Stolpersteine und Verständnis

Handicap, na und? – Oliver Talhi startet mit Behinderung ins Arbeitsleben

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Oliver Talhi ist zufrieden mit seinem Start ins Berufsleben.

Oyten – Oliver Talhi hat in seinem Leben bereits einige Hürden bewältigen müssen. Der gebürtige Bremer leidet unter Muskeldystrophie, einer angeborenen Krankheit, die seit seiner Kindheit sein Leben beeinflusst. 

„Als kleines Kind konnte ich ganz normal krabbeln und laufen“, berichtet der 28-Jährige im Gespräch mit dem Pressesprecher der Agentur für Arbeit Nienburg-Verden, Daniel Bestvater. Mit fünf Jahren begannen Probleme beim Laufen: „Mit sieben Jahren wurde es zunehmend schwieriger.“ Heute sitzt der Oytener im Rollstuhl. Sein Lebenslauf hat nicht darunter gelitten.

Talhi absolvierte die mittlere Reife und wechselte danach ans Gymnasium und machte Abitur. Maßgeschneiderte Unterstützungsangebote wie Schulassistenz haben ihm stets helfen können, neue Hürden zu überwinden. Er selbst sieht als das Wichtigste dabei seine Einstellung und die seiner Eltern an: „Es war allen immer wichtig, dass ich das mache, was alle anderen auch machen. Als kleines Kind habe ich Fußball gespielt, ich war zwar langsamer als andere, aber ich konnte mitspielen. Ich wurde nie ausgegrenzt – im Gegenteil: Meine Klassenkameraden konnten mit meiner Situation umgehen, ich war immer gut integriert und habe viele echte Freunde kennenlernen dürfen.“

Oliver Talhi behält positive Lebenseinstellung

Nach der Schule hat Talhi seinen Bachelor und Master an der Universität Bremen in Wirtschaftswissenschaften, Politik und Jura gemacht. Für den 28-Jährigen trotz seiner Beeinträchtigung „irgendwie ein ganz normaler Weg“.

Wenn ein Mensch auf den Rollstuhl angewiesen ist, seine Hände nur eingeschränkt bewegen kann und in einigen Situationen im Alltag auf Hilfen angewiesen ist, drängt sich der Gedanke auf, dass es kein „einfacher Weg“ wäre. Im persönlichen Gespräch fällt aber Talhis positive Lebenseinstellung auf. „Ich habe keine Schmerzen, darüber bin ich sehr dankbar“, erklärt er, während er am Esstisch vor seinem Laptop sitzt.

Die Jobsuche: eine neue Herausforderung

Klagen sind nicht seine Sache. Vielmehr erzählt er von seiner Freundin und seinen Interessen. Er liebe Rockmusik und gehe gerne auf Konzerte, hoch im Kurs stehen bei ihm die Foo Fighters. Ansonsten verbringe er gerne Zeit mit seiner Partnerin, schaue Filme und Serien.

Ein spannender Lebensabschnitt sollte nun nach dem Studium beginnen. Die Suche nach dem ersten Job war für Talhi eine neue Herausforderung. Vom Fachkräftebedarf wusste er, aber wie würden Arbeitgeber auf ihn und seine Situation reagieren?

Trotz hoher Qualifikationen bekommt er nur Absagen

Zunächst konzentrierte sich Talhi auf Stellen in Bremen, vorzugsweise in der Wirtschaft. „Ich wurde zu Vorstellungsgesprächen eingeladen und die Arbeitgeber wussten auch schon über meine Situation Bescheid, jedoch wollte es irgendwie nicht klappen“, berichtet Talhi. „Das Feedback zu meiner Person und meinen Qualifikationen war in der Regel sehr gut, ich bekam dennoch nur Absagen.“

Doch Talhi erhält Unterstützung

Parallel holte sich Talhi Unterstützung bei der Arbeitssuche. Sein Weg führte zur Agentur für Arbeit Verden, wo ihn Susanne Bode, Vermittlerin im Bereich Integration von Rehabilitanden, betreute. Gemeinsam besprachen sie mögliche Strategien, erarbeiteten Berufsperspektiven und trugen Unterstützungsangebote für ihn und potenzielle Arbeitgeber zusammen. „Gerade im Bereich der Fördermöglichkeiten konnte mir Frau Bode wertvolle Tipps geben. Ich wusste zu Beginn gar nicht, wie Arbeitgeber unterstützt werden können, wenn sie mich einstellen würden“, erklärt Talhi. Assistenz, Unterstützung auf der Arbeit oder die Kostenübernahme für spezielle Ausstattungen am Arbeitsplatz waren für ihn neu. Talhi erweiterte den Suchradius und stieß er auf eine Stellenausschreibung der Gemeinde Oyten. Gesucht wurde ein Sachbearbeiter im Finanzbereich. „Eigentlich gar nicht mein Thema, aber ich wollte mich dennoch bewerben“.

Trotz Handicap startet er beim Projektmanagement

Er wurde zum Gespräch geladen und das verlief ganz gut. „Jedoch bekam ich nicht gleich eine Rückmeldung und habe nachgehakt. Spontan erhielt ich einen Anruf, dass ich am darauffolgenden Tag ein weiteres Gespräch haben sollte.“ Daniel Moos von der Gemeinde und der damalige Bürgermeister Manfred Cordes meinten, dass ein Job als Sachbearbeiter Finanzen vielleicht nicht das Richtige sei, aber eine Stelle im Projektmanagement sei vakant. Die boten sie ihm an.

"Ich stoße jeden Tag auf absolutes Verständnis"

Dann war noch einiges zu klären: Anträge auf Arbeitsassistenz und technische Hilfsmittel am Arbeitsplatz. Seit dem 1. Juli arbeitet Talhi nun als Projektmanager in Oyten und fühlt sich wohl: „So viel Glück kann man doch nicht haben“, dachte er nach dem ersten Arbeitstag. Die Gemeinde Oyten erwies sich als sehr flexibel. Oliver Talhi kann freitags von zu Hause arbeiten und zusätzlich nach Bedarf einen weiteren Tag Homeoffice einplanen. „Ich war sehr nervös vor meinem ersten Job. Aber ich stoße jeden Tag auf absolutes Verständnis und eine tolle Wertschätzung“, sagt Talhi.

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