Lange Wartezeiten

2G-plus: „Es brodelt“

Menschenschlange auf Gehsteig.
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Vor den Testzentren bildeten sich gestern erneut lange Schlangen, hier vor der Apotheke am Nordertor in Verden.

Vor den Testzentren im Landkreis Verden bilden sich lange Schlangen. Die Stimmung beginnt zu kippen.

Verden – Sie haben alles richtig gemacht, und es kam alles anders. „Wir sind geimpft“, sagt die Holtumerin Kirstin Wahlers. Und dennoch stehen sie in der Schlange. Seit gefühlten Ewigkeiten schon. „Mindestens 40 Minuten“, sagt Jochen Wahlers. Sie brauchen zusätzlich zum 2G das Plus, sie brauchen die Testung. Und jetzt stehen sie vor der Verdener Apotheke am Nordertor an, standen erst am Norderstädtischen Markt und arbeiteten sich vor und sind bald an der Reihe. Wahrscheinlich. Das Ehepaar Wahlers bleibt nach außen hin gelassen. „Muss man halt so hinnehmen.“

Das ist nicht überall der Fall. Im Gegenteil. Beim DRK spitzt sich die Lage zu. Unweit der Apotheke, vor der sich die eine Schlange bildet, gleich eine nächste. Auch bis weit auf die Straße, auch bei nasskaltem Herbstwetter. Vor dem Testzentrum der Rotkreuzler am Norderstädtischen Markt in Verden, da patrouillieren inzwischen Sicherheitskräfte. Noch sei es zu keinen Zwischenfällen gekommen, aber man sei vorsichtig geworden, sagt ein Sprecher. Und Frust macht sich ebenfalls breit. „Wir tun unser Möglichstes, aber es ist offenbar nicht genug.“ Der Druck sei riesengroß. Schon die Testpflicht für ungeimpfte Arbeitnehmer habe der gemeinnützigen Organisation alles abverlangt, aber seit dem Schnellschuss der niedersächsischen Politik, auf 2G-plus umzustellen, geht fast nichts mehr. Tausende Tests habe man durchgeführt, sagt der Sprecher, die Mitarbeiter seien an ihre Grenzen gekommen, und darüber hinaus gegangen, der Welle an Testungen, die auf die Zentren zurollte, sei man trotzdem nicht Herr geworden. Und das ist nicht mal eine interne Informationen.

Wer die Online-Anmeldung klickt, der bekommt für die nächsten Tage keinen einzigen freien Termin mehr zugewiesen. Viele versuchten es daraufhin telefonisch. „Die Anlage ist zusammengebrochen. Rund 1 600 Anrufe innerhalb weniger Stunden. Wir mussten die Zentrale abschalten.“ 1 600 Anrufer, und kein einziger erhielt einen Testtermin. „Würden wir darauf reagieren, bräche die Logistik vollends zusammen.“

Die Verdener Silke Strothmann und Holger Utke stehen in der Schlange vor dem DRK-Testzentrum am Norderstädtischen Markt. Er möchte seine Mutter im Seniorenheim besuchen, sie ist mitgegangen, um Erledigungen zu bündeln. Bei beiden hält sich die Stimmung in der Waage. Noch jedenfalls. „Einerseits wächst meine Aggressivität gegenüber den Ungeimpften, andererseits liegt mir meine Sicherheit am Herzen.“ Alles kein Einzelfall, oft allerdings bleibt es nicht bei moderaten Tönen, wie das Rote Kreuz feststellte. „Unseren Mitarbeitern gegenüber verhalten sich die Besucher freundlich. So lässt es sich zusammenfassen. Am Telefon reagieren die Menschen ablehnend und eher verständnislos. Gelinde gesagt.“ Die Stimmung kippe, das sei deutlich zu spüren. „Es brodelt.“

Dabei hat das DRK eine Personalkampagne wie selten in seiner Verdener Geschichte gestemmt. Vor zwei Wochen genügten noch 15 bis 20 Mitarbeiter in den Testzentren, Stand gestern sind es bereits 53. Und auch diese Zahl dürfte inzwischen längst überholt sein. „Wir suchen weiterhin motivierte Mitstreiter“, heißt es vom Behrensweg in Verden, „gerne auf unsere Stellenanzeige unter rotkreuz-verden.de klicken, sehr gerne sogar.“ Täglich würden Vorstellungsgespräche geführt. Jede Kraft zähle, und das merken sofort auch die Test-Probanden: „Sobald eine Neuanstellung erfolgt ist, geben wir zusätzliche Online-Termine frei. Es lohnt sich also, öfter mal auf die Termin-Vergabe zu schauen.“

Gleichzeitig sind in Windeseile neue Zentren entstanden, zur Wochenmitte erst in Oyten beispielsweise, am gestrigen Donnerstag in Ottersberg. Zuvor standen Testangebote am Behrensweg in Verden, am Magic-Park, am Norderstädtischen Markt sowie in Achim-Baden offen. Diese Stationen würden weiter ausgebaut, ferner werde an der Reaktivierung nächster Testzentren gearbeitet.

Das Holtumer Ehepaar Wahlers, das eigentlich alles richtig gemacht hat, steht jetzt am Kopf der Schlange. Niemand mehr vor ihnen. Endlich. „Wir haben noch einen wichtigen Termin“, verrät Jochen Wahlers. Zu einer Trauung sind sie eingeladen. Ganz kleiner Kreis. Weniger als zehn Personen. Alles perfekt geplant, ehe die Mitteilung aus dem Standesamt kam, es sei 2G-plus vorgeschrieben. Gleich werden sie das Plus in Händen halten. Ob die Zeit allerdings noch ausreicht, pünktlich zur Trauung zu erscheinen, bleibt unklar.

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