Verwaltungschef, Parteien und BTE äußern sich zu Verlängerung der Linie 8 bis Thedinghausen

Straßenbahn? Eine „konkrete Utopie“

Parteienvertreter und Verwaltungsspitze sind aufgeschlossen gegenüber einer möglichen Verlängerung der Linie 8 bis Thedinghausen, auch wenn es sich um ferne Zukunftsmusik handeln dürfte. In der
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Parteienvertreter und Verwaltungsspitze sind aufgeschlossen gegenüber einer möglichen Verlängerung der Linie 8 bis Thedinghausen, auch wenn es sich um ferne Zukunftsmusik handeln dürfte. In der

Thedinghausen – Die Christdemokraten im Kreis und in der Samtgemeinde halten es – wie berichtet – für „mittelfristig“ überlegenswert, die Straßenbahnline 8 über Leeste hinaus bis nach Thedinghausen auszubauen. Einwohner- und Pendlerzahlen würden stetig steigen. Um ein Meinungsbild zu erstellen, haben sie eine Online-Umfrage aufs Gleis gesetzt. Die CDU möchte nach dem Votum über die Online-Umfrage (www.umfrageonline.com/s/linie8) eine Machbarkeitsstudie anschieben, um die Voraussetzungen zu prüfen und eine grobe Kostenschätzung zu bekommen.

Wie sehen das Vertreter anderer Parteien? Wie der Samtgemeindebürgermeister? Und wie steht die Bremen-Thedinghauser Eisenbahn (BTE) dazu? Erlauben die technischen Voraussetzungen überhaupt ein solches Projekt? Gibt es schon Pläne in der Schublade?

Verwaltungschef Harald Hesse findet den Gedanken an eine Verlängerung eine „nette Idee“. Das sei grundsätzlich ein Thema. Allerdings sei es wohl nicht realistisch, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre die Straßenbahn bis Thedinghausen fahre. Lieber spricht der Samtgemeindebürgermeister von einer „konkreten Utopie“.

Es sei aber vor 20 Jahren auf jeden Fall die richtige Entscheidung gewesen, die Strecke zu erhalten, auch wenn das mit finanziellem Aufwand und Bürgschaften verbunden gewesen sei. Damals stand der Rückbau der heute mehr als 100 Jahre alten Route von Stuhrbaum bis Thedinghausen im Raum. Die damaligen Eigentümer wollten die Grundstücke verkaufen. Doch die drei Kommunen Stuhr, Weyhe und Thedinghausen engagierten sich als Gesellschafter der BTE für den Erhalt.

Nach einem langwierigen Planungsprozess, flankiert von Klagen bis hin zum Bundesverwaltungsgericht, steht in Kürze der Ausbau der Linien 1 an. Das Planfeststellungsverfahren für den niedersächsischen Teil der Linie 8 ist noch nicht durch. Beide Verlängerungen bis Mittelshuchting (1) und Leeste (8) sollen aber im Jahr 2024 an den Start gehen, hoffen die Akteure.

Laut Harald Hesse hat es vor einigen Jahren Überlegungen mit dem damaligen Weyher und heutigen Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte gegeben, Personenverkehr auf der Bestandsstrecke zu ermöglichen – wie bis in die Mitte der 1950er-Jahre üblich. Doch ist diese Idee verworfen worden. Stattdessen soll es aber vermehrt Güterverkehr geben.

Riedes Bürgermeister Jürgen Winkelmann (SPD) sagt als von der Samtgemeinde entsandtes Mitglied im Gesellschaftergremium der BTE, dass dort vorrangig über den Ausbau der Güterverkehre gesprochen werde. Personennahverkehr sei bislang „kein ernsthaftes Thema“ gewesen, wenn auch schon das „eine oder andere Mal als Projekt für die Zukunft“. Auch die Gemeinde Riede würde von einer möglichen Verlängerung natürlich profitieren, liegt sie doch auch an der Strecke.

Winkelmann gibt zu bedenken, dass zunächst die Gemeinde Weyhe einen weiteren Ausbau auf den Weg bringen müsste. „Ob und wie das passieren könnte, kann ich im Moment nicht sagen.“ (Gedankenspiele befassen sich mit der Nutzung des Abzweigs von der BTE-Strecke hinter der Moordammbrücke in Kirchweyhe zum Kirchweyher Bahnhof.)

Die Trasse für einen möglichen Ausbau auf Samtgemeinde-Gebiet sei dann zwar da, müsste aber ebenso umgebaut werden wie die vielen Bahnübergänge. „Ich gehe davon aus, dass diese mögliche Umsetzung viele Jahre Planungszeit in Anspruch nehmen würde.“

Ein weiterer Aspekt laut Winkelmann: Auch wenn die Strecke betrieben werden würde, könnten „unsere Bürgerinnen und Bürger zwar in Weyhe am Bahnhof umsteigen, ansonsten allerdings nur mit einem recht großen Umweg über Stuhr nach Bremen gelangen“. Darum wäre dem Rieder Bürgermeister jetzt eine kürzere Taktung der Buslinie 750 viel wichtiger, um dann vom Dreyer Bahnhof aus mit der Regionalbahn alle Wunschziele zu erreichen. Der müsste aber von der Deutschen Bahn noch barrierefrei umgebaut werden, so Winkelmann. Gleichwohl ist er gespannt auf das Ergebnis der Befragung.

Christiane Siemer von den Grünen, Mitglied im überparteilichen Arbeitskreis ÖPNV, berichtet von ersten Gesprächen des Arbeitskreises mit der neuen BTE-Geschäftsführung, dem Zweckverband Verkehrsverbund Bremen Niedersachsen (ZVBN) und der Landesnachverkehrsgesellschaft. „Coronabedingt konnten wir nicht das gewünschte Tempo aufnehmen.“ Eine Verkehrswende auf dem Land mit größtmöglicher Vermeidung von Individualverkehr könne nur mit einem attraktiven ÖPNV-Angebot gelingen. „Somit haben wir ein großes Interesse, keine Möglichkeit außer acht zu lassen.“

Ihre Partei setze sich schon seit mehr als 20 Jahren „massiv“ für den Streckenerhalt und deren Nutzung ein – „entgegen allen Bedenken, die immer wieder auch seitens der CDU in den Samtgemeinderat eingebracht wurden“. Siemer ist wie Arbeitskreis-Kollege Wolfgang Kaib (FDP) entsprechend verwundert über den „Alleingang der CDU“ über den Arbeitskreis hinaus.

Heinz von Hollen von der Gruppe FDP / von Hollen im Samtgemeinderat hält fest: „Wenn man schon als Gesellschafter der BTE Geld und Bürgschaften gibt, müssen wir grundsätzlich die Schienen verstärkt für Frachtverkehr nutzen. Nur ein bisschen ,Schröder Gas" reicht nicht.“ Was den Personenverkehr angeht, müssten vor einer Machbarkeitsstudie die zuständigen Verkehrsgesellschaften befragt werden. Von Hollen steht dem Thema nicht ablehnend gegenüber, gerade vor dem Hintergrund der „Blechlawinen“ stadteinwärts. Er regt an, Probeläufe zu unternehmen, was eine mögliche Nachfrage (Man fährt da ja durch die Pampa“) angeht, zum Beispiel mit dem neuen Wasserstoffzug aus Stade, der auf Strecken zum Einsatz kommen kann, wo früher Diesellokomotiven unterwegs waren.

Andreas Holling, Pressesprecher der Bremer Straßenbahn AG (BSAG), die neben den Kommunen ebenfalls an der Bremen-Thedinghauser Eisenbahn beteiligt ist, spricht von einem „grundsätzlichen Interesse, vorhandene Infrastruktur zu nutzen“. Anders formuliert: Wenn es schon mal Schienen gibt, sollten auch Züge darauf fahren. „Die Idee ist grundsätzlich bekannt und auch nicht völlig abwegig.“ Er schränkt aber sofort ein: „Wir haben uns mit dem Thema noch nicht befasst.“ Erst mal gehe es um die Verlängerung der Linie 8 bis Leeste. Und das Planfeststellungsverfahren dazu liege wieder beim Oberverwaltungsgericht in Lüneburg. Mit einer Entscheidung sei vielleicht im ersten Quartal 2021 zu rechnen.

Der Sprecher der BSAG, dessen Vorstand Matthias Zimmermann übrigens BTE-Geschäftsführer ist, richtet den Blick auf besagte, von der CDU ins Auge gefasste Machbarkeitsstudie. „Das verfolgen wir mit Interesse.“ Erst dann gebe es erste Zahlen zu Kosten, Fahrzeiten und dergleichen. Daran würden sich dann Planungsschritte anschließen. Für die Einwerbung von Bundesmitteln gehe es in einem sogenannten Standardisierten Verfahren unter anderem um ausreichend hohe Fahrgastzahlen.

Von Philipp Köster

Zwei Dampfloks, Zugpersonal und Kinder des Ortes vor dem Thedinghauser Bahnhof 1912. Repro: Wilfried Meyer

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