Solarstromanlage und Hackschnitzelheizung ermöglichen umweltfreundliche Ölherstellung

Wesermühle Wulmstorf produziert jetzt klimaneutral

Wulmstorf – Trübe Suppe draußen, die Sonne macht sich schon seit Tagen rar. Andreas Meyer hat heute am späten Vormittag ganze 400 Watt mit seiner Fotovoltaikanlage gemacht. Und die hat immerhin eine Spitzenleistung von 30 Kilowatt/peak. Peanuts sind da 400 Watt.

Anna Hubach und Andreas Meyer betreiben seit 2008 die Wesermühle in Wulmstorf. Das Geschäft ist als Lebensmittelhandel vom Lockdown nicht betroffen.

Doch den Inhaber der Wesermühle in Wulmstorf juckt die Strahlenarmut auf dem Dach nicht. Es ist nun mal Dezember. Den Strom für die laufende Produktion seines Unternehmens beziehen er und seine Frau Anna Hubach dann eben aus dem Netz: als grünen Strom von den selbst ernannten Stromrebellen der (Bürger-)Stadtwerke Schönau.

Die Wesermühle macht aus Hanf und Lein Öl. Die Arbeitsvorgänge sind stromintensiv. Darum hat sich das Geschäftsführer-Paar dazu entschieden, die Fotovoltaikanlage zu installieren. Im März 2019 ging sie ans Netz: „Wir haben bis März 2020 30 000 Kilowattstunden (kWh) produziert, bei einem Verbrauch von 20 000 inklusive Wohnen“, sagt Meyer. Damit seien der Atmosphäre rund 40 Tonnen CO2 erspart geblieben.

Den Strom-Überschuss verkauften die beiden für elf Cent pro kWh an den Netzbetreiber, die EWE. „Es ist Strom von unserer Sonne aus dem Landkreis“, sagt der 57-Jährige erfreut. Unsere Sonne als regionaler Lieferant quasi.

Doch mit dem Ökostrom vom Dach, der in der dunklen Jahreszeit durch den sauberen Strom aus dem Netz ersetzt wird, war es für Meyer und Hubach noch nicht getan. Sie wollten zu 100 Prozent klimaneutral produzieren. Also entschloss sich das Paar, die alte Ölheizung durch eine zu ersetzen, die ohne fossile Brennstoffe auskommt. Der Gedanke an Erdwärme war rasch verworfen, denn das System funktioniert nur gut bei flächendeckender Fußbodenheizung mit niedriger Vorlauftemperatur. Doch Fußbodenheizung gibt es nur in einem Raum, dem Mühlenboden selbst.

Die Wesermühle in Wulmstorf stammt aus dem Jahr 1870. Die Wirtschaftsgebäude sind aus den 1950er-Jahren.

Die Alternative war Heizen mit Holz. Eine Pelletheizung schied aber auch aus. „Wo kommen die Pellets her? Aus Weißrussland, aus Polen? Das war uns nicht geheuer. Uns ist doch Regionalität wichtig“, unterstreicht Andreas Meyer, der früher in Verden einen biologischen Baustoffhandel geleitet hat.

Seit Kurzem ist deshalb in der Wesermühle eine 49-Kilowatt-Holzhackschnitzelheizung in Betrieb. Sie wird mit hiesigem Schnittgut befeuert, geliefert von einem Lohnunternehmen, das mit der Landschaftspflege in den Mitgliedsgemeinden beauftragt ist. „Ein Low-Tech-Rohstoff für eine High-Tech-Heizung“, bringt Meyer es auf den Punkt, während er eine Handvoll Holz aus der Förderschnecke zieht.

Klar, für die Lagerung der vielen Kubikmeter Holzmasse, die ja nicht so viel verdichtete Energie enthält wie Gas oder Öl, braucht es Platz. Aber den gibt es reichlich auf dem Gelände der Wesermühle. In einem Verschlag lagern Dutzende Kubikmeter, alle paar Wochen muss Meyer mit dem Radlader in den Fördertrichter nachfüllen. Die Heizung des österreichischen Herstellers Sommeraue läuft und reinigt sich vollautomatisch, ab und an muss die Aschenwanne ausgeleert werden. Die Asche dient als Mineraldünger.

Sogar die bei der Herstellung der Öle anfallenden Presskuchen verheizen die Mühlenbetreiber. „Alles was man verwerten kann, dient der Preisreduzierung beim Produkt“, sagt Meyer.

Die Produktionsprozesse sind nicht nur strom-, sondern auch heizintensiv. „Wir haben einen großen Abwaschbedarf für Behälter, Maschinen und Abfüllschläuche.“ Die Dinge müssten bei mindestens 50 Grad gereinigt werden. In der hellen Jahreszeit erwärmt ein Durchlauferhitzer das notwendige Wasser – gespeist aus dem Sonnenstrom vom Dach.

Andreas Meyer vor dem Silo mit den Holzhackschnitzeln. Sich bewegende Federn am Boden sorgen für die Zuführung des Brennguts zur Heizung.

Die CO2-neutrale Produktion ist natürlich mit hohen Investitionskosten verbunden, das verhehlt der Geschäftsführer nicht: Die Heizung kostete 80 000 Euro, die Fotovoltaikanlage 40 000 Euro. Doch Letztere soll sich nach Meyers Berechnungen schon nach zehn Jahren amortisiert haben. Und für die Heizung gab es 45 Prozent Zuschüsse vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, 35 Prozent für das neue Gerät selbst, 10 dafür, dass die Ölheizung auf den Schrott kam, die zuvor bis zu 7 000 Liter Öl im Jahr verbraucht hat, wohlgemerkt kein Hanföl.

„Ich bin ein Öko“, sagt Andreas Meyer über sich selbst. Klingt ein bisschen nach 80er-Jahre, ist aber ganz modern gemeint. Für ihn heißt modern wirtschaften möglichst ökologisch zu wirtschaften. Sein klimaneutrales System komme für viele Betriebe, die tagsüber produzierten, in Betracht, sagt er. Und er findet es „schade“, dass in den heutigen Bauverordnungen nicht Fotovoltaik vorgeschrieben werde. Die Bemühungen der Samtgemeinde, zahlreiche öffentliche Gebäude wie etwa die Schulen mit Solarstromanlagen und Holzhackschnitzelheizungen auszustatten, begrüßt Meyer hingegen.

Der Inhaber und seine 55-jährige Frau blicken auf die ganze Palette ökologischen Wirtschaftens und Arbeitens: Sie haben ein E-Dienstfahrrad, mit dem ein Mitarbeiter auch bei Regen von Daverden nach Wulmstorf radelt. Ein Elektro-Lieferwagen, um die Märkte in der Region anzusteuern, ist aber noch Zukunftsmusik: Gewicht, Reichweite und fehlender Ladestrom auf den Märkten stehen einer Anschaffung im Wege. Für die Solarstromanlage haben die beiden auch noch auf eine Batterie verzichtet. Die Rahmenbedingungen für den Abbau von Lithium seien zu problematisch. Für die Klimaneutralität tun es bisweilen schon die Fotovoltaikanlage, grüner Strom aus dem Netz und die Holzhackschnitzelheizung.

Rubriklistenbild: © Philipp Köster

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