Lebenshilfe Verden feiert Auftakt zum 50-jährigen Bestehen in Oyten

„Unmöglich zu erreichen“

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Der Pädagoge Carlos Escalera sparte in seinem Vortrag auch negative Seiten der Inklusion nicht aus.

Oyten - Von Lisa Duncan. Mit einem schwierigen Thema startete die Lebenshilfe gestern ihre Feierlichkeiten zum 50-jährigen Vereinsjubiläum im Schulzentrum Oyten.

Über die Frage des Sozialverhaltens und die Erweiterung von Toleranzen hielt der Pädagoge Carlos Escalera einen packenden Vortrag. Sein zunächst pessimistischer Ausgangspunkt: „Inklusion ist unmöglich zu erreichen“.

Vorab begrüßte Schulleiter Reinhard Ries die erste Vorsitzende des Vereins, Doris Löwe.  Seit einem Jahr trage die Schule bereits den Status Integrierte Gesamtschule (IGS), darum sei das Thema Inklusion für die frühere Haupt- und Realschule auch im Alltag präsent. Ein Grund, warum man sich entschieden habe, die zweitägige Auftaktveranstaltung zum Jubiläum, die neben Vorträgen zahlreiche Seminare umfasst, in den Räumen der Schule stattfinden zu lassen.

Die Lebenshilfe Verden, die am 19. August 1963 als Elternverein gegründet wurde, zähle mittlerweile 300 Mitarbeiter, berichtete Löwe in einem kurzen Abriss zur Vereinsgeschichte. Heute gebe es immer mehr Kinder und Jugendliche, die unter sozialen Anpassungs- und Bindungsstörungen litten – eine Herausforderung, die so manches Team der Lebenshilfe auf seine Grenzen verweise.

Probleme und Grenzen der Inklusion – so spielerisch und undogmatisch wie Carlos Escalera wären diese Thematik nur wenige andere Redner angegangen. Die Arbeit des Vereins sei vielschichtig angelegt, der Anspruch hoch, begründet Michael Grashorn, Pädagogischer Fachleiter der Lebenshilfe Verden, die Themenwahl.

Was Inklusion erschwere, sie die Tatsache, der Mensch dazu neige, sich eine Gruppenidentität zu geben – und alle, die der Gruppe fremd sind, auszuschließen. Gleichzeitig verursachten Sätze wie „sie muss endlich lernen, dass“ bei ihm Hautausschlag, sagt Escalera. Denn man könne Menschen nicht nach den eigenen Vorstellungen verändern. Eine Einstellung, die in der Praxis auch Probleme mit sich bringt.

Leicht amüsiert berichtet der Pädagoge zunächst von dem autistischen Mädchen, das Kollegen geschlagen hat. Dies sei gut gegen die „professionelle Eitelkeit“. Escalera spricht aus eigener Erfahrung: Er arbeitete früher mit straffälligen Jugendlichen und ist nun seit einigen Jahren als Pädagoge im Beratungszentrum Alsterdorf in Hamburg tätig. Er kennt Schicksale aus der Psychiatrie, Einrichtungen für Drogenabhängige, Krankenhäusern, Altenheimen.

Heftiger werden die Schilderungen, als er von einer autistischen Frau aus der Türkei berichtet, die trotz ihres sonnigen Gemüts schon des öfteren Kopfnüsse verteilt oder zugebissen hat. Escalera zeigt zudem das Bild einer jungen Frau, die auf einer Liege fixiert ist und eine Zwangsjacke trägt. Anders hätten die Pfleger sich ihr nicht nähern können, weil sie zu Gewaltausbrüchen neigt. Escalera schildert seine Hilflosigkeit. Als er die Patientin einmal zu Therapiezwecken befreite, ging sie sofort auf ihn los. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf die Fensterbank zu flüchten.

Wirkliche Tipps für die therapeutische Praxis ließen sich aus Escaleras Vortrag zwar nicht gewinnen, dafür aber viele Ansätze zum Weiterdenken. So schildert der Pädagoge, dass ihn das Thema Inklusion zwangsläufig auch im privaten Bereich beschäftigt. Er hat eine Tochter mit Trisomie 21 – und gibt zu, dass er mit seiner Frau nach der Diagnose erstmal „wochenlang geweint“ habe. Heute ist er allerdings überzeugt: Seine zweite, angeblich normale Tochter braucht in manchen Bereichen sogar mehr Unterstützung, oder fordere deutlich mehr Aufmerksamkeit.

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