Einst prächtiger Herrensitz / Teil der geschichtsträchtigen Poggenburg

Das Thedinghauser Rathaus feiert 200. Geburtstag

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Die Poggenburg (hier Ende der 50er) war einst ein imposanter Gutshof (im Hintergrund das heutige Rathaus). Die Stallungen wurden 1980 abgerissen, Packhaus und Scheune stehen heute noch.

Thedinghausen - Bürgermeister Gerd Schröder und Archivar Klaus-Dieter Schneider sind sich einig: „Es war eine Sternstunde für Thedinghausen, als sich der Rat der gerade gegründeten Samtgemeinde im Jahre 1973 entschloss, die Poggenburg, das heutige Rathaus-Ensemble, zu erwerben.“

Das Rathaus, ein ehemaliges Herrenhaus, ist Teil der ehemaligen Poggenburg. Sie gehörte zu den zwölf Burgmannssitzen und wurde im Zuge der Erbauung der Burg Thedinghausen durch den Erzbischof Gieselbert von Bremen im Jahre 1285 errichtet.

Später, 1580, erwarb der Amtmann Burchhard Wolters die Poggenburg. Nach dessen Tod wurde sein Schwiegersohn Crause Besitzer der Poggenburg. Dem Amtmann Crause und dem Drosten Hermann von Horn wurden große Verdienste um das Amt Thedinghausen bescheinigt. Eine große Steinplatte in der Friedhofsmauer kündet davon. Nach dem großen 30-jährigen Krieg wurden die Schweden Herren des Amtes.

Großer Gutshof und

riesiges Handelshaus

Im Verlauf weiterer Erbfolgen fiel das Gut 1721 an den Edelmann Friedrich Andreas Scheele (der das Gut wohl landwirtschaftlich nutzte), danach 1769 an Pastor Johann Heinrich Gudewill und danach wiederum an Johann Daniel Heinrich Gudewill. Dieser wandelte den Gutshof in einen Handelshof um. Das Handelshaus Gudewill war ein Unternehmen von beträchtlichem Ausmaße (Leinen, Tabak, Geldgeschäfte und vieles mehr). Die nahe Eyter, die damals noch schiffbar war, begünstigte die Lage. Bereits 1796 wurde das heute noch vorhandene Packhaus gebaut. Das große Herrenhaus, dass heutige Rathaus, wurde 1811 von Johann Heinrich Gudewill, also vor 200 Jahren, errichtet.

Revolutions-Fahne

heute noch zu sehen

1835 starb früh der hoffnungsvolle Sohn. J. H. Gudewill hat den Tod seinen Sohnes noch um fünf Jahre überlebt. Er starb 1840, das Handelshaus wurde aufgelöst. Ohne direkte Nachkommen fiel das große Erbe über eine Nichte an die Familie Grimm. Dr. med. Ludwig-Wilhelm Grimm und seine Ehefrau zogen auf die Poggenburg in das jetzige Rathaus. Dr. Grimm verstand nichts von der Landwirtschaft, hatte aber einen fähigen Verwalter. Dr. Grimm und seine Frau Hedwig, geb. Schumacher, lebten geachtet ein erfolgreiches Leben.

Als 1848 Revolution im Lande war, wurde von der braunschweigischen Regierung eine Volksbewaffnung auf dem platten Lande angeordnet. Zu diesem Zweck versammelte man sich bei Dr. Grimm, um eine Bürgerwehr zu gründen. Oberführer wurde Amtmann Lüders, sein Stellvertreter Dr. Grimm. Diese Bürgerwehr ist niemals in Aktion getreten. Die von den Damen gestiftete Fahne wird noch heute in der Eingangshalle des Rathauses aufbewahrt.

Im Laufe der Jahre wurden die Stallgebäude erweitert, so dass ein geschlossener Wirtschaftshof entstand.

Dr. Grimm, der 80 Jahre alt wurde, war bis ins hohe Alter mit Ehrenämtern überhäuft. Sein Sohn Johann Heinrich Karl Rhebisch Grimm übernahm den Gutshof Poggenburg. Die ruhigen Jahre vor dem ersten Weltkrieg ließen das Gut blühen und gedeihen.

Heinrich Grimm starb 1905. Seine Kinder waren noch jung und so musste die Witwe die Verwaltung des Hofes in die Hand nehmen. Johanna Grimm ist es zu verdanken, dass der Gutshof und seine Gebäude im guten Zustand erhalten blieben. Sie war eifrige Sammlerin alter Möbel und Geräte. Im Packhaus hatte sie ein kleines Museum eingerichtet.

Nach dem ersten Weltkrieg Kriege war August Grimm Besitzer des Gutes Poggenburg geworden. Inflation, Wirtschaftskrise usw. hatten den Hof seiner finanziellen Mittel beraubt. Aber August Grimm gelang es, den Bestand der Poggenburg im Wesentlichen zu erhalten. Er feierte 1920 Hochzeit mit Gerda Franke. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor, Heinz Peter geb. 1921 (gefallen in Russland), Jutta geb. 1924 und Hans- Hubertus geb. 1931. Nach August Grimms Tod (1951) stand die Witwe Gerda Grimm stand nun allein dem Gutshof vor. Der zweite Sohn, der heute noch direkt neben dem Rathaus wohnende Hans-Hubertus Grimm, übernahm erst 20-jährig Verantwortung und hatte wesentlichen Anteil an der vollständige Umstellung des Gutes Poggenburg in eine reine Ackerwirtschaft.

Die großen Wirtschaftsgebäude standen nun leer und waren auch für andere Zwecke nicht geeignet. Auch war das große Herrenhaus für einen kleinen Haushalt zu unwirtschaftlich. Nach vielen Überlegungen kam Hans-Hubertus Grimm zu dem Entschluss, der Samtgemeinde Thedinghausen das Haus anzubieten. Diese kaufte den Hof schließlich 1973 für 280 000 DM.

Tag der offenen Tür

beim Nikolausmarkt

1975 begannen umfangreiche Umbaumaßnahmen. Dabei wurde auch noch einmal deutlich, wie stabil Gebäude und Decken waren. Alte Thedinghauser wussten: Kurz nach dem zweiten Weltkrieg benutzten englische Besatzungsangehörige dieses Haus, im ersten Stockwerk feierten sie Feste und tanzten; es war eine Belastungsprobe beträchtlichen Ausmaßes. Am Ende der Umbauarbeiten kam ein prachtvolles, fast neu wirkendes Gebäude heraus.

Das 1811 erbaute (Rat)haus hat ein klassizistische Fassade. Das zweistöckige, etwa 24 x 14 Meter große Gebäude mit einem kleinen Flügel umfasst etwa 700 qm Nutzfläche.

1979 wurden zudem die angrenzenden Wirtschaftsgebäude und Ställe erworben und um 1980 zum Teil abgerissen. Hier entstand der Rathausplatz in seiner jetzigen Form.

Die Gemeinde wird die Geschichte der Poggenburg und besonders des Jubiläums des Rathauses im Rahmen des Nikolausmarktes am 26./27. November mit einem Tag der offenen Tür sowie einer Ausstellung einer breiten Öffentlichkeit vorstellen. · sp

Dieser Text ist im wesentlichen anhand der umfangreichen Abhandlung von Ernst Hadler zusammengestellt worden.

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