„Man kann die Existenz als vernichtet bezeichnen“

Störung der Totenruhe mit falschen Urnen: Bestatter verurteilt

Der angeklagte Bestatter (hi. Verteidiger Michael Brennecke) wurde von der Amtsrichterin verwarnt. Der Mann leidet unter Depressionen.
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Der angeklagte Bestatter (hi. Verteidiger Michael Brennecke) wurde von der Amtsrichterin verwarnt. Der Mann leidet unter Depressionen.

Während die Angehörigen eines verstorbenen Mannes aus Cluvenhagen in den Räumen des Bestatters aus Achim-Baden Abschied nahmen, stand die Urne mit der Asche noch im Verdener Krematorium. In diesem Fall aus dem Jahr 2019 und sieben weiteren Fällen hat sich der Bestatter der Störung der Totenruhe schuldig gemacht. Es kostete ihn die Lizenz und seine berufliche Existenz. In dem Strafprozess kam er am Mittwoch mit einer Verwarnung davon.

Verden-Achim – Vor der Achimer Strafrichterin Dr. Johanna Horsthemke musste sich der zweifache Vater verantworten. Weil der Prozess auf großes öffentliches Interesse stieß, war er Corona-bedingt und aus Platzgründen vom Amtsgericht Achim in den Schwurgerichtssaal des Landgericht Verden verlegt worden.

Die Anklage der Staatsanwaltschaft Verden listete in der Verhandlung acht Fälle der Totenruhe plus einen Betrugsfall auf. Namentlich benannt, wessen Asche in wessen Grab bei den späteren Exhumierungen gefunden worden war. Identifizierbar an Hand von Aufklebern des Verdener Krematoriums auf den Schamottsteinen, die sich in der Urne befinden.

Krematorium-Mitarbeiterin informiert Gemeinde Langwedel

Einer Mitarbeiterin des Krematoriums war im vergangenen Jahr aufgefallen, dass die Urne noch nicht abgeholt worden war. Die Trauerfeier aber laut Todesanzeige bereits stattgefunden hatte. Sie informierte laut einem Ermittler die Gemeinde Langwedel und diese die Polizei.

In der Grabstätte des Cluvenhageners befand sich eine Urne, jedoch mit der Asche eines anderen Mannes. In dessen Grab wiederum die Asche eines anderen Mannes und so ging es immer weiter. Zwölf Grabstellen seien geöffnet worden, berichtete ein Kriminalhauptkommissar. „Bei Zehn hat sich der Verdacht bestätigt.“ Diese wurden umgebettet. „Eine Urne ist bis heute nicht aufgetaucht. In einer Grabstelle sei eine Aschekapsel aus dem Jahr 2007 gefunden worden und eine mit Sand.

Den Angeklagten zu vernehmen, sei schwierig gewesen. Er habe versucht, die Sache aufzuklären. Doch bei einer zweiten Vernehmung habe der Mann krank gewirkt: „Er saß nur da, das Gesicht in den Händen vergraben und stammelte: alle sind unter der Erde, alle sind unter der Erde.“

Urnen vertauscht: Taten infolge einer Depression

Seinem Mandanten tue alles „unendlich leid“, betonte Verteidiger Michael Brennecke. In öffentlicher Hauptverhandlung könne sein Mandant nicht selbst sprechen. Ihm sei aber bewusst, dass er den Angehörigen etwas zugemutet habe, „was man als ungeheuerlich bezeichnen kann“. Der Tischler sei „extrem gerne als Bestatter tätig gewesen ist“.

Zu den Taten sei es infolge einer depressiven Erkrankung gekommen. „Die Beerdigung war terminiert, alles war raus, aber die Urne war nicht fertig. Er hätte nur sagen müssen, die Urne ist nicht da, aber genau das konnte er nicht. So ist es dazu gekommen, dass anderer Urnen eingesetzt worden sind.“ Und dann „war immer eine Urne über, die beerdigt werden sollte“, erklärte der Verteidiger. Brennecke zeigte sich in der Verhandlung zugleich verwundert, dass es in diesem „hochsensiblem Bereich“ überhaupt keine Kontrollen gebe.

Bestatter aus Achim: Berufliche Existenz vernichtet

Eine Bereicherungsabsicht habe nie bestanden. Ein solcher Tatvorwurf wurde eingestellt. Die Lizenz entzogen, die Firma steht zur Abwicklung. Der Tischler lebe von dem, was die Leute, die ihm noch wohlgesonnen sind, an kleinen Aufträgen zukommen lassen.

„Moralisch verwerflich“ seien die Taten, hieß es in der Urteilsbegründung. Aber der Angeklagt sei nicht vorbestraft, er sei reuig, und er habe aus „einer besonderen psychischen Druck- und Notsituation gehandelt“, stellte die Richterin fest. Doch es sei auch eine Vielzahl an Taten und „wahrscheinlich gibt es noch mehr, die noch nicht ans Licht gekommen sind.“

Eine Verwarnung unter Strafvorbehalt sei ausreichend, „um ihm das Unrecht der Taten vor Augen zu führen“, so die Richterin. „Man kann die Existenz als vernichtet bezeichnen.“ 2 000 Euro Geldstrafe wurden festgelegt, die der Angeklagte aber nur zahlen muss, falls er sich in den nächsten zwei Jahren erneut etwas zu schulden kommen lassen sollte.

Von Wiebke Bruns

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