16-jährige Herero-Schülerin Ngehupe auf fünfwöchiger Bildungsreise in der Samtgemeinde

Weltoffener Gast aus ärmstem Teil Namibias

Ngehupe fühlt sich gut aufgenommen bei Kim Gudegast und deren Familie samt Hündin Lubaya. Die 16-jähige Besucherin nutzt jeden Augenblick, um Neues zu entdecken und zu lernen.

Thedinghausen - Von Ingo Schmidt. Die 16-jährige Ngehupe stammt aus dem Norden Namibias – aus einer sehr originären Region namens Kaokoveld. Das Mädchen besucht dort die Schule eines Entwicklungshilfeprojektes und wurde aufgrund ihrer aufgeschlossenen, weltoffenen Art für einen fünfwöchigen Besuch Thedinghausens empfohlen.

Während ihres Aufenthaltes bei Familie Gudegast will sie das Leben in Deutschland kennen lernen, die europäische Kultur und ihre Geschichte.

„Den Menschen in Kaokoveld fehlt es an allem. Es gibt kaum Wasser und Lebensmittel, Kleidung oder Bildung, und ein Mädchen wie Ngehupe zählt dort weniger als eine Ziege“, beschreibt Gastmutter Daniela Gudegast die Lebensumstände, die sie während einer beruflichen Riese dort selbst kennengelernt hatte.

Ngehupe lebt in Namibia in einem Schulinternat in Okanguati. Den Frankfurter Flughafen erreichte sie ganz ohne Gepäck. Sie hatte nie zuvor ein Flugzeug gesehen, auch keinen Bus oder Zug. Ihre Gasteltern hatte sie nur einmal vorher in Okuangati kurz kennengelernt.

„Ich bereiste die Region mit einer Touristikfirma, für die ich gearbeitet habe und die das Projekt Kaokoland mit Spenden unterstützt“, erklärt Daniela Gudegast. Der Verein „Projekt Kaokoland“ finanziert den Schulinternatsplatz für die 16-jährige Ngehupe in Okanguati und fördert die persönliche Entwicklung des Mädchens. 1996 von einem Berliner Paar gegründet, sollte dieser Verein zunächst die Versorgung mit sauberem Trinkwasser sicherstellen. Inzwischen betreiben die engagierten Berliner auch ein Waisenhaus, unterstützen drei Buschschulen mit Verpflegung, betreiben Landwirtschaftsprojekte zur Selbstversorgung und eine Suppenküche, die in staatlicher Kooperation einmal täglich warmes Essen für die Region liefert.

Initiiert werden ausschließlich langfristige Projekte, weshalb der Verein keine EU-Förderung erhält. EU-Entwicklungsmaßnahmen enden in der Regel nach vier Jahren. Danach muss ein Hilfsprojekt an einheimische Institutionen übergeben werden.

Die Initiatoren des Projekts Kaokoland möchte jedoch eine langfristige Arbeit mit Kindern gewährleisten und wirtschaften deshalb unabhängig. Die Finanzierung erfolgt hauptsächlich über Spenden. Ihr Ziel: Einheimische Jugendliche sollen in die Lage versetzt werden, ihre Heimat eigenständig zu entwickeln. „Damit sucht die Arbeit des Vereins Kaokoland einen Gegenentwurf zum derzeitigen Umgang mit der Flüchtlingssituation“, betont Daniela Gudegast aus Thedinghausen. Das Engagement und die geleistete Arbeit dieser Berliner und ihres Vereins habe sie fasziniert.

Der Kontakt war hergestellt, und als die Anfrage kam, hat sie nicht lange überlegen müssen. „Wir haben uns gemeinsam für einen Aufenthalt von Ngehupe in unserer Familie entschieden“, sagt Tochter Kim Gudegast. „Ich finde es großartig, wie schnell sie alle neuen Eindrücke verarbeitet und sich an alles gewöhnt.“

Gemeinsam mit Kim besucht Ngehupe während der fünf Wochen eine neunte Klasse des Gymnasiums am Markt in Achim. „Im Englischunterricht kommt sie am besten mit“, sagt Kim, und: „Wenn sie in anderen Fächern nicht folgen kann, holt sie ihre Deutschhefte raus und lernt.“

Außerhalb der Schule nimmt Ngehupe an vielen Freizeitaktivitäten teil: Klavierunterricht, Tennis oder auch Mädchenfußball beim TSV. Das Leben bei Familie Gudegast gefällt ihr ausgesprochen gut. Sie liebt Spielplätze und Schaukeln ebenso wie das Toben mit der Rhodesian Ridgeback-Dame Lubaja.

Die Region Kaokoveld steckt in einer tiefen Krise. Die dort lebenden, nomadisierenden Gruppen der Himba und Zemba, die soziokulturell den Herero zugeordnet sind, werden durch klimatische Veränderungen zur Sesshaftigkeit gezwungen – mit fatalen Folgen.

Denn dadurch verändert sich das Landschaftsbild dramatisch: Die überdimensionierten Herden, und hier speziell die Ziegen, leisten der Bodenerosion, Vernichtung des Baumbestandes, Absinken des Grundwasserspiegels weiterhin Vorschub.

Die Volksgruppen entziehen sich in kurzer Zeit ihre eigene Lebensgrundlage – und das sehenden Auges. Diese Menschen leben im „Jetzt und Heute“. Das „Morgen“ und die Zukunft bilden in ihrer Kultur keine handlungsrelevanten Kriterien, schreibt der Verein auf seiner Web-Seite. In einer Region ohne nennenswerte Landwirtschaft und Entwicklungsmöglichkeiten für Jugendliche, wo Englisch als Landessprache noch immer eine Fremdsprache ist, seien in absehbarer Zeit massive Probleme zu erwarten. Dagegen will Kaokoland e. V. anarbeiten und die drohende Katastrophe zumindest abmildern durch praktische Beispiele des Zusammenlebens.

Das junge Herero-Mädchen Ngehupe besucht das Internat in Okanguati auf eigenen Wunsch und mit Einverständnis ihrer Eltern. Sie wird als eine von wenigen Kindern auch in eine weiterführende Schule gehen können, spricht inzwischen gut Englisch und bereits ein wenig Deutsch. In ihrer Heimat möchte sie einmal deutsche Sprache und Englisch studieren und später selbst unterrichten. Der Aufenthalt in Thedingausen soll sie darin bestärken.

„Mich beeindruckt der Mut dieses jungen Mädchens und das grenzenlose Vertrauen“, sagt Daniela Gudegast. „Gerne unterstütze ich dieses Hilfsprojekt.“

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