Sammlungsauflösung

40.000 Schallplatten aussortiert - der Liebe wegen

Und er weiß, wo jede einzelne liegt: Andreas Bargfrede, Herr über 40 000 aussortierte Platten. Fotos: Kracke
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Und er weiß, wo jede einzelne liegt: Andreas Bargfrede, Herr über 40 000 aussortierte Platten.
  • Heinrich Kracke
    vonHeinrich Kracke
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Eine Familie gegründet, ins eigene Haus gezogen, das verändert die Sichtweisen. Der Verdener Andreas Bargfrede ist keine Ausnahme. Er muss sich von Teilen seiner gigantischen Plattensammlung trennen. Schweren Herzens gibt er die Doors, Led Zeppelin, Nina Hagen und viele andere ab. Tausendfach schwarzes Vinyl in hunderten Kisten, Kästen und Kartons.

Verden – Das Plattencover fällt aus dem Rahmen. Ein Violinist mit Eulengesicht. Oder ist es eine geigende Gams? Rätselhaft. Einen Titel hat die Langspielplatte auch. „Thrillington“ steht da. Wer soll das denn sein? Andreas Bargfrede, 48, muss nicht lange überlegen. Auf seiner Diele steht er. Früher tobten hier die Leute durch den Saal. Danz op de Deel hießen die Zauberworte, die ganz Döhlbergen elektrisierten. Der Musiker auf der Bühne, und schon ging die Post ab. Heute tanzt hier niemand mehr. Kein Platz. Aber die Musik, die ist geblieben. Die Musik in gepresster Form. Schallplatten, so weit das Auge reicht. Kästen neben Kästen prall gefüllt auf der vollgestellten Diele, überquellende Regale bis an die Decke, und Dielendecken sind hoch.

Und mittendrin also „Thrillington“. Andreas Bargfrede schmunzelt. „Dahinter verbirgt sich Paul McCartney. Sein Vater hat die LP herausgebracht. Ungefähr zehn Jahre nach der Trennung der Beatles.“ Ein richtiger Flop sei es. Niemand wollte die Platte kaufen. Heute ist das anders. „Sie ist eine echte Rarität,“ sagt der Verdener, „ihr Wert ist gestiegen.“

Sogar Schlager in Hülle und Fülle: Andreas Bargfrede vor Teilen seiner bemerkenswerten Sammlung.

Aber Andreas Bargfrede weiß nicht nur Storys über seine Sammlung zu erzählen, er weiß auch, wo er jedes Exemplar findet. Zweite Reihe der aufgestellten Kisten, die fünfte von vorn, und dann innerhalb der Platten ungefähr in der Mitte. Und schon hält er die Geigergams in Händen. Oder ist es doch ein Waschbär? Gleich daneben die nächste krause Geschichte. Steinwolke heißt die Combo, die Anfang der 80er-Jahre das Wagnis einer eigenen LP eingegangen ist. In Kiste vier liegt sie, ebenfalls in zweiter Reihe. „Kennt heutzutage keiner mehr“, sagt Bargfrede, „höchstens noch den bekanntesten Titel. ,Katherine‘ heißt er.“ Er höre ihn gern, immer noch.

„Katherine“ entstammt ungefähr jenen Jahren, die ihn besonders prägten. Die wilden 80er-Jahre. „Die Zeit, in der ich angefangen habe, eigenständig Musik zu hören.“ AC/DC zum Beispiel. „Highway to Hell“. „Meine Eltern waren gar nicht angetan.“ Vor allem, wenn er aufdrehte. „Mein Vater hat den Strom abgestellt.“ Beirren ließ er sich nicht. Die Musik musste ins Haus. Es gab nur ein kleines Problem. „Ich war Auszubildender.“ Und das bedeutete eine kleine Kasse und keine großen Sprünge. „Die CDs, die damals gerade auf den Markt kamen, die konnte ich mir nicht leisten.“ Aber Schallplatten, jo, die wollte keiner mehr. Für ein paar Mark einen ganzen Stapel angestaubter Vinyl-Tonrillen nach Hause getragen, das gelang ihm häufiger. Und als er die Stapel sortierte und hineinlauschte, da staunte er nicht schlecht. Bob Dylan mit „Blowin in the Wind“ war darunter, Pink Floyd mit „Dark Side of the Moon“. „Alles echte Klassiker, die ich immer noch gerne höre.“

Eine richtige Sammelleidenschaft ist daraus geworden. Und gestört hat ihn das Knistern nie? Das Geräusch, das die Nadel verursacht, die durch die Spur gezogen wird?

Er schaut über die Plattenhüllen herüber, als verstünde er nicht. „Schlechter Sound?“, sagt Andreas Bargfrede, „im Gegenteil“, sagt er, und schon beginnt er ein Plädoyer für die Platte und holt ganz weit aus. „Schallplatten sind besser als jede CD, besser als Streaming sowieso. Schallplatten sind gehaltvoller als alle anderen Tonträger, sie sind lebendiger.“ Selbstverständlich, man müsse Schallplatten zuweilen behutsam waschen, aber dann, dann seien sie ein unvergleichlicher Hörgenuss. Ohne Kopfhörer selbstverständlich. Einfach nur mit einem High-End-Gerät, einem guten Gerät. „Wenn ich alleine zu Hause bin, drehe ich gern mal auf. Nach Gemütslage, aber trotzdem häufiger.“ Nachbarn haben sich noch nie beschwert. In Döhlbergen wohnt der nächste Nachbar weit entfernt.

Nina Hagen, Thrillington, Bob Dylan: Das Repertoire auf der Döhlberger Diele ist riesig.

Noch hat er Zeit zum Sortieren. Aber bald schon locken sie wieder, die Flohmärkte, und damit die Schnäppchen und die Hoffnung auf Raritäten, die inmitten ganzer Stapel ein Mauerblümchendasein fristen und entdeckt werden wollen. Selbst wer 40 000 Schallplatten aussortiert, weil es einfach zu viel geworden ist, der hat noch nicht alle. Und so wird Andreas Bargfrede wieder über die Flohmärkte pilgern, gemeinsam mit Ehefrau Kerstin, und wird die Augen offen halten. Vielleicht liegt sie ja irgendwo, die große Überraschung. „David Bowie hätte ich gern“, sagt er, „irgendwann hat er in der Türkei eine Single aufgenommen. Live in Istanbul, oder so. Ein richtiger Flop. Aber heute Tausende wert.“

Und dann werden sie wieder zu Hause zusammensitzen. Jede erstandene Platte erhält ihre Chance. Reinhören, entscheiden. Drei Minuten, die Wohl und Wehe des Vinyls bestimmen. Einen ganzen Abend lang. Jeden Abend. Was nicht gefällt, wird gleich aussortiert. Gewiss, die Eheleute Bargfrede verfügen auch über einen Fernseher, aber hier ist es irgendwie anders. „Angeschlossen ist er nicht.“ Die Musik reicht ihnen. Die Schallplatte.

Und von vielen würden sie sich gern trennen. Haben sie auch schon in den vergangenen Monaten vor Corona. Das funktioniert inzwischen europaweit, sogar weltweit. Holländer waren da, und haben hineingeschnuppert in die Sammlung, Osteuropäer ebenfalls. Eine Mail kam sogar aus Sri Lanka. Er sei gerade auf dem Weg nach Europa und interessiere sich für Teile der Sammlung. Am Nachmittag lande er in Barcelona, und ob es von dort noch weit sei. Und tatsächlich stand er an einem der nächsten Tage auf der Diele. „Er interessierte sich für Country“, sagt Andreas Bargfrede. Johnny Cash, John Denver und einige mehr wanderten in den Koffer, solange jedenfalls, bis das Höchstgewicht für Flüge ans andere Ende der Welt erreicht war.

Andere Titel schmoren eher länger unter den mächtigen Balken. Der deutsche Schlager zum Beispiel. „Ganz in Weiß“, „Die kleine Kneipe“, „Schöne Maid“, „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strandbikini“, all das zieht nicht mehr. „Geld würde dafür niemand mehr zahlen.“ Bei der geigenden Gams sieht es ganz anders aus.

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