Familie Wolters findet auf dem Dachboden Relikte aus der „guten alten Zeit“

Schätze aus dem Schulleben

Auf einer nostalgischen Schulbank und vor einer alten Unterrichtskarte haben es sich hier Petra und Jan Wolters gemütlich gemacht. Vater Horst beobachtet die Szenerie.
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Auf einer nostalgischen Schulbank und vor einer alten Unterrichtskarte haben es sich hier Petra und Jan Wolters gemütlich gemacht. Vater Horst beobachtet die Szenerie.

Morsum – Da kam einiges zum Vorschein: Alte Schulnotenhefte, Schulbücher, Landkarten und eine alte Schulbank sind unter anderem bei anstehenden Umbauarbeiten am ehemaligen Morsumer Schulhaus wiederentdeckt worden. Der Dachboden musste aufgeräumt, besser leer geräumt werden, da sich dort Jan Wolters im Hause seiner Eltern und seines Urgroßvaters Johann Richter eine Wohnung bauen möchte.

„Wir wussten natürlich, dass da noch Schriftstücke und mehr oben auf dem Boden lagern, aber was ganz genau, ist erst jetzt zum Vorschein gekommen“, zeigt Petra Wolters, die Enkeltochter des langjährigen Morsumer Lehrers Johann Richter, auf die Hefte auf dem Tisch.

Ältere Morsumer sind in dem Gebäude an der Ecke Zum Fleet / Verdener Straße noch zur Schule gegangen. Zumindest haben sie dort ihr erstes und zweites Schuljahr absolviert. Die älteren Jahrgänge waren auf der gegenüberliegenden Seite untergebracht. „Die dritte bis fünfte Klasse links im Gebäude und sechs bis acht im rechten Teil“, erinnert sich Christa Wolters, die Mutter von Horst Wolters, die dort noch unterrichtet wurde.

Das alte Schulhaus ist circa 150 Jahre alt, und nachdem in Morsum 1962 ein neues Schulgebäude errichtet worden war, hatte Johann Richter das alte Gebäude, in dem er auch zu Lehrerzeiten wohnte, von der Gemeinde erworben. Enkeltochter Petra und Ehemann Horst Wolters haben es in den 1980er-Jahren für ihre Bedürfnisse umgebaut.

Richter war natürlich nicht der einzige Pauker in der alten Dorfschule. Doch war er der Letzte, der im Ort tief verwurzelt und in vielen Vereinen aktiv war.

Petra Wolters kramt in den vielen Heften herum. „Irgendwo muss doch was von der Speeldäl sein.“ Johann Richter hat nämlich während seiner Kriegsgefangenschaft ein plattdeutsches Theaterstück auf Toilettenpapier geschrieben. „Finde ich nicht wieder. Wo ist das geblieben? Die Morsumer Speeldäl hat es Ende der 70er-Jahre sogar aufgeführt. Daran kann ich mich genau erinnern. Hab ja selbst mitgespielt“, erinnert sich Petra Wolters. Doch das Manuskript – es ist nicht mehr zu finden.

Aber nicht nur die plattdeutsche Sprache wurde von Lehrer Richter gepflegt. „Singen und Gedichte waren sein Steckenpferd“, erinnert sich Christa Wolters. Und prompt gibt sie das Gedicht „Wüstenkönig ist der Löwe“ von Ferdinand Freiligrath zum Besten. Noch heute fast perfekt aufgesagt. Besonders die Betonung auf dem rollenden „R“ war Richter seinerzeit wichtig. Christa Wolters erinnert sich: „Die Jungs haben das nicht so ernst genommen. Dann gab es auch mal einige Schläge mit dem Stöckchen auf den Allerwertesten. Das gibt"s heute zum Glück nicht mehr.“

Dann fallen einige Hefte mit schwarzem Umschlag ins Auge. „Das ist die traurige Sache an dem Dachbodenfund“, erzählt Horst Wolters. Seit Anfang der 1950er-Jahre sind alle Trauerreden von Lehrer Richter penibel in den Heften dokumentiert. Er wurde zu den damals noch sehr verbreiteten Hausaufbahrungen als Trauerredner eingeladen. „Selbst Opa wurde noch zu Hause aufgebahrt“, kann sich Petra Wolters an die unendlich vielen Kränze im Haus erinnern. Das war 1977, als Johann Richter im Alter von 77 Jahren verstarb.

Musik spielte ebenfalls eine große Rolle im alten Schulhaus. Johann Richter spielte mit Begeisterung Geige und Akkordeon. „Und im Winter, wenn es zum Schulbeginn noch dunkel war, wurde eben gesungen oder das Einmaleins aufgesagt. Licht gab es erst, wenn der Tag hell wurde. „Und wehe, die Jungs haben schief gesungen“, sagt Christa Wolters und lacht. „Da konnte Johann Richter auch mal böse werden.“

Beim Probesitzen auf der ebenfalls auf dem Dachboden entdeckten alten Schulbank muss die Familie Wolters schon die Beine einziehen. Im Hintergrund eine alte Landkarte, die ebenfalls im Fundus aufgetaucht ist und den alten Regierungsbezirk Stade zeigt. Auch das damals noch eigenständige Morsum ist darauf eingezeichnet, zeigt Horst Wolters auf die noch ziemlich gut erhaltene Karte aus den 1950er-Jahren.

Ein bisschen Nostalgie soll in die neue Wohnung von Jan Wolters durch das ein oder andere Utensil mit einfließen. Dass der Urenkel auch den Vornamen seines Urgroßvaters trägt, sei reiner Zufall, erzählt das Ehepaar Wolters, aber jetzt mit ein bisschen Abstand war es eine sehr gute Wahl.

Johann Richter wurde am im Dezember 1900 in Heiligenbruch (Riede) geboren. Er kam als Zweitlehrer 1933 nach Morsum, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Hauptlehrer und Nachfolger von August Frühling. Er war bis zu seiner Pensionierung 1965 noch der erste Schulleiter an der neu gebauten Grundschule in Morsum.

Er genoss allerhöchste Wertschätzung und Popularität im ganzen Dorf, die begründet war durch außerordentliche Verdienste auch außerhalb des Schuldienstes in vielen Vereinen. Viele Reden bei Sportfesten auf dem neben dem Lehrerhaus liegenden Sportplatz, oder bei Radiosendungen wie dem Bremer Container, haben den Gemeinderat seinerzeit nach der Umgestaltung des Sportplatzes veranlasst, den Platz nach Johann „Jan“ Richter zu benennen.    ha

Aus den 1950er-Jahren stammen diese Fundstücke, alte Dokumente und Aufzeichnungen.
Manche Jüngere wissen es nicht: Das Wohnhaus war einmal die Morsumer Schule.

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