Ungebetene Gäste beim Ball

Riede: Anekdote von Feier bei Scholvin-Orthmann von 1947

Im großen Festsaal des Gasthauses Scholvin-Ortmann wurde über viele Jahrzehnte ordentlich gefeiert. Dieses Bild stammt aus den 1930er-Jahren.
+
Im großen Festsaal des Gasthauses Scholvin-Ortmann wurde über viele Jahrzehnte ordentlich gefeiert. Dieses Bild stammt aus den 1930er-Jahren.

Riede – Soziale Unterschiede waren in früheren Jahren in den Dörfern noch deutlich ausgeprägter als heutzutage. Das gilt auch für die Ortschaft Riede. Hier – wie auch anderswo – waren zum Beispiel die Menschen, die aus den deutschen Ostgebieten in den Folgejahren des Zweiten Weltkriegs geflohen sind, nicht immer gern gesehene Gäste. Auch die Kleinbauern und Arbeiter hatten es schwer. Der Heimatforscher Dr. Fritz Garvens (im Jahr 2020 gestorben) erinnert daran mit einer von dieser Zeitung aufgearbeiteten Anekdote.

Garvens berichtet in seinem Heimatbuch: An einem Sonnabend im März 1947: Junge Bauern von größeren Höfen wollten einen Ball bei Scholvin-Ortmann feiern, zu dem der „Club der Kornblume“ eingeladen hatte. Zu diesem gehörten Landwirte aus Riede und den umliegenden Dörfern, aber auch Offiziere der ehemaligen Wehrmacht, der Arzt, der Zahnarzt und der Wachtmeister des Ortes waren eingeladen. Andere wurden jedoch nicht auf den Saal gelassen, man empfand sich als geschlossene Gesellschaft.

Bei den „anderen“ hatte sich aber herumgesprochen, dass bei Scholvin-Ortmann ein exklusiver Ball stattfinden sollte. Ein Evakuierter, der sich dennoch hineingeschlichen hatte, wurde des Hauses verwiesen. Er eilte mit dieser Nachricht in die Gaststube der ehemaligen Wirtschaft Otersen (später Iden, heute nicht mehr existent), wo viele seiner Freunde saßen. Diese zeigten sich empört. Man wollte den Ball platzen lassen. Der Alkohol tat sein Übriges. Verschiedene Gruppen machten sich auf den Weg. Auch einige Burschen, die nicht bei Otersen saßen, machten bei dem „Überraschungsbesuch“ mit.

Nicht nur nebenstehendes Geschehen aus Riede gehört der Vergangenheit an, auch das Gasthaus Scholvin-Ortmann ist bereits Geschichte. Archiv

Im schön geschmückten Saal war das Tanzvergnügen schon seit Stunden in vollem Gange. Nach Mitternacht kamen die Eindringlinge von allen Seiten. Zuerst wurden die auf dem Hof parkenden Kutschwagen demoliert, einer sogar in den Landesgraben geschoben. Dann wurden die Stromleitungen (damals noch oberirdisch) gekappt. Der Saal lag nun im Dunkeln. Jetzt drangen die „Aufständischen“ in den Saal vor. Sie kippten Geschirr um und machten in der Dunkelheit einen Riesenradau.

Die Feiernden machten sich auf den Weg nach draußen. Alle wurden mit Eimern voll Wasser und auch Jauche empfangen oder stolperten über Sandhaufen, die man auf den Flur gekippt hatte. Dem Dorfpolizisten, der eingreifen wollte, wurde ein Tischlaken über den Kopf gezogen.

Als Zeichen ihres Triumphes stürmten die jungen Leute die Tanzfläche und forderten die Kapelle zum Spiel auf. Im Schein von Kerzen und Petroleumlampen, die der Wirt schnell geholt hatte, damit nicht noch mehr Mobiliar und Geschirr zu Bruch ging, tanzten sie eine Runde mit den Mädchen und Frauen, die dem Spektakel mit stummem Entsetzen zugeschaut hatten. Danach war der Ball zu Ende. Polizeiliche Ermittlungen zu dem Vorfall verliefen weitgehend im Sande.

Bald darauf wurde bei Scholvin ein neuer Ball angesetzt, an dem alle teilnehmen konnten. Der Saal war voll besetzt, und der Bann war gebrochen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Glasfaser in Verden: Hausbesitzer reagieren irritiert

Glasfaser in Verden: Hausbesitzer reagieren irritiert

Glasfaser in Verden: Hausbesitzer reagieren irritiert
Wo im Kreis Verden die Hotspots liegen

Wo im Kreis Verden die Hotspots liegen

Wo im Kreis Verden die Hotspots liegen
Serie Hinterm Tresen: Dogan Can vom „Kebap House“ in Verden

Serie Hinterm Tresen: Dogan Can vom „Kebap House“ in Verden

Serie Hinterm Tresen: Dogan Can vom „Kebap House“ in Verden
Flüchtlingen droht Obdachlosigkeit

Flüchtlingen droht Obdachlosigkeit

Flüchtlingen droht Obdachlosigkeit

Kommentare