Weihnachtsmänner im Lockdown

Helmut Lührs und Heiner Albrecht (r.) verzichten in diesem Jahr auf ihre gewohnten Weihnachtsmann-Touren.
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Helmut Lührs und Heiner Albrecht (r.) verzichten in diesem Jahr auf ihre gewohnten Weihnachtsmann-Touren.

Jeder kann ein Überträger des Corona-Virus sein. Selbst der Weihnachtsmann. „Wenn ich Heiligabend unter Stress von einem zum nächsten Termin jage und dann in die Wohnzimmer komme, rappelvoll, Kerzen brennen und die Heizung ist auch noch an, und die Kinder wollen dich ja auch anfassen – nein, das geht in diesem Jahr nicht“, sagt Weihnachtsmann Heiner Albrecht aus Morsum.

Thedinghausen – Die Pandemie macht in diesem Jahr Hunderte Rotmäntel arbeitslos. Und die kleinen Kinder müssen eine weitere Enttäuschung über ein weiteres Gehtnicht hinnehmen. Statt Vorfreude oder Überraschung über den Besuch dieses wundersamen Fremden, statt großer leuchtender Augen und statt Respekt vor der leibhaftigen Erscheinung, die den nagenden Zweifel an der Existenz des Weihnachtsmannes im Nu wegwischt, müssen viele Familien auf einen wesentlichen Bestandteil ihres Weihnachtsrituals verzichten.

Heiner Albrecht und Helmut Lührs aus Wulmstorf sind in der Samtgemeinde Thedinghausen und – im Fall von Lührs – darüber hinaus seit vielen Jahrzehnten als Weihnachtsmänner aktiv. Stil- und kostümecht mit dickem Mantel, weißen Handschuhen und weißem Bart sowie alten Bundeswehrstiefeln, die ausdrücklich nur an Heiligabend angezogen werden, damit auch ja kein Kind Verdacht schöpft, arbeiten sie von Heiligabend mittags (Lührs) beziehungsweise nachmittags (Albrecht) ihre 10 bis 20 Besuchs- und Bescherungsaufträge ab. Lührs fährt sogar nach Bierden, Daverden, selbst nach Mahndorf. Eine Anfrage aus Harpstedt (Landkreis Oldenburg) sagte er aber ab. „Ich gebe dir auch 100 Euro“, habe ihn der Papa locken wollen. Aber Geld könne nicht die Zeit ersetzen, die er dann nicht mehr für die anderen Kinder habe.

Denn der Weihnachtsmannterminplan ist eng getaktet, damit innerhalb eines kleinen Zeitfensters auch möglichst viele Besuche über die Bühne gehen können. Zumal die einzelnen Auftritte zeitintensiver geworden sind. Waren es früher nicht mehr als fünf Minuten, nehmen heute musikalische Darbietungen der Sprösslinge für den erhabenen Gast, die Übergabe von Keksen als Dankeschön, aber auch Kinderzimmervisite („Lührs: Es muss aufgeräumt sein!“) und persönliche Ansprache insgesamt um die 15 Minuten in Anspruch. „Ich rede die Kinder immer mit Namen an. Das muss sein“, sagt Helmut Lührs und zeigt auf einen goldumschlagenen Hefter. Darin hat er Zettel mit Daten und Details über die Kinder. Was solch einen Besuch noch realistischer macht.

Heiner Albrecht hat die Erfahrung gemacht, dass selbst die Erstklässler noch „strammstehen, wenn ich nur schon in der Tür stehe“. Für ausreichend Ehrfurcht bedarf es bei ihm keiner Rute. „Ich habe keine“, sagt der 60-Jährige. „Ich hab" dafür zwei“, sagt Lührs lachend.

Besonders schön ist für die beiden, wenn sie die Blicke der Kinder wahrnehmen. Unvergessen für Albrecht ein Besuch in Werder. Bei einem elfjährigen Jungen, der unbedingt mal den Weihnachtsmann sehen wollte, stellte er – wie mit der Mutter verabredet – nur einen Sack mit Geschenken ab und wünschte noch ein frohes Fest. „Der hat da mit solchen Augen gestanden“, sagt Heiner Albrecht und öffnet zur Untermalung seine Hände.

Entsprechend bedauern Albrecht und Lührs, dass die Besuche in diesem Jahr ausfallen. „Es tut mir leid für die Kinder“, sagt Albrecht.

Schon im Frühjahr habe es nur wenige Anfragen gegeben. Und die wenigen Termine hätten sie von sich aus abgesagt.

Bis auf eine Ausnahme: Lührs, der traditionell schon im Advent die Weihnachtsmärkte in der Region mit seinen Auftritten bereichert und sich als Schauspieler der Wulmstorfer Theatergruppe ebenfalls einen Namen gemacht hat, hat Heiligabend einen Termin in Bierden. Dort besucht er einige Familien in deren Carports. „Immer nur fünf Leute, die sich abwechseln. Ich habe schon mit dem Gesundheitsamt gesprochen“, sagt der 69-Jährige.

Für das kommende Jahr hoffen sie wieder auf Normalität, zumindest auf so viel Normalität, dass sie ihre Touren machen können. Denn, das betont Helmut Lührs: „Es gibt kein Weihnachten ohne den Weihnachtsmann.“

Von Philipp Köster

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