Abschied vom Marktmeister

Für einen Spaß zu haben: Fachbereichsleiter Rüdiger Nodorp mit dem Hut des Marktmeisters im Garten des Rathauses vor seinem ehemaligen Büro.  
Foto: wienken
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Für einen Spaß zu haben: Fachbereichsleiter Rüdiger Nodorp mit dem Hut des Marktmeisters im Garten des Rathauses vor seinem ehemaligen Büro. Foto: wienken

Wer Ordnung halten will, der darf nicht konfliktscheu sein. Und er muss den Dialog suchen, muss mit den Menschen reden, Probleme erklären, aber dabei eine klare Linie fahren. So läuft’s im Verdener Ordnungsamt, seit 20 Jahren unter der Federführung von Rüdiger Nodorp. Doch nun ist Schluss. Der Fachbereichsleiter sagt Tschüss, geht in den Ruhestand und ist zufrieden: „Ich hab’ den Job richtig gerne gemacht.“ Und für Spaß war er auch noch zuständig, als Marktmeister der Domweih.

Verden – Verwaltungslaufbahn, das hört sich für den Außenstehenden zunächst staubtrocken an. Akten wälzen, Verordnungen studieren, Regeln vorgeben, am Schreibtisch sitzen, Haken an irgendwelche Vorlagen machen. Darauf angesprochen, winkt Rüdiger Nodorp lachend ab. „Klar, gehört alles zu meinem Job, aber eben nicht nur. Da ist, da war viel mehr.“

Nodorp war nicht nur 20 Jahre Fachbereichsleiter für Sicherheit und Ordnung im Rathaus Verden, er hat zuvor innerhalb der Verwaltung 28 Jahre unterschiedliche Stationen durchlaufen und reichlich Erfahrungen mit Menschen sammeln können. Wenn Nodorp am 3. Juli in den Ruhestand geht, liegen insgesamt 48 Jahre Dienstzeit hinter ihm. Das muss ihm heute erst mal einer nachmachen.

Und, war das berufliche Leben so geplant? Nodorps familiäre Wurzel liegen in Agathenburg, im Landkreis Stade. Dass er genau im Verdener Rathaus gelandet ist, war nicht unbedingt abzusehen. „Aber mit dem Schulabschluss stand für mich fest, ich wollte irgendetwas mit Verwaltung machen.“ Das Finanzamt wollte ihn nicht, zum Arbeitsamt wollte er nicht, er entschied sich für die Anstellung beim Regierungspräsidenten in Stade, damals Landesbehörde. Beamter des gehobenen Dienstes, so der Abschluss.

Es war auch die Qualifikation, die ihm im Mai 1972 die Tür zum Verdener Rathaus öffnete. Sportförderung, Schulen, den Bereich des damals noch städtischen Freibades galt es zu betreuen und deren Betrieb zu organisieren. Auch das Feuerschutzwesen und den Abwasserbetrieb lernte er umfassend kennen. „Gott sei Dank kein reiner Bürojob“, freute sich Nodorp immer. Aber auch der blieb ihm nicht erspart. Knapp ein Jahr Dienst in der Registrierungshauptkasse gehörte zwischenzeitlich auch dazu und machte ihm erneut deutlich: „Nur Zahlen sind nicht mein Ding, ich wollte immer mit Menschen zu tun haben.“

Stressfrei war der Job allerdings nicht. Regelmäßig drehte Nodorp, auch als Fachbereichsleiter, seine Runden durch die Verdener Innenstadt. Parken, die Verteilung der Knöllchen, das birgt in einer Stadt mit Fußgängerzone Konfliktstoff. „Ordnungsamt und Verwarnungen, das gehört nun mal zusammen, das weiß ich.“ Er behielt die Ruhe, ließ sich auf ein Gespräch ein, wenn jemand meckerte und sich über ein Verwarnungsgeld beschwerte. „Wir schimpfen nicht, wir reden mit den Leuten“, so seine Strategie. „Ich habe immer versucht, auf dieser Linie zu bleiben“, betont er. „Laut werde ich eigentlich nie, das hat sich sowieso nicht bewährt.“ Wo der Dialog dennoch nicht zum Erfolg führte, blieb Nodorp seinem Amtseid treu: „Recht und Ordnung müssen sein. Dafür haben wir die Gesetze, dass eben nicht jeder machen kann, was er will.“

Diesem Gedanken verbunden, geriet das Weltbild, das Gefühl für Normalität, aus den Fugen. Den 9. April 2017 wird Nodorp nicht so schnell vergessen. Er sitzt zu Hause am Frühstückstisch, es ist Ostersonntag, als er angerufen und über den Anschlag auf das Verdener Rathaus informiert wird. Als er zum Rathaus eilt, das ausgebrannte Auto in der Eingangstür stehen sieht, ist noch gar nicht klar, was hinter der ganzen Sache steckt. „Das sind schon dunkle Stunden, die man erlebt“, erinnert er sich.

Doch der Fachbereichsleiter nahm in den nachfolgenden Monaten auch viel Positives wahr: „Als wir uns mit allen Kolleginnen und Kollegen zwei Tage später im benachbarten Gebäude versammelt haben, war schon eine große Bereitschaft zu spüren, die bevorstehenden Probleme unbedingt meistern zu wollen“, sagt Nodorp. „Das hat die Verwaltung sicherlich zusammengeschweißt, auch wenn viele Bereiche im Zuge der umfangreichen Sanierung ausgelagert werden mussten. Vor diesem Engagement des gesamten Teams ziehe ich bis heute den Hut. Das war beeindruckend und bleibt im Gedächtnis haften.“

Recht, Ordnung und Gesetzestreue einerseits, Spaß und gute Laune anderseits, auch das passt zum Ordnungsamt in Verden. Denn wer den Job als Fachbereichsleiter antritt, der herrscht über Verdens Domweih. Würde Nodorp zwar so nicht sagen, doch das Fest, die Organisation der fünften Jahreszeit, lag immerhin zwei Jahrzehnte in seinen Händen. Bewerbungen sichten, die Gespräche mit den Schaustellern, das traditionelle Ausmessen der Flächen, die Einweisung von der kleinsten Bierbude bis hin zum größten Karussell, jedes Mal wieder eine Herausforderung. Und Kilometer hat er gemacht. Pro Domweih blieb ein Paar Schuhe auf der Strecke, komplett verschlissen. Schlaflose Nächte gehabt? „Domweih und schlafen?“, lacht er und winkt ab. „Natürlich wird man aber mit den Jahren ruhiger, doch es war und ist immer wieder spannend“, so Nodorp.

Und auch ein besonderer Ehrgeiz trieb den Marktmeister alle Jahre wieder an: „Es sollten attraktive, möglichst große und im günstigsten Fall neue Fahrgeschäfte am Johanniswall stehen.“ Hat er oftmals hingekriegt, „weil Verden für die Schausteller eine gute Adresse ist, wie mir in vielen Gesprächen versichert wurde.“

Dieses Jahr leider nicht. „Der Ausfall der Domweih, ausgerechnet meine 20. und letzte als Marktmeister, das ist nicht schön“, gibt er zu. „Aber das interessiert nur ganz am Rande, angesichts der tatsächlichen Problematik und den wirklichen Sorgen und Nöten, die die Menschen in Zeiten von Corona plagen.“

So richtig Ruhe will sich Nodorp nach seinem Abschied aus der Verwaltung nicht gönnen. Reisen, Skifahren, die Seele im eigenen Garten baumeln lassen und der Fußball. Seit 40 Jahren geht Nodorp regelmäßig ins Weserstadion. Zuletzt verständlicherweise nicht mehr so gerne. Aber er bleibt Werder und seinem Spruch treu: „Laut werde ich eigentlich nie. Das hat sich sowieso nicht bewährt.“

Von Markus Wienken

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