Treffen des Realverbandes „Nathenwisch“

Wie eine Fremdherrschaft: Badener Bauern auf Morsumer Seite

Knapp 70 Hektar auf Morsumer Seite, die sich vom Streek (links hinter den Bäumen) bis hin zur alten Krinke-Kieskuhle (Bildmitte rechts) erstrecken, sind im Besitz des Badener Realverbandes.
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Knapp 70 Hektar auf Morsumer Seite, die sich vom Streek (links hinter den Bäumen) bis hin zur alten Krinke-Kieskuhle (Bildmitte rechts) erstrecken, sind im Besitz des Badener Realverbandes.

Morsum/Baden – Was Hochwasser anrichten können, konnte man gerade an der Ahr und ihren Nebenflüssen erleben. Doch seit jeher haben die nassen Fluten Unheil und Veränderungen mit sich gebracht. Die Weser hat im Laufe der Zeit in Teilbereichen mehrfach „gewaltsam“ ihren Lauf geändert, beispielsweise im Bereich Ahsen-Oetzen/Baden.

Vor mehreren hundert Jahren verlief das Hauptstrombett zwischen Lunsen und Werder und floss dann östlich an Thedinghausen vorbei. Der uralte Wasserlauf, heute nicht mehr als ein Graben, wird immer noch „Alte Weser“ genannt. Die naturbedingte Änderung des Flusslaufes führte dazu, dass die Badener Bauern ihre Weiden auf der „verlorenen“ Weserseite nicht mehr fußläufig erreichen konnten, um zu Heuen oder das Vieh zu versorgen. Das gelang nur noch per Überfahrt auf kleinen Holzbooten oder Fähren, mit denen zum Frühjahr hin und im Herbst zurück auch das Vieh über die Weser transportiert wurde.

Ungeklärte Eigentumsverhältnisse sorgen 1777 für massive und gewaltsame Konflikte

Rechtlich blieben die abgeschnittenen Weiden Badener Land. Erst nach dem Anschluss des Amtes Thedinghausen mit Ahsen-Oetzen an Braunschweig wurden die seit alters her Badener Flächen, rund 64 Hektar, nun braunschweigisch, wenngleich sich die Eigentumsverhältnisse der Parzellen nicht änderten. Gleichwohl wurden die Bauern auf Morsumer Seite nun mutiger, mit der neuen Obrigkeit im Rücken. Auch sie beanspruchten und nutzten die Flächen quasi vor der Haustür, die ihnen die Änderung des Weserlaufes zugeschlagen hatte. Es kam zu massiven Konflikten, die 1777 auch gewaltsam mit Schwertern, Spießen, Knüppeln und Stangen ausgetragen wurden.

Letztlich kam es zum Prozess vor dem Fürstlichen Gericht in Wolfenbüttel, der sich über Jahre hinzog. Vorrangig ging es dabei um Schadensersatzforderungen der Badener Bauern für das aus ihrer Sicht illegale Abweiden ihrer Flächen durch die Ahsener, Oetzer, Nottorfer und Morsumer Bauernschaft. Im Kern ging es darum, wem dieses Land gehört. Begründet auf ein Rechtsgutachten der juristischen Fakultät der Universität Jena erhielten die Badener mit Urteil von 1791 schließlich eine Entschädigung von 46 Talern und 12 Groschen. Auch die weitere Nutzungsberechtigung für die Badener Höfnerweide, die Badener Kötnerweide, die Krogsweide und der Nathenwisch (nasse Wiese) war damit festgeklopft, auch wenn es zwischen den Kontrahenten auch später immer mal wieder Streitereien gab.

Hirtenhaus „Am Streek“ wird zum Badener „Stützpunkt“

Die Änderung des Flussverlaufes mit dem späteren Gerichtsentscheid führte letztlich auf der Morsumer Weserseite am Streek zum Bau eines Hirtenhauses als Badener „Stützpunkt“, dem heutigen Gasthaus Fährhaus der Familie Peters. Dieses ist übrigens erst vor wenigen Jahren von dem Bauern-Realverband, der aus der ungewöhnlichen Land-Konstellation entstanden war, an die heutige Betreiberfamilie verkauft worden. Verwaltungstechnisch wirkt die einstige Änderung des Weserlaufes bis heute nach. Zweimal jährlich (in Coronazeiten nur einmal) treffen sich seit Menschengedenken die Mitglieder des Realverbandes, um über die Verwendung der Flächen zu beraten. Anders als in früheren Zeiten werden die Weiden und Flächen nicht mehr gemeinschaftlich genutzt, sondern verpachtet. Dadurch kommt einiges Geld in die Kasse, nicht zuletzt deswegen, weil sich auch der Campingplatz und die Grundstücke der Wochenendhäuser am Streek in der Realverbands-Obhut befinden.

Die Mitglieder des Realverbandes Nathenwisch/Badener Höfnerweide bei ihrer jüngsten Zusammenkunft vor dem Fährhaus am Streek, dem einstigen „Stützpunkt“ der Badener Bauern auf der anderen Weserseite.

Vorsitzender des Realverbandes ist derzeit Joost Meyerholz, als Vize fungiert Dietrich Claus und Schrift- und Kassenwart ist Albert Bischof – allesamt direkte Nachfahren von Bauern, die einst um ihr Land stritten. Die 64 Hektar sind in 130 Anteile aufgeteilt. Entsprechend der Zahl der Anteile haben insgesamt 19 Personen verschieden gewichtetes Stimmrecht, wobei nicht mehr alle Mitglieder aus Badener Landwirtsfamilien stammen. Einige Anteile sind durch Erbfolgen auch an jetzt Stimmberechtigte aus den Nachbarorten gegangen.

Die jüngste Hauptversammlung fand unlängst im Fährhaus am Streek statt. Vorsitzender Joost Meyerholz betonte stolz bei der Sitzungseröffnung: „Wir sind einer der letzten funktionierenden Realverbände dieser Art und Größe in ganz Niedersachsen.“ Im Gespräch erinnerte er zudem an die vergangenen Jahrhunderte. So seien Badener Bauersfrauen, Knechte und Mägde noch bis Anfang der 1960er-Jahre im Sommer mit einer großen Energieleistung täglich per Boot über die Weser gefahren, um dort die Kühe zu melken und die Milch anschließend auf die „richtige“ Flussseite zu transportieren. Für die heutigen Landwirte ist der Sprung über die Weser dank der Ueser Brücke ein Kinderspiel.

Die Vorsitzenden Joost Meyerholz (rechts) und Dietrich Claus präsentieren das älteste Schriftstück des Realverbandes aus dem Jahr 1690.

Noch immer ist es übrigens ein Erlebnis, in den uralten Dokumenten und Schriftstücken des Realverbandes zu kramen, die bis auf das Jahr 1690 zurückgehen und die in einer ebenso alten Truhe lagern. Vorstandsmitglied Dietrich Claus. „Dabei atmet man stets ein Stück Badener und Morsumer Ortsgeschichte ein.“

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