Minister Gröhe in Dörverden

„Patientenschwemme“ droht auch in Städten

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Der CDU-Landtagsabgeordnete Adrian Mohr (l.) begrüßt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zu einer Diskussionsveranstaltung in Stedorf zum Thema Ärzteversorgung auf dem Lande.

Dörverden - Um die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum ging es bei einer CDU-Wahlkampfveranstaltung in Stedorf. Dabei fielen abstrakte Ausdrücke wie „Landarztquote“, „Mittelbereich“ und „Strukturfonds“– aber es wurde auch deutlich, wie konkret, wie drängend das Thema in der Gemeinde Dörverden ist, wo schon bald ein dramatischer Mangel an Hausärzten droht. Viele Gäste, eine lebhafte Diskussion und ein gut vorbereiteter Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe – Gastgeber Adrian Mohr (MdL) wird mit diesem Abend in seinem Heimatort zufrieden gewesen sein. Und die Dörverdener Bürger erhielten an diesem Abend eine gute und eine schlechte Nachricht.

Unter den Gästen waren Ratsmitglieder, chronisch Kranke und ältere Bürger. Und natürlich die Ärzte Dr. Friedhelm Gorski und Dr. Wulf-Reinhard Gente, die die beiden Dörverdener Arztpraxen leiten. Sie sind 67 und 64 Jahre alt, würden gerne in den Ruhestand gehen, harrten aber bislang aus, hofften auf Nachfolger und machten wieder und wieder auf die Situation aufmerksam.

Ein Problem – aber nicht das einzige, wie deutlich wurde – ist, dass die Kassenärztliche Vereinigung (KVN) Dörverden und Verden als gemeinsamen Planungsbereich ansieht. Wegen der guten hausärztlichen Versorgung in Verden, die derzeit laut KVN bei 108 Prozent liegt, ist die Gesamtsituation im Planungsbereich ausreichend – allerdings nur auf dem Papier. „Aber selbst, wenn die KVN ihre Richtlinie verändern würde, was so einfach nicht geht, hätte Dörverden damit immer noch keinen neuen Arzt“, sagte Bundesminister Gröhe, der betonte, er könne sich seitens der Bundespolitik nicht vorstellen, der KVN in ihre Planungen zu grätschen.

50.000 Euro Förderung

Auch könne man Ärzte nicht zwingen, an einem bestimmten Ort zu arbeiten. „Wir bekennen uns ganz klar zur Freiberuflichkeit.“ Das unterstrich auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Dr. Jörg Berling, der an diesem Abend viele Fragen beantwortete. „Wir sind ja nicht bei der Bundeswehr und haben keinen Gestellungsbefehl.“

Aber warum lassen sich keine Landärzte mehr finden? Dr. Gorski mutmaßte, es könne daran liegen, dass die meisten Medizinstudiumabsolventen heutzutage Frauen sind. Diese seien generell weniger dazu bereit, in die Freiberuflichkeit zu gehen.

Gerd Schmidt, Vorsitzender der Dörverdener Diabetiker-Selbsthilfegruppe, beteiligte sich an der regen Diskussion.

Minister Gröhe stellte klar: „Ich bin davon überzeugt, dass es nicht nur die Frauen sind.“ Es sei die neue Generation, die sich eine bessere Work-Life-Balance wünsche. Angestelltenverhältnisse seien für jüngere Ärzte, gleich welchen Geschlechts, verlockender als eigene Praxen. Dr. Jörg Berling sagte, an die Dörverdener Ärzte gewandt: „Die Bereitschaft zur Selbstaufgabe unserer Generation, die finden sie heute nicht mehr.“ Junge Ärzte suchten nach anderen Arbeitszeitmodellen. Um einen Gente oder einen Gorski zu ersetzen, müsste die KVN eigentlich nicht einen, sondern zwei oder drei Arztsitze ausschreiben.

Eine „gewisse Unwilligkeit zur Delegation“ festgestellt

Gröhe plädierte dafür, Hausbesuche, Medikamentenkontrolle und ähnliche Aufgaben an qualifizierte medizinische Fachangestellte (MFA) zu übertragen. „Wenn wir aber nicht bereit sind, diese an der Wertschöpfung zu beteiligen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir keine guten finden.“ Auch habe er festgestellt, dass bei den Ärzten eine „gewisse Unwilligkeit zur Delegation“ herrsche.

Mohr und seine Gäste stellten auch die Frage, wie man die Rahmenbedingungen für junge Ärzte verbessern könnte und ob es überhaupt genügend Medizinstudienplätze gibt.

Auch die Nahverkehrsverbindungen nach Verden wurden angesprochen. Denn dorthin werden die Dörverdener wohl fahren müssen, wenn sich tatsächlich keine Nachfolger finden lassen. Dr. Peter Ahrens, Ärztlicher Direktor der Aller-Weser-Klinik, warnte davor, es soweit kommen zu lassen: „Es gibt in Dörverden Menschen, die gar nicht in der Lage sind, nach Verden zu kommen“, und meinte damit die Bewohner der beiden Altenheime. „Wenn zukünftig bei jeder kleinen Unregelmäßigkeit der Krankenwagen gerufen werden muss, werden wir bei uns in Verden eine Patientenschwemme erleben.“

Dr. Gente schließt seine Praxis

An ein weiteres Problem erinnerte Dr. Gorski: „Wir haben in unserer Praxis eine Assistenzärztin. Die wäre ja bereit, in Dörverden zu bleiben.“ Doch benachbarte Orte im Landkreis Nienburg lockten junge Ärzte mit finanziellen Anreizen. „Die angeln uns den Nachwuchs weg.“

In diesem Zusammenhang berichtete Berling, dass die KVN dazu bereit wäre, einen neuen Dörverdener Arzt mit einer Summe von bis zu 50 000 Euro zu fördern. Eine Umsatzgarantie über zwei Jahre biete man sowieso.

Die Freude über diese gute Nachricht trübte ein Wortbeitrag aus dem Publikum. Dr. Gente, der seit 33 Jahren seine Praxis in Dörverden leitet, teilte den Dörverdenern mit: „Im Laufe des kommenden Jahres werden meine Frau und ich aufhören.“ Er berichtete, dass die Arbeitsbelastung in den vergangenen Jahren sehr angestiegen sei. „Es ist für mich persönlich einfach nicht mehr zu bewältigen.“ Obwohl der 64-Jährige seine Praxis ablösefrei zur Verfügung stellt, hat er keinen Nachfolger gefunden. Das bedeutet, dass schon im kommenden Jahr 5 000 Patienten aus der Gemeinde einen neuen Hausarzt brauchen werden. Und dann wird das Dörverdener Problem wahrscheinlich auch zu einem Verdener Problem. 

rei

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