Plastiken von Gerhard Marcks in der Galerie Cohrs-Zirus / Hommage an den großen Bremer Künstler

Venus und ihre Schwestern

Der Worpswerder Bildhauer Waldemar Otto vor der „Thüringer Venus“ seines Kollegen Gerhard Marcks, die ihn inspirierte, Bildhauer zu werden.

Landkreis - (kr) · Die Bremer Stadtmusikanten an der Nordseite des alten Rathauses der Hansestadt gehören zu den bekanntesten Bronzeplastiken Deutschlands. Immer sind sie von Touristen umlagert. Junge Paare lassen sich vor ihnen fotografieren, Kinder werden auf ihren Steinsockel gehoben, und die ursprünglich dunkel patinierten Beine des Esels sind durch die ungezählten Berührungen blank poliert.

Gerhard Marcks (1889-1981), einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer des 20. Jahrhunderts, hat die Plastik 1951 angefertigt. Sie gilt als Wahrzeichen der Stadt und wurde weltberühmt. Für das Schaffen des Künstlers ist sie allerdings nicht repräsentativ. Er hat zwar noch ein paar weitere Tierplastiken angefertigt, aber im Zentrum seines Schaffens stand die menschliche Figur. Unter dem Titel „Venus und ihre Schwestern“ hat die Galerie Cohrs-Zirus in Worpswede 53 Frauenbildnisse von Gerhard Marcks zusammengetragen und zeigt sie bis zum 24. Oktober in einer einzigartigen Gedächtnisausstellung.

Marcks, der lebenslang als Verehrer der Alten Griechen galt, hatte eine Leidenschaft für gerade empfangene Alltagseindrücke. Ein Beispiel dafür ist die 1952 entstandene Doppelfigur „Venus und Amor“, die auf Beobachtungen am Strand zurückgeht. Marcks fertigte dort mehrere Skizzen an, entwickelte sie zeichnend am Ateliermodell weiter und gelangte schließlich über einen kleinen plastischen Entwurf zur Endfassung. Liebevoll beugt sich die Göttin über ihren Zögling, um ihn den Gebrauch des Bogens zu lehren. Auch eine der letzten Arbeiten des Bildhauers, das 1981 entstandene „Jacke ausziehende Mädchen“, huldigt noch den griechischen Vorbildern.

Angesichts der Perfektion dieses Werkes ist es kaum zu glauben, dass es die Arbeit eines 91-jährigen Künstlers ist. Natürliche Anmut und unangestrengte Würde verbinden sich in diesem kleinformatigen Spätwerk zu zeitloser Klassizität.

Der Worpsweder Bildhauer Professor Waldemar Otto eröffnete die Ausstellung. Für ihn war die frühe Begegnung mit der Thüringer Venus lebensbestimmend geworden. Im Krieg aus Polen nach Halle an der Saale geflohen, sah Otto sich als 15-Jähriger Marcks‘ frühes Hauptwerk unzählige Male im Museum, und fasste daraufhin den Entschluss, Bildhauer zu werden.

Dass die Nationalsozialisten sich für Schönheit dieser Art nicht begeistern konnten, liegt auf der Hand. Ihnen hatten es pathetische Gebärden und pralle Muskeln mit kleinen Köpfen eher angetan. Marcks wurde kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus dem Lehramt entfernt, weil er sich gegen die Kündigung einer jüdischen Kollegin gewandt hatte. „Ich arbeite, solange ich nicht schlafe, das einzige Mittel, um über die Zeit zu kommen“, schrieb er 1934 an Oskar Schlemmer. Marcks galt als scharfer Beobachter, sein Auge kannte keinen Dünkel. 1930, in den Hallenser Jahren, stand ihm das Kindermädchen der Familie Modell. Als „Thüringer Venus“ wurde sie zur Berühmtheit. Nicht die körperliche Vollkommenheit inspirierte den Bildhauer, sondern der Reiz des Gewöhnlichen und die Anmut der Natürlichkeit.

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