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Trauriger Rekord am Krötenzaun

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Von: Reike Raczkowski

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Zwei Erdkröten
Nur 1100 Individuen konnten in dieser Saison am Krötenzaun in Drübber gesammelt werden, so wenige wie noch nie zuvor. © NABU Dörverden, M. Wördemann

Während in unmittelbarer Nähe die Lkw vorbeidonnern, sammeln Freiwillige am Krötenzaun im Drübberholz früh am Morgen Amphibien und bringen sie über die viel befahrene Bundesstraße 215, von wo aus diese sich dann auf den Weg zu ihren Laichgewässern nahe der Weser machen. Die allermeisten der geretteten Tiere sind Erdkröten, manchmal ist ein Frosch dabei, ganz selten mal ein Molch. Tausende Tiere werden jährlich auf diese Weise vor einem grausamen Verkehrstod gerettet. In dieser Saison war aber alles anders. An vielen Tagen blieben die Sammeleimer am Krötenzaun in Drübber leer. Die Naturschützer sind besorgt.

Dörverden – Zu den Amphibiensammlern gehören zum Beispiel Tina Rolfsmeyer aus Stedorf sowie ihre Söhne Tjark (13) und Till (16). „Wir gehen immer mindestens zu zweit, immer mit Warnwesten. Ich nehme gerne noch Nachbarskinder mit, denn es ist schön, wenn sie merken, dass Kröten überhaupt nicht eklig oder schleimig sind. Sie gehen immer sehr respektvoll und vorsichtig mit den Tieren um.“

Auch Tobias Augustin gehört zum Team. Er lebt direkt an der B215 in Drübber. „Also hatte ich dieses Gemetzel früher immer quasi vor meiner Haustür.“ Deswegen habe er sich vor einigen Jahren dazu entschieden, dabei zu helfen, die gefährdeten Tiere über die Straße zu retten. Seitdem sammelt er während der Saison jeden Tag. „Wir sind dagegen berufsbedingt nur an jedem zweiten Samstag im Einsatz“, so Rolfsmeyer. Beide gehören zu einem Team von bis zu 15 Ehrenamtlichen, die den Krötenzaun in Kleingruppen betreuen.

Ein deutlicher Rückgang der Zahlen

Fragt man die Ehrenamtlichen nach ihrer „Ausbeute“ der vergangenen zwei Monate, blicken alle sehr unzufrieden drein. „Ich habe diesmal genau eine Kröte gefunden“, erzählt Tina Rolfsmeyer traurig. Tobias Augustin, der ja täglich in den Wald geht, hat da schon deutlich mehr Tiere in seinen Eimern gehabt. „300 waren es bei mir insgesamt dieses Jahr. Ich weiß, das klingt erst mal viel.“ Aber man müsse die Relationen sehen: „In den guten Jahren haben wir manchmal 600 Tiere über die Straße gebracht – in einer Nacht.“

„Aufgestellt wurde der Zaun vom Landkreis Verden diesmal relativ früh, am 18. Februar. Aber die ersten Tiere wurden erst um den 15. März herum entdeckt“, berichtet der Sprecher der Ortsgruppe Dörverden, Malte Wördemann. Letzte Woche, als klar wurde, dass die Wanderung für dieses Jahr vorbei ist, sei der 900 Meter lange Zaun abgebaut worden.

Mittlerweile liegen auch die Zahlen vor. „1100 Individuen wurden insgesamt in Drübber gezählt“, so Wördemann. „Das ist, das kann man nicht anders sagen, ein trauriger Rekord. So wenige waren es noch nie.“ Im Spitzenjahr 2016 hätten die Dörverdener Naturschützer mehr als 4 000 Tiere eingesammelt. 2020 seien es immerhin noch mehr als 3 000 gewesen, 2021 dann circa 1 800.

Gründe sind nicht ganz klar

„Die Frage nach dem Warum drängt sich natürlich auf“, so Wördemann. Es könne verschiedene Gründe für den dramatischen Rückgang geben. „Auf jeden Fall hat das Wetter in diesem Jahr schon mal nicht gepasst“, weiß der erfahrene Krötensammler Augustin. „Die Tiere machen sich normalerweise auf den Weg, wenn es nachts mindestens 7 Grad hat und regnet.“ Ideale Witterungsverhältnisse herrschten demnach in dieser Saison gerade mal in zwei Nächten.

Dass die Landwirtschaft in der Umgebung der Laichgewässer eine Rolle spielen könnte, kann Augustin zumindest nicht ausschließen. Die Tiere legen ihre Eier in den Flachgewässern am Mahler Graben ab, zwischen der Weser und der Bundesstraße.

Trockenheit mag eine Rolle spielen

Auch die Verkehre zwischen Nienburg und Verden hätten in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. „Wir würden uns wirklich wünschen, dass ein Hinweisschild zur Krötenwanderung an der B 215 aufgestellt wird“, so Augustin. Doch die Straßenverkehrsbehörde erlaube das wohl nicht.

„Letztendlich mag auch die Trockenheit der vergangenen Jahre eine Rolle spielen“, so Wördemann. Laichbestände der Vorjahre könnten zerstört worden sein, falls die entsprechenden Gewässer zu früh trocken gefallen sind. Auch das Laub in den Wäldern, der Lebensraum der Tiere, sei zu trocken. „In diesem Frühjahr hat es schon wieder viel zu wenig geregnet.“

Weitere Helfer sind immer gern gesehen

Die Dörverdener Naturschützer wollen jetzt verfolgen, wie es anderen Nabugruppen im Landkreis während der Krötensaison ergangen ist. Ist es ein lokales Phänomen oder handelt es sich um eine allgemeine Entwicklung?

So oder so: Morgens in aller Frühe in den Wald zu gehen, um Kröten zu retten, das mache nur Spaß, wenn es auch etwas zu retten gebe, sagt Tjark. Der 13-Jährige findet: „Wenn die Eimer jedes Mal leer sind, ist das schon langweilig.“ Seine Mutter gestaltet die Ausflüge dennoch sinnvoll. „Mit leeren Händen kehren wir nie zurück. Wenn es keine Kröten gibt, dann sammeln wir eben Müll“, sagt Tina Rolfsmeyer.

Die Naturschützer würden sich freuen, wenn sie ihr Team in der nächsten Saison noch ein wenig verstärken könnten. „Wir haben zwar relativ viele Helfer, doch einige von ihnen sind älter als 70 Jahre. Weil die Arbeit nicht gerade rückenfreundlich ist, wäre es schön, wenn sich ein paar Jüngere beteiligen würden“, so Rolfsmeyer. Wer dabei sein möchte, müsse kein Nabu-Mitglied sein. Wer Interesse hat, meldet sich bei Malte Wördemann, am besten per E-Mail an malte.woerdemann@yahoo.de.

Dörverdener Kinder, die sich für Naturschutzthemen interessieren, sind zur traditionellen Nabu-Ferienspaß-Aktion eingeladen, die diesmal am 19. August stattfindet. Mehr Infos gibt es im Ferienprogramm der Gemeinde, das derzeit in Arbeit ist.

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