sechs Millionen Euro wandte sich Klinik-Geschäftsführerin Marianne Baehr kurz vor dem Jahreswechsel mit einem Hilferuf an den Landkreis. Weitere 1,5 Millionen Euro, so beantragte sie, seien in 2021 nötig, damit die Klinik nicht zahlungsunfähig wird.

Über die Eilentscheidung informiert Landrat Bohlmann Dienstag im Finanzausschuss des Kreistags. Das Geld ist mittlerweile angekommen, aber viele Unsicherheiten für die Abrechnungen der AWK bleiben.

Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen für 2020 und 2021 nicht abgeschlossen

Nach zwei Corona-Jahren sind die praktischen Probleme einigermaßen gelöst, nicht zuletzt durch gesetzliche Änderungen und die Erstattung von Einnahmeausfällen in den beiden Jahren der Pandemie. Was aber nicht geregelt ist, das sind die Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen für die Jahre 2020 und 2021. Die Abschlüsse liegen noch nicht vor und so muss Geschäftsführerin Baehr nach Sätzen abrechnen, die für 2019 vereinbart worden waren.

Komplizierter wird die Rechenaufgabe durch eine weitere Gesetzesänderung, die die Finanzierungsgrundlage für die Abrechnung der Krankenhausleistungen auf neue Füße gestellt hat, erklärt Baehr.

Bis zur Änderung konnte die Geschäftsführerin Pauschalen für den jeweiligen Krankheitsfall und die dafür nötige Behandlung und Pflege der Patienten für ihre Abrechnung mit den Krankenkassen auflisten. Seit zwei Jahren nun würden die Kosten für Pflege aus den Pauschalen herausgerechnet. Ziel sei es damals gewesen, diese Leistungen ein Stück weit aus dem Kostendruck für die Pauschalen herauszunehmen. Letztlich sollte der Pflegebereich dadurch finanziell gestärkt werden.

Bislang allerdings hat die Änderung für die Geschäftsführerin und ihre Kollegen in anderen Krankenhäusern die Arbeit eher schwieriger gemacht. Jedes Haus müsse für sich mit den Kassen verhandeln, erklärt sie, und die hätten sich weiterhin als harte und auch als detailverliebte Verhandlungspartner erwiesen. So habe sich das Ringen um Kosten und Ansätze schon solange hingezogen, dass für die beiden zurückliegenden Jahre noch keine Abschlüsse zustande gekommen sind.

„Das Problem mit diesen Unsicherheiten hat natürlich nicht nur die Aller-Weser-Klinik. Zwei Drittel der Häuser in Niedersachsen haben für 2021 noch keinen Abschluss vorgelegt“, weiß Baehr aus der Zusammenarbeit mit der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft. Die Verhandlungen seien sehr intensiv und würden immer noch fortgesetzt. So manches Haus ziehe mittlerweile vor die Schiedsstelle, um strittige Fragen klären zu können. Auch die Leiterin der beiden Häuser in Verden und Achim sieht sich unterdessen nicht mehr weit von einem solchen Schritt entfernt.

Abschläge für die Pflegeleistungen

Ohne den begehrten Abschluss der Budgetverhandlungen, erhält die Aller-Weser-Klinik für ihre Pflegeleistungen vorerst nur Abschläge, die wirklichen Kosten, die das Gesetz eigentlich in die Berechnung zurückbringen sollte, liegen aber höher. Die Folgen erklärt Marianne Baehr in ihrem Hilferuf an den Landkreis. Die AWK könne seit 2020 keine „individuellen Pflegepersonalkosten abrechnen, obwohl sie die gesetzlichen Vorschriften zur Pflegepersonaluntergrenzenverordnung zwingend einhalten muss. Dadurch ist bis dato ein Liquiditätsdefizit von circa fünf Millionen Euro entstanden.“ Das sei Geld, das der Klinik zustehe, aber nicht zur Auszahlung komme. Und so sei es zu der schwächelnden Liquidität der Aller-Weser-Klinik gekommen.

Unter diesen Bedingungen müssen alle Kliniken arbeiten, und so verwundert es nicht, dass es am Ende bei vielen nicht reichte. „60 Prozent der Krankenhäuser rechnen Ende 2021 mit einem negativen Jahresergebnis, meldete denn auch das Beratungsunternehmen Curacon zum Jahreswechsel.

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Die Corona-Pandemie hatte bereits 2020 ordentlich Löcher in die Abrechnung der Klinik-Leistungen gerissen. Verschobene Operationen, um die nötigen Kapazitäten für Intensivpatienten mit einer Covid-19-Erkrankungen vorhalten zu können und die Anforderungen für isolierte Bereiche in der Klinik hatten Kosten in die Höhe schnellen lassen.

Hinzu kamen Mehrkosten, weil das Gesundheitswesen damals allgemein auf den Bedarf von Testkapazitäten und Schutzausrüstung für Ärzte und Pflegekräfte nicht eingerichtet war. Der Mangel sorgte dafür, dass für das Material wie Masken plötzlich Fantasiepreise gefordert wurden. Größerer Personalbedarf, Material, zusätzliche Laborkosten, Security und ein paar kleinere Posten in der ersten Corona-Welle bis Ende Juni 2020 hatten zu Mehrkosten von 520 000 Euro geführt, hatte Verwaltungsleiterin Daniela Aevermann damals ausgerechnet.

Erstattung und Covid-Zuschlag

Mittlerweile sorgt die Omikron-Variante des Coronavirus dafür, dass in der AWK und anderen Kliniken wie damals genau für die Belegung der Intensivstationen und isolierten Bereiche geplant werden muss, damit medizinische und Pflege-Kräfte benötigte Hilfe nicht versagen müssen. Wie 2020 wird das auch wieder Löcher in Marianne Baehrs Abrechnung reißen. „Solange die Krankenhäuser nicht sicher sein können, dass ihr wirtschaftliches Überleben auch bei sinkenden Fallzahlen im Regelsystem gesichert ist, müssen sie die schwierige Balance zwischen Covid-Versorgung und planbaren Leistungen aushalten. Wir brauchen deshalb einen wirksamen Rettungsschirm für alle Krankenhäuser auch über das Jahresende hinaus“, hatte Dr. Gerald Gaß, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, bereits auf dem Deutschen Krankenhaustag im November gefordert.

Zehn Milliarden Euro flossen 2020 an die Krankenhäuser. Auch im vergangenen Jahr gab es noch einmal solch eine Erstattung, bisher etwa fünf Milliarden Euro. Dann war das Ganze ruhend gestellt worden. Mittlerweile kann die Aller-Weser-Klinik aber wieder mit einer Erstattung rechnen. „Sie wurde bis zum 19. März verlängert. Es gibt Geld für nicht belegte vorgehaltene Betten und einen Covid-Zuschlag von 4000 bis 5000 Euro“, berichtete Marianne Baehr. Das sei allerdings nicht sehr üppig, schon allein weil die Arbeit mit den isolierten Stationen sehr viele Mitarbeiter benötigt. Und das in dieser Situation, in der auch viele Kräfte der Klinik krank seien. Wenn dann die Patienten meist doch mehrere Wochen bleiben müssten, bleibe nicht viel vom Zuschlag übrig.

Marianne Baehr hofft jetzt, dass sie die Verhandlungen mit den Krankenkassen zumindest für das Jahr 2020 zu einem Abschluss bringen kann. Damit hätte sie zumindest für das Jahr etwas, auf das sie sich verlassen kann. Dann geht das Ringen mit den Krankenkassen weiter. „Wir hoffen auf einfachere Verhandlungen für 2021 und 2022.“

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