47-Jähriger gesteht Rathaus-Attacke

Nach Amok-Fahrt: „Generalpräventiver Aspekt“ führt zu langer Haft

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Verden - In der Hoffnung, dass das Bauaufsichtsamt den Bau eines Mehrfamilienhauses auf dem Nachbargrundstück nach der Tat stoppen und überprüfen würde, fuhr ein 47 Jahre alter Angeklagter aus Verden am 9. April 2017 ins Verdener Rathaus und steckte sein Auto in Brand. Montag wurde er vom Schöffengericht am Amtsgericht Verden wegen Brandstiftung, versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und Fahrens ohne Fahrererlaubnis zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

Zwei Eimer mit jeweils zehn Litern Benzin hatte der 47-Jährige extra auf die Rücksitzbank gepackt. Außerdem befand sich noch eine elf Kilo schwere Propangasflasche in dem sonst nur von seiner Frau genutzten Wagen. Gericht und Oberstaatsanwalt Jann Scheerer glaubten dem Angeklagten nicht, dass sich die Gasflasche noch vom letzten Einkauf dort befunden habe, weil er diese als Imker benötigte. Bei der Polizei habe der Angeklagte gestanden, dass er das Rathaus „in die Luft jagen wollte“. Diese Absicht wurde Montag vor Gericht bestritten. Das Gas war durch ein Sicherheitsventil entwichen.

Den Sonntag will der Angeklagte bewusst gewählt haben, weil er blind sei und es mit seinem restlichen Sehvermögen nur bei wenig Verkehr von der Bremer Straße bis zum Rathaus schaffen konnte. Außerdem habe er extra einen arbeitsfreien Tag gewählt. Dass niemand im Gebäude sei, davon habe der Angeklagte zur Überzeugung des Gerichts nicht sicher ausgehen können, stellte der Vorsitzende Richter Christoph Neelsen später im Urteil fest.

Beim Rathaus angekommen, sei er langsam bis vor die gläserne Eingangstür in der Ritterstraße gefahren. Dann habe er einmal Gas gegeben und die Tür durchfahren. Er sei ausgestiegen, habe das Benzin im Auto verteilt, angezündet, das Gebäude verlassen und draußen gewartet. Einen Grund zu flüchten sah er nicht.

4,2 Millionen Euro hat das Verdener Architektur-Büro Dreischhoff + Partner für die Rathaussanierung veranschlagt. Das ist einiges mehr, als die Stadt von der Gebäudeversicherung bekommen wird. Aber auch einiges weniger, als ein Neubau kosten würde. 

Der Angeklagte habe sich von der Stadt „drangsaliert und gemobbt gefühlt“, hieß es in einer Erklärung seines Verteidigers Jörk Matthäi. Mehrfach habe er beim Bauaufsichtsamt wegen der Fertigstellung eines Mehrfamilienhauses vorgesprochen. Dort war bereits eine Garage ohne Baugenehmigung gebaut worden. Dies war der zuständigen Fachdienstleiterin aufgefallen. Ein Baustopp war die Folge.

„Der Weg der Selbstjustiz“

Hinsichtlich der Baulast war dem Angeklagten vom Bauherrn Geld geboten worden. Hierzu wurden gestern unterschiedliche Beträge vom Angeklagten und dem Architekten genannt. Bei der Stadt habe er keine Unterstützung gefunden. „Dann wurde das Haus gebaut. Zu groß und zu nah an meinem Haus“, sagte der Angeklagte. Bei der Stadt habe man ihm gesagt, dass er dies zu dulden habe und klagen könne, wenn das Haus fertig sei. Dies habe er aber für aussichtslos gehalten. „Ich war doch vorher da“, so der Angeklagte. Außerdem hatte er sich offenbar in den Verdacht reingesteigert, dass Termine der Stadtwerke, Kontrollen der Schornsteinfeger und eine Änderung der Steuerklasse seiner Frau alles Folgen seiner Beschwerden seien.

„Sie haben sich für einen ganz anderen, völlig falschen und strafbaren Weg entschieden. Den Weg der Selbstjustiz“, hieß es in der mündlichen Urteilsbegründung. „Sie wollten möglichst viel kaputt machen und das haben sie geschafft.“ Bei der Strafe sei auch „der generalpräventive Aspekt nicht außer Acht zu lassen“. Außerdem vermisste das Gericht jegliche Reue bei dem Angeklagten.

Die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre und sechs Monate, der Verteidiger eine bewährungsfähige Strafe gefordert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

wb

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